Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
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soziale Verwaltung schwer gelitten; die Partei der schmutzigsten Unmoral, der Korruption und des Nepotismus in unerhörtestem Umfang haust dort seit Jahren mit einer Schamlosigkeit, die ihresgleichen sucht und deren Folgen nicht in Jahrzehnten ausgeglichen werden können." So urteilt ein kompetenter Beurteiler der Verhältnisse! Und dies Gemeinwesen stellt man in Parallele mit der wohlgeordneten Berliner Stadtverwaltung, gegen die selbst der erbittertste und gehässigste Gegner auch nicht den leisesten Einwand nach einer der Richtungen wird Zu erheben wagen, die in Wien so schar? getadelt werden. * Wie wir vorausgesagt, wird jetzt die Spionage-Affäre Ullmo von den französischen Antisemiten weidlich ausgebeutet, und die deutschen sekundieren ihnen prompt. In der „Libre Parole“ waren bereits folgende Unterschriften in Plakatschrift zu lesen: „Der Dreysus der Kriegsflotte. Siegel, der Schwarzkoppen Ullmos. Die Organisation des Verrats hat von Dreyfus bis Ullmo ununterbrochen gearbeitet." Auf die vielversprechenden Titel folgt diese Darstellung: „Das Ministerium sucht die öffentliche Meinung irrezuführen, indem es die ungeheuren Tatsachen verheimlicht, die in dieser Ullmo-Angelegenheit Tag für Tag ans Licht kommen. Sie ist die unmittelbare Fortsetzung der Dreysus-Angelegenheit. Dreyfus war Mitglied einer Spionbande im Solde Deutschlands. Er wurde ertappt, verurteilt, dann allerdings unter den bekannten Umständen rehabilitiert. Aber die Organisation ist mit ihm nicht verschwunden, sie hat fortgefahren um so bequemer zu arbeiten, als die Ueberwachung der Spionage Herrn Grunebaum anvertraut war, einem Glaubensgenossen der meisten Führer der Bande. Die Kriegsflotte war lange gegen die Unternehmungen der Verräter gesichert. Die Juden waren unter den Kämpfenden sehr wenig zahlreich. Admiral Siegel, ein hervorragender Offizier, ganz besonders im Dienste der Gegenspionage geschult. hatte daher lange gebraucht, ehe er seiner: kleinen Schwarzkoppen machen konnte. Ullmos Eintritt in den Generalstab unserer Geschwader weckte bei den Verrätern eine Hoffnung, die bekanntlich nicht getäuscht wurde. Man kann mit aller Bestimmtheit versichern, daß Ullmo durch Vermittlung des Admirals Siegel seine Schriftstücke Deutschland mitteilte. Man hat dafür im Auswärtigen Amt die schriftlichen Beweise. Was man in der Untersuchung gegen Ullmo entdeckt hat, ist atenrraubend. Nicht nur im Heere sind die jüdischen Offiziere 'im Dienste Deutschlands, auch im Kriegsministerium, im Großen Generalstabe gibt es Agenten. . . Ullmo wird von seinen amtlichen Spießgesellen ohne Mitleid behandelt werden. Man wird für ihn nicht die Anstrengungen machen, wie man sie gemacht hat, um Dreyfus zu retten. Dieser ist ertappt worden, ohne es gewollt zu haben. Ullmo aber hat unter dem Zwang seines Geldbedarfs die Unvorsichtigkeit begangen, Frankreich zu seinem alleinigen Vorteil nochmals die bereits an Deutschland verkauften Schriftstücke zu verkaufen, die der Bande gemeinsam gehören, seine Genossen werden ihn deshalb verlassen, aufgeben und bestrafen." Ferner schreibt dasselbe Blatt: „Wir können auf das kategorischste versichern, weil wir es aus bester Quelle haben, daß Kontreadmiral Siegel in dem Schriftstück, das dem Untersuchungsrichter Herrn Leydet in die Hände gefallen ist, ausdrücklich bezeichnet wird, in einer Weise, die jeden Irrtum unmöglich macht. Ullmo unterhielt seinen Briefwechsel mit Admiral Siegel durch Vermittlung von zwei Leuten: einem deutschen Juden, der Siegels Agent ist. und einem jüdischen Artillerieoffizier, der noch vor kurzem dem großen Generalftabe angehörte. Admiral Siegel hat Ullmo persönlich in Paris, im Hotel de l'Arcade am 16. August dieses Jahres gesehen. Er ist nach Berlin abberufen worden, weil er noch offenbarer bloßgestellt ist als Schwarzkoppen in der Dreysus- Affäre war. und weil seine Stellung in Paris unhaltbar gewesen wäre. Alles, was wir hier sagen, wird binnen kürzester Frist von den Tatsachen