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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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547 können, sehr verschieden. Der Mosaismus, wie er in dem ersten Buche des Alten Testaments zum Ausdruck gelangt, hat allerdings mit der späteren jüdischen Religion des Exils nur wenig Gemeinsames. Auch das zweite, dritte und sogar noch das vierte Buch des Pentateuchs gibt so wenig von dem wieder, was die Seele des Talmud- oder gar des Ghetto-Juden erfüllte, viel weniger noch, was sich später im Läufe von Jahrhunderten als reine monotheistische Religion herauskristallisierte. Nichtsdestoweniger soll bei vorliegender Untersuchung auch jene ganz erste legendäre bezw. vorhistorische Epoche in den Kreis dieser Betrachtung gezogen werden. Geben doch diese Legenden am deutlichsten den Grundgedanken wieder, wie er sich als noch unklares Weltbild in einer im Entwicklnngsstadium stehenden naiven Volksseele widerspiegelt. An der Schwelle der alttestamentarischen Menschheitsgeschichte steht das Ideal der Vollkommenheit, der Paradiese sun schuld. Das währt jedoch nicht lange, und schon an der Wiege der menschlichen Historie beginnt im steten Abstieg die Tragik der unwiederbringlich verlorenen Perj fektibilität. Da haben wir schon ein Stück jenes religiösen! Pessimismus, wie wir ihm bei anderen Religionen, zum j Beispiel beim Buddhismus, Parsismus usw. begegnen. In ununterbrochener Aufeinanderfolge komnü hierauf Verfall auf Verfall. Dem Mythos vom Sündenfall des ersten Menschenpaares, von der Vertreibung aus dem Paradiese reiht sich der Brudermord und die „Lüge" an. Es folgt dann die Sintflut, der Fluch der schuldbeladenen Menschheit, der frevelhafte Turmbau von Babel bis zum Bruderzwist der Söhne des dritten Patriarchen. Kein freudiger Zug in der ganzen Erzählung. Während der darauffolgenden biblischen Zeitalter bis zum Tode Mosis nichts als eine Kette von j Leiden und Versuchungen. Das Gute und Böse ringen mit- > einander in einen: erbitterten Kampfe und immer wieder gewinnt das letzte die Oberhand. Der mutige Vvlksführer umgibt die durch eine Wüstenei wandernde Nation mit einem Berg von Gesetzen, droht mit den schrecklichsten Strafen, mit Zerstörung und Tod, um nur den immer von neuem hervorbrechenden Hang zum Götzendienst zu dämmen. Nichts hält den Abfall Israels auf. Unzufriedenheit auf der ganzen Linie ist der Grundzug dieser Schilderungen, bis endlich ein Lichtstrahl in das dunkle Getriebe fällt: Dem Volke winkt die Verheißung auf eine bessere Zukunft, der Einzug in das langersehnte Kanaan steht unmittelbar bevor. Und man glaubt auch tatsächlich, daß für die Nation nunmehr ein goldenes Zeitalter herangebrochen sei. Aus den Berichten dieser Epoche scheint eine etwas daseinsfreudigere Stimmung herauszuklinge». Das Zeitalter von Josua angefangen bis nach dem Tode Salomos dürfte trotz den vielen Widerwärtigkeiten und der Kriege mit den Nachbarstämmen als das glücklichste bezeichnet werden, das Israel auf seinen: Grund und Boden verlebt hat. Das dauert aber nur so lange, als Richter und die ersten Könige das Land regieren, etwa von Saul bis zum Niedergang und zur Spaltung des Reiches. Was nachher folgt, ist düster und traurig: Im Volke u:acht sich eine allgemeine Erbitterung Luft, man zürnt den Königen und noch mehr den Propheten. Judäa und Israel werden in das Gewühl der um die Weltherrschaft ringenden Nationen gezogen, und wir sehen, wie im steten Kampfe mit Syrern, Babyloniern, Aegyptern, Assyrern und Persern das jüdische Volk sich nur schwer behaupten kann. Eine ausgesprochene Neigung zu einer pessimistischen oder optimistischen Weltanschauung, in dem Sinne, wie sie zu Beginn dieser Ausführung