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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 548 (sequence 8)
Language
German
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548 in den Himmelssphären zu deuten versucht. Optimisten der Gegenwart sind ferner Daniel, Esra und Nehemia. Man müßte sich große Mühe nehmen, wollte man in ihren Schriften auch nur einen einzigen daseinsverachtenden Ansspruch herausfinden. Die „zwölf Propheten" oder wie man sie auch nennt, die „kleinen Propheten", sind durchweg Zukunftsoptimisten und Prediger einer wenn auch nicht lebensverachtenden, so doch einer Religion voller Buße. Von Hosea bis Maleachi nichts als Strafreden, Klagen über das sündige Israel, Ermahnungen zur Buße und Verheißung eines messianischen Zeitalters. Am schärfsten kommt dieses letzte System bei Micha, Habakuk, Zephanja und Haggai zum Ausdruck, während Amos, Joel, Maleachi und Zacharias mit Vorliebe Straf- und Büßpredigten halten. Im Buche Hiob,, dieser episch-didaktischen Dichtung par exoellenee, ist Daseinsfreude und Lebensverachtung in gleicher Weise verteilt: Ein langwieriger Kampf mit dem Zweifel und dem Schmerz. In Monologen und Dialogen folgt Klage auf Anklage, bis schließlich der Gerechtigkeit zum Siege verholfen wird. Der Schwarzseher Hiob wird von dein Optimisten Hiob abgelöst. Aehnliche Wandlungen weifen auch die Psalmen auf, hingegen ist Kohelet, der „Prediger", ein durchaus skeptisch-finsterer Pessimist, der sonderbarerweise durch seine spekulative Weltbetrachtung zwischen einem krassen Realismus bezw. Materialismus und einem absolut schwärmerischen Idealismus hin und her schwankt. Nachdem er von einem Extrem ins andere fällt, kehrt er schließlich zu seinem pessimistischen Grundmotiv zurück und belehrt die Jugend, bei der Gottesfurcht Zuflucht zu nehmen. Eine wirklich frische und lebensfreudige Stimmung atmet aus dem Hohenliede, dieser herrlichen Dialogdichtung, und auch in den Büchern Ruth und Esther ist wenig von Lebensverneinuug zu merken. Ein solcher resignierter, stoischer Optimismus klingt auch aus der Sammlung der verschiedenen Apokryphen heraus, wie z. B. aus den Dichtungen des Jesus Sirach, Barnch, Tobias und auch zuweilen aus den beiden Büchern der Makkabäer. Man geht nicht fehl, wenn man angesichts dieses kurzen Ueberblicks über die alttestamentarische Geschichte des Judentums bis zur Epoche des zweiten Tempels behauptet, daß da Optimismus und Pessimismus, wie diese Weltanschauungen in den Büchern der Bibel zutage treten, als Gradmesser des sozialen Daseinskampfes in der jüdischen Geschichte dienen können. Wie sich das in der Religion widerspiegelt, soll später nachgewiesen werden. Bon Malter -u Fenster. Von Leopold v. Sacher-Masoch. VI. m nächsten Vormittag ließ sich wohl die Pelzjaüe am Fenster blicken, aber, wie es schien, ohne ihren idealen Inhalt. Ein wahrerPalmenwald vonFrostvegetation bedeckte die Scheiben, und Frau Kosches beliebte es nicht, das innere Fenster zu "öffnen. War Barom in Ungnade gefallen? Fast mußte er es fürchten. Er brachte vier qualvolle Stunden zu. Da kam die Sonne hinter weißem Winternebel hervor und schien mitleidig auf die Fenster gegenüber, und schien so lange hin, bis ein respektabler, runder Fleck aufgetaut war, und durch diesen runden Fleck hindurch erblickte Barom die schöne Holde mit einem Sacktuch vor der Nase. Das Ideal hat sich einen Schnupfen geholt. Das war alles. Barom hatte in seiner Verzweiflung