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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-22 · Heft 47 (22.11.1907) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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jungen Gemeinde mtf die Zersetzung und Vernichtung des Judentums ausging. Man mag darin eine große Idee finden; jede Sache, die Erfolg hat, gilt später für eine große Idee. Daß aber die Juden diesem Zersetzungsprozeß Einhalt tun wollten, braucht ihnen noch immer nicht die Bezeichnung „Volk des Gesetzes" im verächtlichen Sinne einzutragen. Wer in dem Gesetz bloß eine lästige Fessel und einen Fluch findet, wie es der Verfasser der paulinischen Briefe tut, zeigt starke Neigungen zum Anarchismus. In seinem Vortrag betonte Delitzsch besonders den Gedanken, daß die drei wichtigsten Prinzipien im Judentum: die Einheit Gottes, die Nächstenliebe und die Sabbatruhe, ein Produkt der allmählichen Entwicklung seien. Die Gleichstellung der Sabbatinstitution mit der monotheistischen Idee und der Nächstenliebe ist nicht ganz richtig. Aber an sich haben wir gegen diese Behauptung nichts einzuwenden. Im Judentum ist alles geschichtliche Entwicklung, was seinen größten Ruhm bedeutet. Mit der fortschreitenden Bildung hat sich auch die Gotteserkenntnis im jüdischen Volke entwickelt, aber ebenso auch der ethische Gedanke der Nächstenliebe, die sich noch Jahrhunderte vor dem Auftreten Jesu im Sinne des edlen Kosmopolitismus ausgebildet hat. Auch die Einrichtung der Sabbatrnhe hat bereits im Deutoronomium eine ausgeprägte sozialpolitische Tendenz erhalten. Was das Christentum wirklich auszeichnet, das ist die Bestrebung, das rituelle Zeremoniell, das Gesetz, aufzuheben. Indessen wird die Bedeutung dieses Vorganges sehr überschätzt. Ans dem zeitgenössischen jüdischen Schrifttum geht zur Genüge hervor, daß das Verhältnis der Juden zu der heidnischen Welt auch ohne die Preisgabe des jüdischen Zeremoniells das beste sein konnte. Die Bestrebungen Paulus' richteten sich in erster Reihe gegen den nationalen Fortbestand des jüdischen Volkes, und es ist bezeichnend genug, daß er, der zugestandenermaßen Jesus nie gesehen, sondern im Gegenteil dessen Schüler anfänglich in blinder Wut verfolgt hat, später ein besserer Interpret der Absichten Jesu sein wollte, als dessen Bruder Jakob und dessen Lieblingsjünger Simon-Petrus. Nichtsdestoweniger werden auch wir Juden den Vorträgen Delitzsch' das größte Interesse entgegenbringen. Es ist ein bedeutsames Zeichen der Zeit, daß die gebildete christliche Welt, nach religiöser Wahrheit suchend, den ganzen dogmatischen Unterbau des Christentums aufgibt, um sich zu einer Weltanschauung zu bekennen, welche nichts anderes als die des fortgebildeten und wahrhaft freien Judentums ist. Wir lasten uns in dieser Betrachtung der Dinge auch nicht durch die Seitenhiebe auf das Judentum und die Lobhymnen auf das Christentum stören, durch welche sich mancher Kämpfer für religiöse Freiheit saldieren zu müssen glaubt. Wir müssen nur immer daraus sehen, daß die geschichtlichen Tatsachen nicht ans den Kopf gestellt werden, indem man einerseits die Entstehung des Christentums auf eine Entwicklung der sittlichen Ideen im Menschen zurückführt, anderseits aber diese ganze Evolution im Reiche der Ethik von dem palästinensischen Boden fortreißen und nach irgend einem Utopia verlegen möchte. Ist es doch eine beliebte Phrase im Munde moderner Apologeten, Jesus von Nazareth, dessen göttliche Abstammung sie nun einmal nicht mehr behaupten können, lieber von einer Mischlingsfamilie abstammen zu lassen als von einer jüdischen. Ein Sohn des verhaßten jüdischen Volkes darf er eben nicht sein. Bon dieser