Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 46. Berlin, 15. November 1907. Der Gemeindevme. ÜSriliigr zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrelponLknZen und Machrichtm. Deutschland. 8. Berlin, 8. November. Im Verein sür jüdische Geschichte und Literatur hielt am 5. d. M. Geheimrat Prof. Dr. Josef Köhler einen sehr instruktiven Vortrag über das Recht im Talmud. Die Beleuchtung der wichtigsten Materien des Rechts im Talmud durch eine so hervorragende Autorität war natürlich von allgemeinem Interesse. Fast durchweg kam der Redner zu dem Resultat, daß das talmudische Recht von merkwürdiger Klarheit und logischer Schärfe, aber auch von echter Humanität erfüllt und vielfach vorbildlich für die späteren Rechtssysteme gewesen sei. Ein kurzer Auszug aus einem so inhaltreichen Vortrage schließt sich natürlich von selbst aus, da er nur ein sehr unvollkommenes Bild des Ganzen geben würde. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen.' In Eberswalde sprach Rabbiner Dr. Rosenthal-Berlin über „Judentum und Vaterlandsliebe", in Lissa Lehrer Schreiber-Deutsch-Krone über „Rabbi Gerschomb. Jehuda. den ersten Lehrer der deutschen Inden", in Ratibor Herr Franz Landsberger-Breslau über „Jüdische Legenden", in Magdeburg Rabbiner Dr. Wilde über „Protestantismus und Judentum", in Hatti ngen Rabbiner Dr. Samuel. Essen über den „Talmud", in Elberfeld Herr Hermann Strauß über den „Frankfurter Delegiertentag", in Frankfurt a. M. Rabbiner Dr. Ka atz-Zabrze über „Ghettoliteratur", in Mannheim Privatdozent Dr. Go l d st ei n - Darmstadt über „Spinoza". — Aus Teplitz i. B. wird uns über eine sehr interessante Gedenkfeier zu Ehren Berthold Auerbachs berichtet, die der dortige jüdische Volksbildungs- und Geselligkeitsverein am 27. v. M. veranstaltet hat und bei der der Sohn des Dichters, Herr Rudolf Berthold Auerbach-Breslau, die Gedächtnisrede hielt, in der er seinen Vater als Dichter. Menschenfreund und Juden schilderte. Die Rede hat einen tiefen Eindruck gemacht. — Ein neuer Literaturverein ist in Ritschenwalde gegründet worden. In den Vorstand wurden gewählt die Herren I. Breslauer, Vorsitzender, Z. Rummelsburg, erster Stellvertreter und Hermann Köln, Schriftführer und Kassenwart. Rabbiner Dr. Dünner-Rogasen hielt den ersten Vortrag über „Jüdische Kunde in deutschem Munde". s. Berlin, 10. November. Die Rudolf Mossesche Erziehungsanstalt in Wilmersdorf-Berlin versendet soeben ihren Anstaltsbericht über die beiden Schuljahre vom 1. April 1905 bis 31. März 1907. Der Direktor der Anstalt, Dr. Heinitz, gibt Rechenschaft von dem Anstaltsleben. Schon jetzt, nach zwölfjährigem Bestehen, läßt sich überblicken, daß die Anstalt die Ziele verwirklicht, auf die hin sie gegründet wurde: die Kinder gebildeter, durch den Tod des Ernährers oder sonstwie in wirtschaftliche Not geratener Familien frühzeitig zu selbständigen, der eigenen Kraft vertrauenden Menschen heranzubilden, die sür sich selbst sorgen und noch ihren Familien eine Stütze sein können. Bei aller Pflege der Geisteswerte hat die Erziehung in dieser Anstalt einen durchaus praktischen Zuschnitt. Die Mädchen lernen die Handarbeiten bei der Instandhaltung der eigenen Garderobe, die Knaben erwerben sich durch Handfertigkeitsarbeiten und Bestellung des Gartens allerlei nützliche, für das Leben brauchbare Kenntnisse. Auch dadurch, daß die älteren Mädchen in Stenographie und Handhabung der Schreibmaschine unterwiesen werden, bringen sie eine gute Vorbildung für den späteren Beruf mit. Von den in der Anstalt erzogenen Knaben haben 3 studiert, 4 studieren noch, 2 wurden Beamte, 1 Lehrer, 23 Kaufleute, 1 Landwirt, 2 Künstler, 7 Handwerker, 1 Schreiber, 1 Kellner, 2 Zahlmeister, 1 Feuerwerker, 2 gingen zur See. Von den Mädchen wurden 6 Lehrerinnen und Erzieherinnen, davon ist eine zur Aushilfe in der Anstalt angestellt, 3 besuchen das Seminar. 