Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 47. Allgemeine Berlin, 22. November 1907. eitung des Audenlums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnem en ts-pr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!» 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipxsoir. Verlags-Expedition; Berlin, Jerosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Seljgjonsgklchjchtliche Belehrung. Berlin, 18. November, riedrich Delitzsch setzt seine populärenreligionsgeschicht- - lichen Vorträge von neuem fort. Wir möchten gleich i rvorheben, daß sie in der letzten Zeit einen erfreulichen Fort- > hritt nach der Richtung aufzuweisen haben, daß Delitzsch auf fett sensationellen Aufputz, durch den seine ersten Babel- und ibel-Vorträge ein so weitgehendes Aussehen erregten, bereits verzichtet hat, um seinem Publikum wirkliche populär-wisseni haftliche Belehrung zu bieten. In seinem letzten Vortrag, - m er vor wenigen Tagen in der Lessing-Gesellschaft hielt, i eschästigte er sich vornehmlich mit der Entstehung des Christenl uns und dessen Entwicklung aus dem Judentum. Wenn »err Delitzsch den Boden der geschichtlichen Untersuchungen i stritt, so ist eine Verständigung mit ihm leicht möglich. enn es handelt sich nicht mehr um dogmatische Fragen, "ndern um geschichtliche Kritik, nicht um Glauben oder ' nglauben, sondern um Tatsachen und geschichtliche Ereignisse. Friedrich Delitzsch gibt, wie allerdings nicht anders zu i warten stand, das Dogma von der übernatürlichen Geburt Jesu > inzlich auf. Vor ihm haben es bereits jüdische Apologeten etwa l uderthalb Jahrtausende hindurch betont, daß die Stelle in esaja, aus der man die übernatürliche Geburt Jesu herleiten Zollte, weder von einem Messias noch auch von einer gearenden Jungfrau spricht. Dieses Mißverständnis hätte niemals! i der christlichen Theologie solche tiefe Wurzel gefaßt, wenn Ne Christenheit das biblische Schrifttum so eisrig gelesen haben nürde, wie es die Juden zu allen Zeiten taten. Schon die ältesten evangelischen Schriftsteller haben bie. i iblischen Schriften, aus denen sie unter allen Umständen leugnisse und Andeutungen für das dereinstige Erscheinen des übermenschlichen Messias herauslesen wollten, mit großer Oberflächlichkeit und mit Mangel an wissenschaftlicher Treue Gehandelt. Es mußte im Laufe der Jahrhunderte dahin lommen, daß die Heilige Schrift von christlichen Scholastikern um Tummelplatz der waghalsigsten Exegese gemacht wurde, ins Juden sagt daher Friedrich Delitzsch in dieser Beziehung nchts Neues. In verschiedenen hebräischen Schriften, von enen ein guter Teil noch in den Bibliotheken handschriftlich lagert, haben die Juden im Mittelalter gegen die christologische -chriftdeutung entschieden genug polemisiert. Allerdings batten sie dabei mehr zu wagen, als es jetzt bei solchen Erörterungen der Fall ist. Eine objektive Untersuchung, die sich lediglich auf die geschichtlichen Quellen stützt, kann sich aber mit der Zurückweisung des Glaubens an die übernatürliche Geburt und göttliche Natur Jesu nicht begnügen. Ein amerikanischer christlicher Apologet, der vor Jahrzehnten gegen David Strauß auftreten zu müssen glaubte, meinte in seiner Widerlegung des deutschen Stürmers recht naiv, Jesus könne nur als Sohn Gottes, indem wir ihm selbst Göttlichkeit zusprechen, so geredet haben, wie ihn die Evangelisten reden lassen; aus dem Mund eines Menschen klänge ja alles unbescheiden und vermessen. In diesem naiven Ausspruch eines gläubigen Apologeten liegt der Kernpunkt der Wahrheit. Was an der Erzählung von der Persönlichkeit, von dem Auftreten und Wirken Jesu geschichtlich wahr ist, wird man wohl nie seststellen können. So aber, wie ihn die Evangelisten schildern, muß er wirklich nur „Gottes Sohn" sein, uni verstanden zu werden. Wird der Glaube an seine göttliche Natur preisgegeben, so ist alles, was mau ihm sonst zuschreibt, bloß subjektiver Gesühlsausdruck. Friedrich Delitzsch läßt Jesus von Nazareth als einen großen Propheten in Israel auftreten, als Fortbildner des Judentums im Sinne des höchsten Universalismus, worin er selbst den großen exilischen Propheten Jesaja II. übertroffen haben soll. Für ihn ist Jesus ein gewaltiger Redner, der seinem Volke ethische Wahrheiten zuruft, und zwar solche, welche die engen nationalistischen Schranken kühn durchbrechen. Da aber manche ihm in den Mund gelegten Worte dieser Behauptung widersprechen, so gibt es ja ein bequemes Auskunftsmittel dafür: Jesus habe zuweilen einen Rückfall in die jüdisch-nationalistischen Anschauungen erlebt. Das ist, wenn man will, eine mehr oder weniger gelungene Apologie; mit der geschichtlichen Wahrheit aber hat es nichts gemein. Der Prophetismus Israels hatte sich schon längst von dem Wunderglauben losgelöst. Wenn das „Volk des Gesetzes", wie Delitzsch sich ausdrückt, dem Christentum hartnäckigen Widerstand leistete, so bedeutet dies nichts anderes, als daß gebildete und gelehrte Juden, die Sadduzäer und die Pharisäer, für die im Evangelium erzählten Wunder kein Verständnis zeigen konnten. Was sollte in diesen Aussprüchen gebildeten und gelehrten Juden so besonders auffallen? Was Jesus in den Mund gelegt wird, ist entweder der Gedankenwelt der damaligen Juden entnommen oder ziemlich allgemein. Auf ungebildete Juden aus den unteren Schichten, auf Heiden und Mischlinge mag es einen großen Eindruck gemacht haben, wenn die Apostel von Jesus Auftreten zu erzählen wußten und ihm Bibelverse, natürlich durchgehend falsch, zitieren lassen. Die gebildeten Schichten des jüdischen Volkes hatten für dieses Treiben nur ein Kopsschütteln. Der Antagonismus zwischen Juden, Juden-Ehristen und Heiden-Christen begann erst um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, als nach dem schrecklichen Ende des Hadrianischen Krieges ein Teil der