Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 549 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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549 „Isis möglich, ist das Weib so schön? So etwas findet sich auf Erden?" rief Barom und stürzte durch die Zimmer, durch den silbernen Ranch der Kerzen auf sein Ideal zu; als sich aber dieses mit einem behaglichen Lächeln erhob, da blieb er plötzlich, nur zwei Schritte von dem Diwan entfernt, stehen und starrte die arme Genendel Kosches in einer höchst unangenehmen Weise an, gleich einer Fremden, die er noch nie gesehen hatte. Und wirklich sah er Frau Kosches zum erstenmal. Bisher hatte er nur die schöne Pelzjacke gesehen und sich ein schönes Weib dazu gedacht, oder eiu paar Augen entdeckt, die durch den Schleier leuchteten, oder die unbestimmten Umrisse einer winterlich vermummten Frauengestalt mit schwärmerischen Blicken verfolgt. Die schöne Holde war bisher nur ein Bild seiner Träume gewesen und er hatte diesem Traumbild einen Namen gegeben. Die wirkliche Frau Eenendel Kosches erblickte er zum erstenmal in der Nähe und bei Licht, bei viel zuviel Licht; eine Frau, die um zwei oder drei Jahre älter war wie er, nicht häßlich, aber auch nicht im mindesten hübsch, nüttelgroß und stark, ja eigentlich schon zu stark. „Was haben Sie, lieber Barom?" begann die liebensivürdige Witwe. „Sie sind so respektvoll." „Ich bin sehr glücklich —" stammelte er und blickte verzweifelt in ihr großes, aufgeblasenes, rotes Gesicht; er suchte in diesem Gesichte einen Zug seines Ideals, nur einen einzigen, und suchte so ängstlich und fand ihn nicht. „Das freut mich," erwiderte Frau Kosches und strich ihr seidenes Kleid nieder, „ich höre das gerne." Endlich doch etwas seinen: Herzen Bekanntes: die schönen, weißen, wohlgepflegten Hände und die angenehme, ruhige Stimme. „Wie soll man nicht sein glücklich," fuhr sie fort und seufzte dabei, aber durchaus nicht schmerzlich, „wenn man ist so jung und liebt. Ich kann Ihnen sagen, daß ich Gott danke, daß ich in der Lage bin und kann annehmen Ihre Gefühle. Es ist so angenehm, wenn man jemand kann glücklich machen." Barom blieb stille und starrte Frau Kosches noch immer erschrocken an. „Aber Sie haben ja rein die Sprache verloren," begann diese wieder, „so schön bin ich ja doch nicht, mein lieber Barom, Sie bilden sich das doch nur ein. Konunen Sie, gehen wir speisen. Geben Sie mir Ihren Arm." Frau Kosches nahm mit königlicher Würde an dem mit dem feinsten Linnen, prachtvollem Porzellan und schweren: Silberzeug bedeckten Tische Platz. Für Baron: stand ein Sessel ihr gegenüber. Er sprach das Gebet und dann begann das stille, aber köstliche Mahl; vor allein erschienen Fische in allen möglichen Gestalten, und statt des Brotes war ein Strizzel ausgeschnitten. Die junge Witwe unterbrach zuerst die Stille. „Wenn nicht verboten wäre zu lesen an: Schabbes," begann sie, „hätte ich Sie gebeten, zu bringen Ihre Gedichte." „Ich bitte, Frau Kosches, befehlen Sie nur, wir sind ja doch so aufgeklärt —" „Nein, nein," unterbrach sie ihn, „wir werden lesen ein andermal und heute wollen wir reden von unserer Liebe." Barom erstickte fast an den: Stückchen Fisch, das er eben in: Halse hatte. „Geben Sie acht, er hat so viele Gräten." „Ich danke, es ist schon gut." „Das freut mich," sagte sie, „also sprechen wir von unserer Liebe." „Sie sind so