festgestellt worden, ist noch weder beiu: Volke noch bei seinen Führern bemerkbar. Von einer Verheißung auf eine bessere Zukunft, auf ein fernliegendes messianisches Zeitalter ist sogar während der schwersten Leidensepochen der ersten Königszeit bis zum Auftreten Esras und Nehemias noch nicht die Rede. Im Charakter des israelitischen Volkes war damals noch eine lebensbejahende Betrachtung von Welt und Dingen fest begründet; man hing noch zu sehr an der weltlichen, irdischen Glückseligkeit, als daß man sich mit der Hoffnung auf ein übersinnliches Ideal, genannt Himmelreich, geschweige denn mit dem Tröste, Martyrium sei ein gottgefälliges Heroentum, das Belohnung im Jenseits findet, zufrieden gegeben hätte. Die Idee der großen religiösen Mission hienieden hatte auch noch nicht Wurzel gefaßt. Man hing an der Scholle, dachte wenig an das Kommende und war für metaphysische Lebensprobleme gar nicht zu gebrauchen. Nur demjenigen wurde zugejubelt, der eine nahe friedliche Zeit zu verkünden imstande war. In solchen Zeiten denkt die Masse nicht, sie will auch über ihren Zustand oder über ihre Mission keine iveiteren Reflektionen anstellen, sie läßt sich allein von ihren Gefühlen leiten. Sind die Daseinsbedingungen leichter Art, ist der Kampf ums Leben ein geringer, so neigt sie selbstverständlich ohnehin schon zu einer lebensfreudigen Daseinsbetrachtung. Als dann aber im Laufe der Zeiten, unter dem Einfluß der äußeren Schicksale die Volkspsyche durch Druck ' und Not gedemütigt wurde, als Krieg und Seuchen das Land verheerten und keine Hoffnung mehr auf eine glückliche Gegenwart übrig blieb, da war es Zeit zun: Erscheinen jener Männer, die Zukunftsoptimismus predigten. Dieser fand nun allerdings in die Herzen der zerknirschten und dumpfen Massen leichten Eingang. Wenn die Gegenwart auch natürlich schwarzseherisch geschildert wurde, sei hier dennoch zu konstatieren, daß trotzalleden: nur mit wenigen Ausnahmen die Propheten jener Zeit einer ganz daseinsverachtenden Religion niemals Geltung zu verschaffen suchten. Mit dem Auftreten der Propheten Jesaia, Jeremia und Ezechiel gewinnt der Zukunftsoptimismus inuner festeren Boden und das Ideal des messianischen Reichs wird von nun ab das Leituwtiv aller Straf- und Trostrede::. Der in: Judentum ewig wiederkehrende Gedanke an ein Reich Gottes, der später von Christus in seiner vollen Totalität aufgenonunen wurde, wird von Jesajas I, mehr aber noch von Jesaias II. in die höchste Formel der Bejahung gebannt. Das Ideal von: Weltfrieden wurde von diesem Meister der Eloquenz in einer Sprache ausgedrückt, wie sie seither an Schönheit und Kraft nicht mehr erreicht worden ist. Gegenwartspessimist durch und durch ist Jeremia, der in seinen Elegien die klagende Stimnre um den Ruin der nationalen Existenz erhebt. Kein Wunder, daß seine Muse die Muse der Elegie war, die ihren Schmerz in langen klagenden Strophen, in „bameutationes" ausgehaucht. Hat er es doch mit ansehen müssen, wie die nationale Unabhängigkeit Altisraels unter dem Gewaltschritt der babylonischen Kolonnen zerstampft worden war. Ezechiel, der Visionär, verläßt zu sehr den realen Boden der Wirklichkeit, als daß man ihn einen Gegenwartsoptiinisten oder Pessimisten nennen könnte. Lebensbejahung und Lebensverneinuug kehren in seinen Reden. so häufig und verschieden wieder, daß es schwer fällt, seine Ideale in die Zukunft zu projezieren. Immerhin ist auch bei ihm der Gipfelpunkt aller Prophetie die Idee des leidenden Gottesknechtes, nur mit dem Unterschiede, daß die anderen Propheten in: geradlinigen Entwicklungsgang der Geschichte sich bewegen, während Ezechiel die Erde verläßt und die religiöse Tragik

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