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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-22 · Heft 47 (22.11.1907) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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abzuschwächen. Dies soll durch Aufhebung beS Ansiedlungsrayons und der prozentualen Zulassung zu den höheren Lehranstalten erfolgen. Da diese Partei alS konstitutionelles Zentrum fungiert, scheint sie durch ihre Verbindung mit Stolypin die Witterung für das zu haben, was „oben" genehm ist, und was sie vielleicht auch durchsetzen wird. Die Kadetten und Sozialisten werden natürlich mehr verlangen — aber nichts erreichen. Noch weniger die zwei jüdischen Abgeordneten, Rechtsanwalt Nisselowitz aus Libau und Rechtsanwalt Friedmann aus Woronesch. Wenn nur nicht die Partei der Rechten mit ihrer Taktik durchdringt. Sie verlangt nichts mehr und nichts weniger als Repressivmaßregeln gegen die Juden und Einführung des Kriegszustandes in ganz Rußland. Und diese Partei steht bei Hofe gegenwärtig in hohem Ansehen! Man sieht, die Lage ist verworren und die Aussichten der Juden sehr schlechte. Die löerliner jüdische Gemeinde 1884—19117. 8. Berlin, 18. November, ie üblich, ist auch in diesem Jahre anläßlich der bevorstehenden Wahlen zur Nepräsentantenversammlung, die am 28. d. Mts. stattfinden, vom Vorstand der hiesigen Gemeinde ein Verwaltungsbericht für die Zeit der letztverflossenen drei Jahre, vom 1. April 1904 bis 31. März 1907, herausgegeben und mit dem für die gleiche Zeit zusammengestellten Rechnungsbericht und dem offiziellen Stimmzettel an sämtliche Zensiten versandt worden. Aus dem sehr beachtenswerten Verwaltungsbericht ist die erfreuliche Tatsache zu entnehmen, daß die Entwicklung der Gemeinde eine stetige und gedeihliche gewesen ist und zwar nicht nur betreffs der Mitgliederzahl, sondern auch betreffs der Neuschöpfung oder Erweiterung der der Gemeindeverwaltung unterstellten Institutionen. Während noch im Jahre 1901 die Anzahl der Besteuerten 23171 betrug, stieg sie im Jahre 1904 bereits auf 26471 und hat jetzt gemäß der diesjährigen Heberolle die stattliche Zahl von 30206 Zensiten erreicht. Die Differenz, um welche sich die Anzahl der Zensiten erhöht hat, ist also diesmal noch um 1435 größer gegenüber der Differenz, welche die Berichte von 1901 und 1904 ergeben hatten. Die Größe der Gemeinde kann natürlich aus diesen Zahlen nicht festgestellt werden, da bei der Zählung diejenigen Gemeindemitglieder nicht berücksichtigt sind, die infolge ihres geringen Einkommens von der Steuerpflicht befreit sind. Der Verwaltungsbericht nimmt an, daß die Anzahl dieser Gemeindemitglieder etwa in gleichem Verhältnisse gestiegen sein dürfte wie die Anzahl der Besteuerten. In jedem Falle ist jedoch die Zahl der nicht beitragenden Gemeindemitglieder ungleich größer als diejenige der Zensiten. War es noch in der vorigen Verwaltungsperiode nicht möglich, die steuerkräftigen Gemeindemitglieder festzustellen, so ist dank dem Entgegenkommen der zuständigen Behörden in dieser Beziehung ein Wandel eingetreten. Es ist ja ein altes Postulat, Mittel und Wege zu finden, um eine völlig erschöpfende Heranziehung aller jüdischen Steuerpflichtigen zu bewirken. Diese durchaus berechtigte Forderung, welche schon vor mehreren Jahren zur Einsetzung einer gemischten Deputation führte, die sich ausschließlich mit dieser Materie zu befassen hatte, ist nunmehr erfüllt worden. Vom Polizeipräsidium sind die Polizeireviere angewiesen, von den ihnen seitens des geschäftsführenden Ausschusses der Berliner Stadtsynode zur Eintragung des Religionsstandes zugehenden Auszügen aus der Liste der Steuerpflichtigen Berlins Abschriften der Auszüge aller derjenigen Personen auzufertigen, die als Juden gemeldet sind. Diese Listen gehen dem Vorstande der jüdischen Gemeinde von den einzelnen Polizeirevieren direkt zu. Während vor drei Jahren noch die Ermittelung der zum Judentum gehörigen Personen dem Gemeindebureau oblag und die Behörden nur auf Anfrage in jedem Einzelfall die für die Besteuerung erforderlichen Daten mitteilten, ist somit durch das dankenswerte Entgegenkommen der Behörden die Aussicht auf größtmögliche Vollständigkeit bei der Aufstellung der Gteuerlisten gewähr» leistet. Auch die bereits