2 wurden Kindergärtnerinnen, 1 Schauspielerin, 1 Beamtin, 21 Buchhalterinnen und Stenographinnen, 8Verkäuferinnen, 2 Putzmacherinnen, 5 sind in der Hauswirtschaft tätig und eine Kunstzeichnerin hat bereits ein eigenes kunstgewerbliches Atelier. Der Gesarntetat betrug 1905 06 72273 Mark. 1906/07 75 250 Mark. Unter den Eltern der Kinder waren alle Stände vertreten: Offiziere, Universitätsprofessoren, Geistliche, Lehrer, Aerzte, Juristen, Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Kaufleute, Fabrikanten, Schiffskapitäne, Landwirte und Handlverker. Und der Konfession nach waren 55 Kinder evangelisch, 43 jüdisch, 2 katholisch. Den jüdischen Religionsunterricht erteilte Lehrer- Blum ent ha l. An den Sonn- und Feiertagen besuchten die Kinder das Gotteshaus der Resormgemeinde, woselbst auch mehrere konfirmiert wurden. 8. Berlin, 11. November. In der Zweiten Monatshälfte wird, wie schon mitgeteilt, in der Galerie sür alte und neue Kunst, Wilhelmstraße 45, eine Ausstellung von Bildern und Skulpturen jüdischer Künstler stattfinden. Von hervorragenden verstorbenen Künstlern werden durch eine Reihe von Werken vertreten sein: Der russisch-jüdische Bildhauer Mark Autokolski, Camille Pizzaro, Simeon Solomon, der Vorläufer des englischen Präraphaelismus, Henry Levy, der Schöpfer der Monumentalbilder im Pariser Pantheon; Moritz Gottlieb, ferner der dänisch-jüdische Künstler Professor David Monies. Von lebenden Künstlern beteiligen sich neben den in Berlin schaffenden aus dem Auslande unterandern Josef Israels, Solomon I. Solomon, Mitglied der Königlichen Akademie in London; Frank S. Emanuel, Wolmark, Joses Oppenheimer (London), Isaak Israels, Manzaua Pizzaro, Jules Adler. Jules Benoit Levy. Alphonse Levy, L. Pilicholvski, Jacques Hast, Eugen Spiro, Israel Rachumowski, B. Elkan (Paris), Professor- Leopold Horovitz, Isidor Kaufmann, Lazar Krestin. Nikolaus Schattenstein, Pollak-Karlin (Wien), Professor Samuel Hirszenberg, M. Trebacz, Frommer, Merkel. Markowicz (Krakau), Professor Pasternak, Elias Günzburg, Weinles, Minkowski (Ausland und Polen), H. Glicenstein (Rom), Professor Benno Becker (München), Max Stern (Düsseldorf), Boris Schatz (Jerusalem). Sehr interessante Gegenstände umfaßt die Abteilung der synagogalen Altertümer, die hauptsächlich aus den jüdischen Museen in Wien und Hamburg stammen. Es befinden sich darunter sehr wertvolle kunstgewerbliche Arbeiten jüdischer Künstler aus den früheren Jahrhunderten. Das moderne jüdische Kunstgewerbe ist durch die ersten Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule „Bazalel" in Jerusalem vertreten, die einen neujüdischen Stil anstrebt. Die Ausstellung ist mit einem wohltätigen Zweck verbunden; aus dem Reingewinn sollen Stipendien für angehende jüdische Künstler geschaffen werden. — Die meisten ansstellenden Künstler spendeten für den wohltätigen Zweck eines oder mehrere ihrer Werke, die in einem besonderen Raume zum Verkauf gelangen werden. Eine Reihe von hervorragenden jüdischen Kunstmäcenen in Berlin hat einen Betriebs- und Garantiefonds für das Unternehmen geschaffen. Der Tag der Eröffnung wird durch Säulenanschlag und Ankündigung in der Tagespresse bekannt gegeben werden. Adresse des Ausstellungsbureaus : Berlin-Halensee,Johann-Sigismund-Straße 3 (Tel.Wi. 1757). 8. Berlin, 8. November. Der Ausschuß zur Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen erläßt in diesen Tagen den folgenden, allgemein zu empfehlenden Aufruf an alle Glaubensgenossen in Deutschland: Sieben Jahre sind vergangen, seitdem wir uns um Ihre Mitwirkung bei der Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen bewarben. Was wir damals ansührten, mehr noch aus Vertrauen als aus Erfahrung, hat inzwischen den festen Boden der Tatsächlichkeit gewonnen. Beseitigt sind die Zweifel der Aerzte an der Gleichwertigkeit einer jüdischen Schwester, behoben ist das alte Vorurteil, daß die Jüdin für solchen Beruf nicht ideal genug geartet sei, und besiegt auch die Furcht vor den vermeintlichen Gefahren der Krankenpflege. Wie im Fluge hat sich die jüdische Schwester ir ihrem Wirkungskreise die Herzen erobert, sie hat dem jüdischen Namen Ehre gemacht, und man weiß heute, daß sie tüchtig ist und keiner anderen nachsteht! Im Einklang damit hat sich allmählich die Nachfrage nach jüdischen Schwestern so gesteigert, daß sie längst nich