großmütig, Frau Kosches." „Ja, Sie haben es gut getroffen bei mir," erwiderte diese, „ich bin keine solche Kokette zum Beispiel, ich ziere mich nicht, weshalb sollte ich mich zieren? Sagen Sie nichts. Ich bin frei, ich habe Geld, wir können ja heiraten. Niemand hindert uns. Sprechen Sie nicht — wir können auf der Stelle heiraten." Barom hatte eine Bewegung gemacht. „Sprechen Sie kein Wort," fuhr sie lächelnd fort, „ich lese Ihre Wünsche in Ihren: Herzen, und wozu wollen Sie etwas einwenden? Sie sind zu bescheiden. Ich weiß ja, daß Sie arm sind, Barom, aber ich nehme Sie deshalb doch, ich will Sie vollkommen glücklich machen. Ich dulde nicht, daß Sie nur ein Wort sprechen dagegen." „Sie beschämen mich, Frau Kosches," erwiderte Barom. Das Blut stieg ihm in die Wangen. „Wie er rot wird vor Freude," rief die junge Frau vergnügt, „ein Kind, ein reines Kind." „Ich bin Ihnen vollkommen ergeben, Frau Kosches," versetzte Barom, „und meine Dankbarkeit für Ihre Güte hat keine Grenze, — aber müssen wir so einfach heiraten? Das ist doch nicht poetisch. Ich möchte erst Hindernisse überwinden. Gefahren bestehen, wenn es schon nicht angeht heutzutage, zu kämpfen mit einem Drachen." „Kämpfen Sie mit mir," rief Frau Kosches und/begann laut zu lachen. „Eine Frau, was hat Verstand und was hat ihren Willen, ist oft mehr als ein Drache, glauben Sie mir. Wenn Sie nicht sehr fest sind, lieber Barom, gleich werde ich Sie haben unterm Pantoffel, können Sie dann zappeln, wie Sie wollen." Sie lachte wieder, und merkwürdig, gerade in diesem Augenblicke gefiel sie Barom. „Also wünschen Sic nicht, daß — ich Sie zum Beispiel entführe?" begann er wieder. „Sie sind spaßig," antwortete sie lächelnd, „was sollen Sie mich entführen? Nein, ich will Sie heiraten, einfach heiraten, ich bin keine Kokette." Baron: sah keinen Ausweg mehr, und von diesem Augenblick an gab er sich alle Mühe, an Frau Kosches neue Reize zu entdecken. Er wollte sie plötzlich schön finden, es war ihm sehr ernst damit. Er labte sich eine Weile an ihrer wohlklingenden Stimine, dann ging er zu ihren Händen über, diese konnte er mit vollem Recht bewundern. Er fand jetzt auch ihren vollen Mund und ihr starkes Kinn eigentlich sehr hübsch; beides stiuunte so gut zu ihren: verständigen Wesen, zu ihrer Ruhe, die ihn: so sehr imponierte. Als Barom das Haus der reichen Witwe verließ, blieb er einen Augenblick mitten in der Straße stehen, blickte seufzend zu den Sternen empor und rief: „Er ist dahin, der schöne Glaube!" Da klang ein Fenster, er wendete sich erschrocken um und > sah das Ideal, das rasch in die warine Pelzjacke geschlüpft war und sich jetzt zu ihm herunterneigte, um ihn mit der schönen, weißen Hand zu grüßen und ihn: mit den: königlich geschmückten Haupte freundlich zuzunicken. Das rührte ihn. „Sie ist doch eine gute Seele," sagte er zu sich selbst, „und da jetzt nichts übrig bleibt, als sie zu heiraten, so ist es doch besser so, als noch dazu ein Kampf mit dem Drachen." Er faß noch lange in seinen: Stübchen bei den: kalten Ofen und brütete und blickte von Zeit zu Zeit hinüber, wo noch alles hell erleuchtet war und Frau Kosches, die Hände in den Aermeln ihrer Pelzjacke verborgen, langsam und zufrieden die ganze Reihe ihrer Zimmer entlang auf und ab ging, als wollte sie erwarten, daß die Kerzen, wie es am Sabbat Brauch ist, von selbst erlöschen. Und endlich zog er