angekündigte Erweiterung des äußeren Nmfangs des Shnagogenbezirks ist inzwischen vorgenommen worden, und es ist recht interessant, mit welcher Bereitwilligkeit die Regierung die Einverleibung von Orten, die selbst in weiterer Entfernung von hier liegen, vornimmt, während in der Kommunalverwaltung doch zum mindesten größere Schwierigkeiten bereitet werden. So sind dem Berliner Synagogenbezirk einverleibt worden aus dem Kreise Teltow die Ortschaften Groß-Lichterselde, Lichtenrade, Wannsee, Zehlendorf, Schlachtensee, Dahlem, Grunewald-Forst, Groß-Ziethen, Spandauerberg, Pichelsberg, Teltow, Großbeeren, und aus dem Kreise Niederbarnim die Orte Heiligensee, Tegel-Forst mit Iungfernheide und Schulzendorf, Plötzensee, Tegel-Schloß, Biesdorf mit Gut, Blankenfelde mit Gut, Heinersdorf, Schildow, Lübars mit Waidmannslust. Durch den Eintritt der genannten Orte in den hiesigen Synagogenbezirk steigen selbstverständlich die Lasten der Gemeindeverwaltung in nicht unbedeutendem Maße, insbesondere wird die Friedhofskommission wegen der weiten Leichentransporte mit einer Erhöhung ihrer Ausgaben zu rechnen haben. Immerhin war es jedoch im allgemeinen Interesse geboten, daß sich die Gemeindeverwaltung diesen Verpflichtungen gegenüber einer großen Zahl bedürftiger Glaubensgenossen nicht entzog. Die Zahl der während der jüngsten drei Jahre durch Erklärung vor Gericht aus dem Judentum ausgeschiedenen Personen hat leider wieder eine Erhöhung gegen die beiden voraufgehenden Berichtsperioden aufzuweisen. In der Berichtsperiode betrug die Zahl 417 Personen, gegen 377 Personen in der letzten und 329 Personen in der vorletzten Verwaltungsperiode. Auch die Zahl derjenigen Personen, welche aus der Synagogengemeinde ohne gleichzeitigen Austritt aus dem Judentum ausgeschieden sind, ist etwas höher geworden; sie belief sich auf 42 gegen 29 im vorigen Triennium. Die umfassenden und großartigen Bauten der Gemeinde brauchen wir in dieser Zusammenstellung nur kurz zu erwähnen, da wir sowohl in den Repräsentantenberichten wie in Sonderartikeln die genaueren Einzelheiten steht berücksichtigt haben. Zur Bewältigung der stark vermehrten Bureauarbeiten wurde der Neubau eines zweiten Verwaltungsgebäudes erforderlich, in welchem die Armenkommission, Durchreisendenkommission. Fürsorgekommission, Friedhofs-, Baukommission und ferner neben der Zentralstelle für die Wohltätigkeitsanstalten noch Sitzungssäle und Arbeitszimmer für diejenigen Vereine sich befinden, welche dieser Zentralstelle angeschlossen sind. In dem nach Ablauf der noch bestehenden Mietskontrakte zu errichtenden Gebäude auf dern Terrain des Hauses Oranienburger Straße 28 sind weitere Arbeitsräume sowie auch die Unterbringung der Gemeindebibliothek vorgesehen, welche besonders durch die hochherzige Stiftung des Herrn Albert Wolf in Dresden eine beträchtliche Vermehrung erfahren hat und zur Freude der Gemeindeverwaltung eine stets steigende Zahl von Besuchern und Entleihern ausweist, daß es zum dringenden Erfordernis geworden ist, ihr größere und würdigere Räume zu schaffen. Tie vermehrte Verwaltungsarbeit hat naturgemäß auch die Neueinstellung von Beamten nach sich ziehen müssen. Bei der großen Fürsorge, welche die Gemeindeverwaltung durch stetige Verbesserung der Anstellungsverhältnisse sowie durch die jetzt vorbereitete Ordnung des Ruhegehalts und der Hinterbliebenenversorgung für alle ihre Beamten hegt, ist es eigentlich verwunderlich, daß noch immer ein fühlbarer Mangel an brauchbarem jüdischen Bureaupersonal besteht. Neuerdings ist ja in der Repräsentanz der beachtenswerte Vorschlag gemacht worden, durch Einstellung von Bureaulehrlingen den erforderlichen Nachwuchs zu schaffen, und Eltern und Vormünder sollten die Gelegenheit nicht verabsäumen, durch die Auswahl dieses Berufes ihren Pfleglingen eine bei der Bedeutung unserer Gemeinde sozial geachtete Position und eine Lebensversorgung zu geben. Zur Zahl unserer Synagogen ist die im September 1904 eingeweihte Synagoge in der Rykestraße hinzugekommen, welche ja, wie noch erinnerlich, Liberale wie Konservative, Orgelfreunde und Orgelgegner zu lebhaftem Streiten aufrief. Diese Streitaxt ist ja noch immer nicht begraben, wenn auch die Fehde durch die Länge der

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