bestätigt werden, allen Anstrengungen der Beteiligten zum Trotze." Das setzt die „Libre Parole“ ihren Lesern 36 Stunden nach der Erklärung der „Nordd. Allg. Ztg." vor, daß Konteradmiral Siegels Abberufung von seinen: Pariser Posten mit der Ullmo-Angelegenheit nicht das geringste zu tun hat, und der „Frankfurter General-Anzeiger" weiß bereits zu berichten, daß „die regierenden Drehfusarden" sich beispiellos „viel Mühe geben", Ullmo vor dem Kriegsgericht zu bewahren. Ist das zu glauben? * Die rumänischen Antisemiten sind eine ganz besondere Species. Sie stehen wohl am. tiefsten unter allen. Man höre, was einem der Schlimmsten von ihnen kürzlich passiert ist: „Ganz Rumänien lacht jetzt über ein Journalistenstücklein, welches das demokratisch-unabhängige Blatt „Adeverul" dem ehemaligen Führer der rumänischen Sozialdemokratie Jon Nadejde gespielt hat. Nadejde, der seinerzeit zur liberalen Partei übergetreten ist, einer Partei, die freilich alles andere, nur nicht liberal ist, hält es für seine Hauptaufgabe, die Anhänger jener Lehren, die er einst vertreten, mit Schmutz zu bewerfen, sie der Polizei als Anarchisten zu denunzieren, ihre Ausweisung zu fordern und jede Gewaltmaßregel gegen sie zu billigen. Da Nadejde Leiter des offiziösen Regierungsblattes „Vointza Nationala" geworden ist, kann er seine neuen Neigungen an maßgebender Stelle anbringen. Mit besonderer Wut kämpst er gegen den „Adeverul", dem er im Bunde mit den meisten rumänischen Blättern der sogenannten Regierungsparteien, als im Dienste des Auslandes, der Fremden stehend und vaterlandsverräterisch bezeichnet und auch wegen seiner Stellung zur Zudenfrage befehdet. Nadejde hat in diese'm Kampfe aus der „Vointza Nationala", welche schon früher judenfeindlich war, ein richtiges antisemitisches Hetzblatt gemeinsten Stils gemacht. Vor einigen Tagen veröffentlichte nun die „Vointza" einen Brief, welchen der Jassyer Arzt und Führer der jüdischen Arbeiter Dr. Gelerter an ein amerikanisches Komitee gerichtet haben soll. Dr. Gelerter hat die Authentizität dieses Briefes bestritten. Für Nadejde wollte dies aber nichts bedeuten. Er griff Dr. Gelerter, den er übrigens einst selbst zum Sozialismus bekehrt hat, in heftigster Weife an, forderte seine Ausweisung usw. Dabei zog er auch den „Adeverul" in die Debatte. Dieser antwortete: Will die „Vointza" eine Debatte über die Judenfrage, so kann sie diese haben, und als erster Artikel erschien ein Aufsatz über die Judenfrage, über den die „Vointza" in heftigster Weise herfiel. Nadejde meinte in seinem eleganten Stile, „in einem andern Lande müßte das Haus dieses Blattes (des „Adeverul") samt der darin wohnenden Wanzen in die Lust fliegen". Diesen Angriffen schlossen sich alle Blätter der nationalistischen Parteien ohne Ausnahme an. Ja in Jassy beriefen die nationalistisch-antisemitischen Studenten für den Sonntag eine Protestversammlung ein. Der „Adeverul" schien vernichtet! Aber nur 24 Stunden vergingen und er konnte Nachweisen, daß der in Frage stehende Artikel eine, dazu noch abgeschwächte Wiedergabe der Ideen war, die Nadejde selbst seinerzeit allein unter den andern Führern der Sozialdemokratie vertreten hatte. Sämtliche Angriffe und Schimpfereien Nadejdes sowie der ganzen Presse fielen also auf ihn selbst zurück. Die Lektion war eine wohlverdiente, aber ob sie etwas nützen wird, ist fraglich. Renegaten pflegen eine dicke Haut zu haben." Was wird die dritte Duma Rußland bringen? So lautet heute die Frage im ganzen Lande. Natürlich sehen besonders die Juden mit großer Sorge den Ereignissen entgegen. Aber vielleicht gerade, weil sie nichts erwarten, werden sie am Ende angenehm enttäuscht werden. Freilich, den schönen Traum von völliger Gleichberechtigung, von Aufhebung aller Sonderbestimmungen mußten sie längst begraben. Die Konferenz der Oktobristen, die doch die mächtigste Partei der Duma zu sein scheint, hat in ihrem Programm sich gegen die sosortige Durchführung der Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen; sie hat sich aber doch bereit erklärt, die Härten der geltenden Gesetzgebung