Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · p. Seite 551

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228791--63971-3297912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

551 England mehr Geld für eine besondere Vereinigung zu erlangen wäre, die gleichwohl in deutlichem Zusammenhang mit der Alliance stünde. Niemals hat es einen „Abfall" gegeben, und unsere Beziehungen sind immer ungetrübt und freundschaftlich gewesen- Tatsächlich wird ein großer Teil unseres Geldes als Zubuße für die Allianceschulen verwendet.) Auch bezüglich der Israelitischen Allianz zu Wien ist die Darstellung des Herrn Philippson unzutreffend. Die Israelitische Allianz zu Wien hat sich 1873 gebildet, einfach weil das österreichische Staatsj gesetz die Bildung von Komitees einer Gesellschaft verbietet, deren Zentralsitz sich außerhalb Oesterreichs befindet. Dieser gesetzlichen Vorschrift mußte natürlich Folge gegeben werden. In Ungarn gilt das eben erwähnte österreichische Staatsgesetz nicht, hier bestehen die alten Alliancekomitees fort. Dies findet beweiskräftige Bestätigung durch nachstehendes Schreiben, das der Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien unter dem 20. Oktober auf unsere Anfrage an uns gerichtet hat: Sehr geehrte Herren! j „Wir.danken Ihnen sehr für die freundliche Mitteilung des auf! die Alliance bezüglichen Passus im Buche des Herrn Professor! Philippson, den auch wir mit großem Befremden und mit Bedauern - über die tendenziöse Darstellung gelesen haben.! Wir können gleich der Anglo Jewish Association nur bestätigen daß von einer Loslösung oder gar von einem Abfall von der Pariser- Organisation bei der Gründung der unsrigen nicht die Rede sein konnte, daß es sich vielmehr neben der Rücksicht auf die Staatsgesetze darum handelte, größere Mittel für allgemeine jüdische Hilfszwecke in unserem Lande aufzubringen, als es für ein Komitee eines auswärts domizilierten Vereins möglich gewesen wäre. Während der 35 Jahre unseres Bestehens haben wir uns in permanentem Kontakte.und im herzlichsten Einvernehmen mit dem Pariser Zentral Komitee befunden, dessen Mitglied unser Präsident ist, und sind bei allen großen Hilfswerken für verfolgte Glaubensgenossen mit Paris Hand in Hand gegangen. Ganz absurd erscheint uns die Andeutung des Verfassers, daß „der französische Charakter der Alliance als nachteilig für deren erziehliche Tätigkeit im Osten angesehen und mit ein Motiv für unsere angebliche Loslösung gewesen wäre". Herr Professor Philippson läßt sich dann weiter vernehmen: „Diese (die Alliance) hat in einzelnen Fällen viel Gutes geleistet, oft den Armen und Bedrängten Unterstützung geschafft. Sie hat im Osten Elementarschulen begründet, die indessen nicht so viel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen, und zwar aus drei Gründen: einmal, weil die Leiter der Alliance zuerst selten, später nie nach dem Orient gingen und das Werk lediglich Mietlingen anvertrauten, denen es zumeist entweder an Verständnis oder an Eifer oder an selbstloser Hingabe an ihrer Aufgabe fehlte. Zweitens, weil der Charakter der Schulen ein allzu abendländischer und zumal französischer ist, ohne Anpassung an die besonderen Zustände und Anforderungen des Orients. Drittens, weil sie ohne Fortbildungsschulen blieben und so die Kinder im bildungsfähigsten Alter ent-! ließen und dem alten orientalischen Schlendrian überlieferten, dem sie unrettbar wieder verfielen." Die drei Gründe, die Herr Philippson dafür anführt, daß die Elementarschulen der Alliance im Osten angeblich „nicht so viel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen", beweisen nur Unvertrautheit mit dem Schulwerk der Alliance im Osten. Die Leiter der AllianceIsraelite Universelle haben jederzeit Wert darauf gelegt, ihr Schulwerk, das 142 Schulen in drei Erdteilen umfaßt, unter steter fachmännischer Inspektion zu halten. Sie wissen eben, daß allgemeine Bildung, sei sie noch so groß, nicht imstande ist, die Fachkenntnis zu ersetzen. — Herr Philippson nennt die von der Leitung der Alliance Israeli le Universelle nach langer Erprobung eingesetzten Inspektoren mit der herabwürdigenden Bezeichnung „Mietlinge". Will Herr- Professor Philippson vielleicht die Rabbiner als „Mietlinge" ihrer Gemeinden, die