Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · p. Seite 552

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 552 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228791--63972-3297913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1 552 Erwide ru ng. uf die Erklärung der „Alliance lsraelite Universelle" muß ich in Kürze antworten: Zunächst schreibe ich mir als Historiker das Recht zu, über die geschichtlichen Vorgänge und Einrichtungen, die das von mir behandelte Thema umfaßt, mein auf sorgfältiges Studium und reifliche Erwägung begründetes Urteil abzugeben. Zu solchen Vorgängen und Einrichtungen gehört auch die Gründung und Leitung der Alliance. Nach dieser grundsätzlichen Verwahrung komme ich auf die hauptsächlichen Berichtigungen, die die Alliance meiner Darstellung zuteil werden läßt. 1. Daß ihr weit ausholender, internationaler Titel von vornherein lebhafte Besorgnis erweckte, ist eine geschichtliche Tatsache. Man sehe darüber die „Allgemeine Zeitung des Judentums", Jahrg. 1860, S. 557 ff. 612 s. Und zwar fürchtete man schon damals das Vorurteil, daß eine dauernde und organisierte Verbindung der Israeliten aller Länder neu Hervorrufen müsse, sofern es die angebliche Solidarität sämtlicher Juden für jedweden Zweck betrifft. Diese Voraussicht hat sich leider in vollem Maße verwirklicht. Nicht nur Ehren-Gödsche, sondern die Antisemiten aller Länder, Frankreichs nicht minder als Deutschlands, haben der Alliance eine solche irrtümliche Bedeutung bei gelegt und damit die öffentliche Meinung nicht unwesentlich beeinflußt. Sogar viele sonst unbefangene Christen haben mir selbst gegenüber aus dem Titel der Alliance derartige ebenso schädliche wie unberechtigte Folgerungen gezogen. Die Leiter der Alliance wissen selber am besten, daß die Negierungen und die gesamten Judenfeinde Rumäniens und Rußlands das Eintreten dieser internationalen Verbindung für die dortigen Israeliten häufig benutzt haben, um diesen den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, ja des Vaterlandsverrates entgegenzuschleudern. 2. Diese immerhin bedenklichen Tatsachen Hütte man gern in den Kauf genommen, wenn die Alliance wirklich den Charakter einer Vereinigung aller Israeliten in völliger Gleichberechtigung gewesen wäre. Aber nein — sie hat von vornherein den klaren Stempel der kleinen französischen Minderheit unserer Glaubensgenossenschaft getragen und diesen bewahrt, wenn auch in neueren Tagen — zu einer Zeit, die weit außerhalb der in meinem ersten Bande behandelten Epoche liegt — die Zahl der auswärtigen Mitglieder des Zentralkomitees vermehrt worden ist. Jeder, der in diesen Dingen Erfahrung besitzt, weiß sehr wohl, daß solche fremden Mitglieder eines Ausschusses teils selten, teils nie die Sitzungen besuchen. Der Sitz des Zentralkomitees aber ist und bleibt Paris, die Geschäftsleitung ist eine ausschließlich französische. Wenn der internationale Charakter eine Wahrheit werden sollte, so müßte der Sitz des Zentralkomitees — wie es bei anderen internationalen Verbänden geschieht — in bestimmten größeren Zeiträumen abwechselnd nach den Hauptstädten der wichtigeren in der Alliance vertretenen Länder verlegt werden; wenigstens müßten dort abwechselnd Generalversammlungen stattfinden. Nichts davon ist auch nur versucht worden. Solcher Ausschließlichkeit der Leitung entspricht auch die Tätigkeit der Alliance. Ich sehe hier voll der eigentlichen Politik ganz ab und erwähne nur, daß in sämtlichen Schulelr der Alliance die Unterrichtssprache die französische ist. Nur in vier Schulen wird das Deutsche nebensächlich gelehrt, ilnd zwar in dreien mit einer so schwachen Stundenzahl, daß das Ergebnis recht geringfügig ist. Lediglich die Goldschmidtschule in Konstant'nopel hat deutsche Unterrichtssprache, aber sie ist keine eigentliche Schule der Alliance, die ihr nur eine Unterstützung von jährlich etwas über 3000 Franken zukommen läßt. Und das alles, obwohl die Handels- und Verkehrsinteressen des Orients in wachsendem Maße nach Deutschland gravitieren, so daß die Verbannung des Deutschell aus den Schulen den Zöglingen zum Schaden für ihre zukünftige Erwerbstätigkeit gereicht und obwohl die sehr zahlreichen neu eingewanderten Juden des Orients zumeist einen deutschen Jargon sprechen, so daß ihren Kindern das Erlernen des Schriftdeutschen das Leichtere und Natürlichere wäre. Wer meine historischen Veröffentlichungen und im besonderen die vorliegende neueste Geschichte des jüdischen Volkes kennt, der weiß, daß ich vom deutschen Chauvinismus himmelweit entfernt bin und zumal dem französischen Volkstum gerechter Weise ein reiches Maß von Würdigung und Sympathie entgegen bringe. Aber deshalb darf ich nicht das ausschließliche Franzosentum der Alliance billigen, das weder ihrer internationalen Bestimmung, noch der veränderten Weltlage entspricht. 