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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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550 seinen Talar von schwarzem Atlas aus, betrachtete ihn von allen Seiten, ob er nicht Schaden gelitten, und murmelte dabei: „Nur der Irrtum ist das Leben, Und das Wissen ist der Tod." lFortsetzung folgt.) Hxrechsggl. Erklärung. einer Publikation, die als „neueste Geschichte des jüdischen ^3 Volkes" firmiert, hat Herr Professor Dr. Martin Philippson die Alliance Israelite Universelle zum Gegenstand einer Darstellung gemacht, die im Interesse des Judentums und der geschichtlichen Wahrheit nicht unwidersprochen bleiben darf. Herr Professor Philippson sagt: „Als Zeichen der Zusammengehörigkeit aller Inden trat 18t>0 die Alliance Israelite Universelle ins Leben. Ihre Stiftung hatte von vornherein die Besorgnis zahlreicher Glaubensgenossen erregt. Man meinte, sie werde machtlos bleiben, ihren Hauptzweck, die Emanzipation der Israeliten in denjenigen Ländern, wo sie solche noch nicht besaßen, zu erreichen, werde aber im Gegenteil durch die Meinung von einer förmlichen Verschwörung der Inden zur Erlangung der Weltherrschaft großen Schaden anrichten. Diese Befürchtung hat sich in vollem Maße bewahrheitet; man darf sagen, nichts hat den Juden in vielen Ländern solchen Abbruch in der öffentlichen Meinung getan wie die irrigen, aber unvermeidlichen Folgerungen, die aus der Juternationalität der Alliance gezogen und von Uebelwollenden gehässig ausgebeutet wurden." Der Zweck, den die Alliance Israelite Universelle bei ihrer Stiftung verfolgt hat, ist in nachstehenden Satzungsbestimmungen niedergelegt: 1. „Ueberall für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden zu wirken; 2. Denen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Hilfe angedeihen zu lassen; 3. Jeder Schrift, welche geeignet ist, diese Resultate herbeizuführen, Unterstützung zu gewähren." Als die Alliance Israelite Universelle begründet wurde, sind diese Satzungsbestimmungen in der weiten Welt unserer Glaubensgemeinschaft mit Heller Freude ausgenommen worden. Alle Kundgebungen aus jener Zeit bezeugen jubelnde Zustimmung. Von einer Besorgnis war nie und nirgends ein Hauch zu spüren. Die von Herrn Philippson vorgetragene Vorstellung von einer „förmlichen Verschwörung der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft" stammt ungefähr wörtlich aus der Feder des Redakteurs Gödsche, dessen Name (Pseudonym: John Retcliffe) durch seine Romane und durch seine Zeugenschaft in dem Prozeß Waldeck — nach des Gerichtspräsidenten Taddel Ausdruck „ein Bubenstück, ersonnen, einen Mann zu verderben" — bekannt geworden ist. In einem dieser Romane ist eine angeblich auf einem jüdischen Friedhof in Osteuropa gehaltene Rabbinerrede erwähnt, die das Streben nach Weltherrschaft enthüllt habe. Die verlogenste Presse hat in den achtziger Jahren dieses fanatische Phantafieerzeugnis frnktisiziert. Wir dürfen wohl behaupten, daß die „öffentliche Meinung", auf die Herr Philippson sich beruft und in der nach seiner Versicherung die „irrigen aber unvermeidlichen" Folgerungen aus der Inter- Nationalität der Alliance gezogen und „von Uebelwollenden gehässig ausgebeutet" worden sind, die öffentliche Meinung der skrupellosesten Antisemiten gewesen ist. Herr Professor Philippson fährt fort: „Man warf der Alliance ferner ihren französischen Namen, ihr ausschließlich sranzösisches Domizil und ihre nicht minder ausschließlich französische Zentralleitung vor. Auch das mit Recht. Die Führer der Alliance haben ihr den sranzösischen Charakter gewahrt und solchen auch dem einzig fruchtbaren Felde ihrer Tätigkeit, den Unterrichtsanstalten im Osten, nicht zu deren Vorteil ausgeprägt! Es war deshalb nicht zu verwundern, daß sich 1871 die englischen Juden in der Anglo Jewish Association, 1878 die österreichischen in der „Israelitischen Allianz zu Wien" von der Alliance Universellle loslösten." In einem Atem leitet Herr Philippson der Alliance gegenüber einmal aus ihrer angeblichen Jnternationalität und dann aus ihrem