die Suppe kalt werden lassen, jetzt aß er sie mit freudiger Hast und Fleisch und Gemüse dazu. Um sein Glück vollkommen zu machen, ließ ihm Frau Kosches durch Tulpe nochmals sagen, er möchte sie doch ja gewiß recht bald besuchen. Barom freute sich kindisch über diese erneute Einladung, aber eins betrübte ihn doch: er sollte auf so ganz einfachem, natürlichem Wege zu seinem Ideale gelangen, über so und soviel Stufen einer schmutzigen, hölzernen Treppe, wie jeder andere Mensch! Er sann nach, ob es nicht anginge, sich in einer Verkleidung einzuschleichen oder doch mindestens nachts auf einer Strickleiter das Fenster der Frau Kosches zu ersteigen. So verging der Abend und der Besuch unterblieb. Frau Kosches wurde ungeduldig, und am folgenden Morgen erschien Tulpe mit einem sehr lakonischen Briefe derselben, welcher allen romantischen Plänen des Jünglings ein Ende machte. Das Ideal schrieb : „Lieber Barom! Da Sie nicht gekommen sind gestern, muß ich Sie wohl einladen heute zuin Schabbes, was Sie mir wohl nicht antun werden. Genendel." Barom verstand sofort, was der schönen Holden in der Feder geblieben war, und er war ferne davon, ihr das anzutun, wogegen sie sich verwahrte, nämlich die Einladung auszuschlagen. Tulpe konnte mit der frohen Botschaft heimkehren, daß er sogleich nach der Schul bei Frau Kosches erscheinen werde. Noch nie hatte sich Barom Hirschbein mit solcher Sorgfalt angezogen, wie an diesem Freitag abend. Als der Abendstern an dem dunkeln Himmel sichtbar wurde, hatte ihn die Werktagsseele längst verlassen und die Sabbatseele war triumphierend bei ihm eingezogen. Er stand in seinen hohen, schwarzen Stiefeln, denen Abrahameks kräftigste Bürste eine Art idealen Glanz verliehen hatte — denn die Sohlen waren ein wenig zerrissen und die Absätze vertreten — in seinem langen Talar von schwarzem Atlas, die hohe Mardermütze, den Streimel auf dem Kopfe wie ein fabethaster Prinz aus dem Morgenlande in seiner Stube und betrachtete sich mit ebensoviel Ernst als Wohlgefallen in dem Stück zerbrochenen Spiegel, das ihm Abrahamek schwer seufzend, als gälte es, eine Salztonne zu heben, vorhielt. Dann knüpste er noch ein rotes Tuch um seinen Hals, nahm sein Gebetbuch und eilte in die Synagoge, wo alle jüdischen Männer im Feiertagskleide bereits laut beteten. Da während des Feiertages der gläubige Jude weder ein Feuer noch ein Licht anzündet, so hatten die Frauen indes alles zum festlichen Empfange des Sabbats bereitet, und als Barom die Schule verließ und leichten Schrittes und Herzens durch die enge Straße dahinging, da war der ganze jüdische Stadtteil glänzend erleuchtet, als gäbe es eine große Illumination. Tulpe stand schon am Tore. Barom nickte ihr freundlich zu und flog die Treppe empor. Er klopfte, und da niemand „Herein!" sagte, trat er ein, und vor ihm war eine Flut von Zimmern, von Kerzen strahlend, die im Kronleuchter, sowie in zahlreichen Wand- und Armleuchtern brannten, und dazwischen blitzten Spiegel und war ein herrliches Gesunkel von Silber und Gold, und durch all diesen Glanz hindurch sah er Frau Kosches, welche die am Sabbat gebotene vollkommene Untätigkeit sehr ernst nahm, in einem Unterrock von gelber Seide auf dem türkischen Diwan ruhen. Sie war mit Juwelen überladen und trug eine Stirnbinde, an der Perlen, Rubinen, Diamanten mit dem Licht der Kerzen wetteiferten, auf dem künstlichen, schwarzen Scheitel.

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