3. Was ich über die Mängel der Allianceschulen im Orient gesagt habe, halte ich in vollem Maße aufrecht. Jeder Kenner der Verhältnisse lvird mir darin beipflichten. Um mich hier nicht in Einzelheiten zu verlieren, frage ich die Alliance nur: wie kommt es, daß trotz ihrer seit Dezennien bestehenden Schulen die Juden im Orient — mit Ausnahme einzelner besonders begabter oder vom Glück begünstigter Individuen — in dem gleichen Zustande sozialer, ökonomischer und kultureller Minderwertigkeit verbleiben? Und das, während die christlichen Elemente, die Armenier und zumal die Griechen infolge ihrer ausgezeichneten und systematisch gegliederten Unterrichtsanstalten in überraschend glänzenden und fruchtbarem Aufsteigen begriffen sind. Freilich passen die christlichen Anstalten ihre Unterweisung verständnisvoll den Anschauungen, Ueberlieferungen und Bedürfnissen ihrer Zöglinge an und nötigen diesen nicht eine ihnen völlig fremde, sie verwirrende und deshalb schädigende, oft geradezu antijüdische Kulturweise auf. Dieses letztere System ist notwendigerweise mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Man sehe die unsäglich verkommenen und schmutzigen, von Trödlern, Hausierern, kleinen Handwerkern und Vermittlern bewohnten Judenviertel der levantinischen und ägyptischen Städte und überzeuge sich da, wie wenig das Erziehungswerk der Alliance gewirkt hat. Daß da dem für seine Glaubensgemeinschaft warm empfindenden Juden einmal ein bitterer Ausdruck in die Feder fließt, ist leicht verzeihlich. Die Jrrtümer und Verfehlungen zahlreicher höherer Angestellter derselben — die der ganze Orient kennt — hier aufzuführen, enthalte ich mich um der Sache willen. Eine persönliche Aufsicht von Mitgliedern des Zentralkomitees wäre längst dringend geboten. Alle jene Dinge habe ich nicht zum ersten Male zur Sprache gebracht, sie sind vielmehr der Alliance oft und in viel schärferer Weise gesagt worden; sie hat nicht darauf gehört und das einmal befolgte System unentwegt fortgesetzt. Wahrlich, nicht die Lust am Tadeln hat mich zu meiner Darlegung veranlaßt, nuch keine Gegnerschaft wider die sonst so verdienten und von mir hochgeachteten Männer, die in Paris die Leitung in Händen haben, sondern das brennende Mitleid mit unseren unglücklichen orientalischen Glaubensgenossen, sowie der innige Wunsch, daß hier endlich Besserung geschafft und die großen pekuniären Mittel, die der Alliance zur z Verfügung stehen, in angemessener Weise verwendet würden. Endlich möchte ich die Herren bitten, ehe sie berichtigen, sich erst Kenntnis von dem »vahren Sachverhalt zu verschaffen. Im November 1872 beschloß in der Tat, auf Anregung Makowers, eine Versammlung deutscher Alliance-Mitglieder in Berlin, eine nur in loserem Zusammenhänge mit dem Zentralkomitee stehende „Israelitische Alliance in Deutschland" zu begründen. Der Plan scheiterte aber an dem Widerstande des Pariser Zentralkomitees. Das kann jedermann in den jüdischen Blättern jener Zeit lesen; den Verfassern der „Erklärung" scheinen solche aber nicht zu Gebote gestanden haben. Dies ist mein erstes und letztes Wort in einer Polemik, die bei weiterer Fortsetzung nur schädlich wirken würde. Professor Dr. Martin Philippson. Lrirkksltrn drr Hedaktion. M. M. hier: Der Monat „siw“ hat mit dem Monat „siwan“ nichts gemein. Im altisraelitischen Kalender hieß der zweite Monat, entsprechend ungefähr unserem Mai, *)j (mit weichem ,,s“ zu sprechen), welche Benennung wahrscheinlich „Glanzmonat" bedeutet. Im babylonischen Exil übernahmen die Juden die Monatsnamen der Babylonier, und da hieß der dritte (wenn vom Tischri gezählt, der neunte) Monat Juni, „siwan“ (piß), mit hartem „s“. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.