angeblichen französischen Charakter einen Vorwurf her. Denn jetzt spricht er nicht die „irrigen, aber unvermeidlichen Folgerungen" anderen nach, sondern macht sie sich ganz zu eigen, indem er von dem Vorwurf des französischen Namens und der ausschließlich sranzösischen Zentralleitung der Alliance sagt, daß man „auch ihn mit Recht erhoben habe". Der zweite Vorwurf aber ist ebenso grundlos wie der erste. Das Zentralkomitee der Alliance ist nicht ausschließlich französisch und ist es nie gewesen. Herr Philippson, der seit Jahren der Alliance Israelite Universelle angehört, weiß ans den ihm regelmäßig Angestellten und jedenfalls zugängigen Jahresberichten der Alliance Israelite Universelle, daß gegenwärtig von den 67 Mitgliedern des Zentralkomitees (darunter zwei Ehrenmitglieder) nur 26 (darunter ein Ehrenmitglied) Franzosen, 41 Nichtfranzosen, unter diesen 23 in Deutschland lebende Deutsche sind. Von einer „ausschließlich französischen Zentratteitung" kann man unter solchen Umständen nicht sprechen. Von den übrigen 18 nichtfranzösischen Mitgliedern des Zentralkomitees sind außerdem so viele von Geburt Deutsche, daß alles in allem der deutsche Teil des Zentralkomitees mindestens ebenso zahreich ist wie der französische. Ebenso ist es unzutreffend, daß die Führer der Alliance den französischen Charakter „auch dem einzig fruchtbaren Felde ihrer Tätigkeit, den Unterrichtsanstalten im Osten, ausgeprägt" haben. Es ist richtig, daß in den Allianceschulen des Ostens der französische Sprachunterricht vorzugsweise — gegenüber dem Unterricht in irgend einer anderen europäischen Sprache — gepflegt wird. Aber im Orient ist bis auf den heutigen Tag Französisch die Kultursprache, es ist in der Türkei die zweite Staatssprache; die Kenntnis allein des Französischen ist für den Orientalen im Leben von praktischem Wert und gewährt ihm eine nutzbare Ueberlegeuheit im wirtschaftlichen Fortkommen. Wo die Verhältnisse nur einigermaßen anders liegen, wird namentlich deutscher Sprachunterricht ausgiebig erteilt. Herr Philippson meint, es sei nicht zu verwundern, daß sich 1871 die englischen Juden in der Anglo Jewish Association, 1873 die österreichischen in der Israelitischen Allianz zu Wien von der Alliance Universelle loslösten. — Nein, hier ist etwas ganz anderes verwunderlich: daß nämlich für falsche Folgerungen irrige Mitteilungell als Ursache angeführt werden! Die „Anglo Jewish Association in connection witli tlie Alliance Israelite Universelle", wie der volle und richtige Name von Anbeginn und bis heute lautet, ist 1871 entstanden aus der Besorgnis, der Krieg von 1870/71 möchte den Fortgang des segensreichen Werkes der Alliance Israelite Universelle stören. Um dieser Möglichkeit zu begegnen, um das Werk der Alliance aufrecht zu erhalten, hat die Anglo Jewish Association sich gebildet. Das ist in dem ersten Bericht der Anglo Jewish Association 1871/72 ausführlich dargelegt und in der Firma der Gesellschaft für jeden gekennzeichnet. Die Anglo Jewish Association hat nie aufgehört, ihre Mittel den Werken der Alliance Israelite Universelle zu widmen, namentlich der Schulunterhaltung, obwohl nur in zwei von den durch das Geld der Anglo Jewish Association miterhaltenen Schulen überhaupt englischer Sprachunterricht erteilt wird. Auf eine Anfrage, die wir nach London gerichtet haben, ist uns voll der Leitung der Anglo Jewish Association unter dem 13. Oktober d. I. erwidert worden: „The Anglo Jewish Association was founded to help the Alliance in its hour of need at the time of the Franco-Gennau war. It was also thought that more money would be obtained in England if there were a separate Association in clear connexion however with the Alliance.“ „Tliere has never been an „Abfall“, and our relations have aivvays heen clear and friendly. Indeed mucb of our money goes in grants made to Alliance schools.“ (Die Anglo Jewish Association wurde gegründet, um der Alliance in einer Stunde der Not beizustehen, in der Zeit des französisch-deutschen Krieges. Man hat auch geglaubt, daß in

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