albernen Rassenkonjunktur hält sich Delitzsch in anerkennenswerter Weise fern und darin liegt vornehmlich die Bedeutung seiner letzten Vorträge. Dir Mache. Berlin, 19. November ür das Verhältnis der nationalliberalen Partei zu den Juden hat die letzte Woche wieder sehr merkwürdiges Material beigebracht. Dieselbe Zwiespältigkeit, die in dn Partei über die wichtigsten Fragen des politischen Lebens z» finden ist, herrscht auch in ihren: Verhalten zu den Jude» einer-, zu den Antisemiten anderseits. Neben entschiedene» Philosemiten sitzen dort einträchtig Gönner der verschämten und sogar auch vernicht verschämten antisemitischen Richtungen. In der nationalliberalen Jugend ist der Geist der Humanität und der liberalen Gesinnung auch nach dieser Richtung hin überwiegend. Einer ihrer Führer, Profeffor Sunkel in Cassel, ist sogar sehr scharf gegen den Antisemitismus aufgetreten. Andere haben „den Kampf gegen Zentrum und Antisemitismus bis zur Vernichtung" als die große politisch Aufgabe der Partei proklamiert. Demgegenüber stehen allerdings Taten und Worte angesehener nationalliberaler Führer, die ganz anders klingen. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Der Abgeordnete Hage mann in Erfurt ist in jüngster Zeit offen als Protektor des „Deutsch-nationalen Handlungsgehilfeiiverbandes" aufgetreten, dessen antisemitische Richtung ja außer Zweifel steht und dessen öde Renommistereien die „Norddeutsä r Allgemeine Zeitung" erst vor kurzem entschieden zurückgewiesen hat. Man sollte es kaum glauben, daß ein Nationalliberaler seine Sympathien mit den Antisemiten so energisch kundgil t, daß er sogar das Organ der eigenen Partei dabei gründlich desavouiert. Dies Bekenntnis zur antisemitischen Fahne ist um so auffallender, als der betreffende Abgeordnete mit Hibs der Freisinnigen gewählt worden ist, und als bei den letzte» Reichstagswahlen in dem Nachbarwahlkreise Eisenach dir Schackschen Antisemiten in der skrupellosesten Weise gegen de» Kandidaten der Nationalliberalen gekämpft haben. ft Ein antisemitisches Blatt ist auf den grotesken Einfall gekommen,die Stadtverwaltungen von Wien und Berlin in Parallele zu bringen und letzteres auf Kosten des ersteren herabzusetzen. Die Anklage gegen Berlin verdient niedriger gehängt zu werden. „Einen Vergleich mit Wien kann Berlin nach der sozialen Seile hin absolut nicht aushalten, vielmehr können die Errungenschaften des christlich-sozialen Bürgermeisters Dr. Lueger Herrn Kirschner m r als nachahmenswerte Vorbilder vor die Augen gestellt werden. Wieviel wichtiger als die Krankenpaläste sind Luft und Licht für die Gesunden, wie Lueger sie durch das Wald- und Wiesengesetz den Gesunden gerettet! Wie unendlich viel ist in Berlin noch in der Richtung der Verstadtlichung zu tun! Solche großzügige sozial Reformarbeit nach dem Muster von Wien und vielen deutschen Städten, nie aber eine kleinliche Aufstachelung der Hausbesihe - interessen kann einen Aufschwung in Berlin bringen. Von Freisinn und Sozialdemokratie ist gesunde Sozialpolitik und ernste Fürsorge für die wirtschaftlich Schwachen niemals zu erwarten. Daher ist eine Erneuerung der kommunalen Bürgerpartei durchaus notwendig. Der Ring muß gesprengt werden! Wer legt die Hand an?" Hinc illae lacrimae! Die schmähliche Niederlage der antisemitischen Bürgerpartei auch bei den letzten Kommunalwahlen in Berlin sowohl wie in Charlottenburg, wo sie sich sogar getaufter und ungetanster Hilfe zu erfreuen hatte, ist der Grund zu diesen Auslassungen. Trotzdem muß man zugestehen: das Kunststück, Wien gegen Berlin auszuspielen, ist und bleibt ein originelles! „Wien hat durch die christlich"

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