Gymnasiallehrer als „Mietlinge" des Staats oder der Kommunen ansprechen. Nein, diese alle sind die verehrten und angesehenen Vertrauensmänner der Gemeinden, des Staates, der Städte. Und so sind die Männer, die Herr Philippson als „Mietlinge" herabwürdigt, unsere erprobten und angesehenen Vertrauensmänner, die ihres schweren Amtes mir reifenl Verständnis, mit unübertrefflichem Eifer und mit vorbildlicher Hingabe walten! Wenn Herr Philippson den Charakter der Allianeeschulen im Orient „allzu abendländisch und zumal französisch" findet, so übersieht er: Die Orientschulen der Alliance sind Schulen sni generis, sie sind ihren besonderen Bedürfnissen, die eigenartiger Natur sind, angepaßt, sie sind genau das. was Herr Philippson sagt, daß sie sein sollen, und was er bloß nicht gesehen hat. Herr Philippson beklagt den Mangel an Fortbildungsschulen. Das Fortbildungsschulwesen ist im Morgenlande noch nicht systematisch durchzuführen. Einen gewissen Ersatz schaffen wir in den Ergänzungskursen (cla.sses supplementaires), die wir tu verschiedenen Städten, wie Konstantinopel, Salonichi, Smyrna, Tunis, Tanger, Bagdad, Alexandrien, Kairo, den oberen Klassen angegliedert haben. Wenn im übrigen unsere Jungen im Orient unsere Schulen früh verlassen, so geschieht es nicht um des „Schlendrians." willen, sondern aus bitterer Not. weil sie für Brot zu sorgen haben. Herr Professor Philippson beendet seine Ausführungen folgendermaßen: „Im Dezember 1872 beschloß eine Versammlung in Berlin die Begründung einer besonderen „Israelitischen Allianz in Deutschland". Allein das Zentralkomitee der Alliance iu Paris wies diesen Plan durchaus zurück, der auch nie verwirklicht worden ist. Leider ließ das Pariser Zentralkornitee sich durch solche Vorgänge und auch durch den Abfall der Engländer und Oesterreicher nicht bestimmen, die speziell französische Färbung der Alliance und den Despotismus des Pariser Zentralkomitees irgendwie zu modifizieren. Dadurch verlor sich in Deutschland das Interesse für sie um so mehr, je schärfer die nationalen Gegensätze zwischen beiden Ländern sich unglücklicherweise gestalteten." Charakteristisch ist schon der erste Satz, daß „eine" Versammlung — deren nähere Bezeichnung vollständig fehlt — im Dezember 1872 die Begründung einer besonderen „Israelitischen Allianz iu Deutschland" beschlossen habe. Wer hat denn „beschlossen"? Wer waren die Beschließenden, die ihre Absicht sofort fallen ließen, weil das Zentralkomitee in Paris den Plan zurückwies? Es müssen doch recht schwächliche Herren gewesen sein, die dem Pariser „Nein" gegenüber sofort auf ihren Willen verzichteten. In Wahrheit ist jener „Beschluß" nie gefaßt worden, in Wahrheit hatte das Pariser Zentralkomitee nie Anlaß gehabt, solchen Beschluß zurückzuweisen. Es ist im Dezember 1872 einmal eine Anregung in der angegebenen Richtung hervorgetreten. Ein Mahnwort des Herrn Sanitätsrat Dr. Neumann hat genügt, von dem üblen Plan abzuhalten. Was in dem vorstehenden Resümee über den „Abfall der Engländer und Oesterreicher", über die „speziell französische Färbung" der Alliance, über den „Despotismus" des Pariser Zentralkomitees gesagt ist, haben wir widerlegt. Aber auch das, was Herr Philippson über die Abnahme des Interesses für die Alliance Israelite Universelle in Deutschland behauptet, ist nicht zutreffend. Das Interesse für die Alliance Israelite Universelle hat sich iu Deutschland nicht verloren. Der Zuwachs von Tausenden von Mitgliedern, die sich uns in kurzer Zeit neuerdings in Deutschland angeschlosjen haben, beweist das Gegenteil. Weitausschauende und allzeit getätigte jüdische Wohlfahrts- und Wohltätigkeitspolitik verfolgt die Alliance Israelite Universelle. Sie wird ihrer Satzungen immerdar eingedenk bleiben und ihnen in unermüdlicher Arbeit treu sein, zum Segen für die gesamte Judenheit. Berlin, den 30. Oktober 1907. Das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle. Ludwig Max Goldberger. Charles L. Hallgarten. Paris, den 1. November 1907. Der vorstehenden Erklärung schließt sich vorbehaltlos au Das Präsidium des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle. N arci f s e Leven. Salonton Rein ach. Dr. A. Netter, Jacques Machiels. 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.