Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228791--63966-3297907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
546 Bevölkerung. Die arme Jüdin ist schwer krank. Findet sie aber Aufnahme in einem der Spitäler von Groß-Abdera? Keineswegs, die sind wieder einmal alle überfüllt. Und da sie, zu Tode bekümmert, wieder nach Hause reisen will, schwer enttäuscht und an den vielen „goldenen Herzen" verzweifelnd, gibt man ihr eine kleine Wegzehrung, im Betrage von -- es soll die Größe der Summe einer wißbegierigen Nachkommenschaft nicht vorenthalten werden, — im Betrage von 20 Kronen. Wir wollen über diesen Betrag weiter keine philosophischen Betrachtungen hier zum besten geben. Da es nun aber doch Leute gibt, die einen solchen Akt der Barmherzigkeit den „Maßgebenden" vor die, etwas kurzsichtigen, Augen führen, versteigen sich die Gewaltigen zu einer Ausrede oder Bemäntelung ihres Tuns. Und nun merke man sich dieses Dokument menschlicher Barmherzigkeit. Hätte, sagen diese Barmherzigen, sich die Frau einer Operation im Spitale unterzogen, dann wäre sie auch ausgenommen worden; da aber zu befürchten war, daß die Kranke das Spital mit ihrer Anwesenheit zu lange molestieren würde habe man sie abgewiesen. Nun haben Sie des Rätsels Lösung. Eine Ausrede ist aber keine gute, wie irgend ein Witzling einmal gesagt hat. Wir aber sagen, eine Dummheit ist diese Ausrede, und eine große noch obendrein. — Ich denke, für diesmal haben wir an derartigen Dokumenten menschlichen Irrtums — oder sagen wir besser menschlicher Dummheit genug. Doch einige Betrachtungen wollen wir noch an das Gesagte knüpfen. Es ist betrübend, daß Derartiges in unserer Mitte Vorgehen kann. Ich denke, wir Juden sollten uns hüten, durch solche — Jrrtümer unseren Gegnern die Waffen in die Hand zu liefern. Leider aber gilt auch von uns das Wort des seligen Oxeustjerna: „Man weiß nicht, mit wie wenig Vernunft die Welt regiert wird." Dazu kommt noch etwas anderes. Man hat sich in gewissen Kreisen daran gewöhnt, alles für gut und schön zu finden, was bei uns geschieht. Dies nennt man Apologetik. Wir möchten aus die Gefahr Hinweisen, die eine solche Verteidigung in sich birgt. Gerade wir Juden dürfen uns nicht scheuen, die Wahrheit zu bekennen, wenn es gilt, auf offenkundige Fehler hinzuweisen, deren wir uns schuldig machen. Man darf nicht alles für gut halten, weil es gewisse Leute tun, und alles für schlecht, was den Allgewaltigen und Ataßgebenden nicht „in den Kram paßt". Auch die Presse hat hier eine große Aufgabe zu vollführen. Schonungslos soll sie alles enthüllen, was schadhaft und von der Fäulnis angestochen ist in Israel, nichts bemänteln, nichts vertuschen. Nur dann wird Heilung werden den vielen Krankheiten, an denen wir unleugbar leiden. Dummheiten, den Luxus von Jrrtümern aller Art, können sich unsere Gegner gestatten, wir müssen uns vor derartigen Verfehlungen hüten. Darum scheuten wir uns nicht, einige Beispiele von Narrheiten anzuführen, indem wir uns der Zuversicht hingeben, daß ein kleines Gewitter nur reinigend wirken kann. Viel Reformbedürftiges gibt es in unserer Mitte: Rituelle, liturgische, aber auch soziale Angelegenheiten, Kleinliches und Unwichtiges wird von vielen als Grundlage des Judentums betrachtet, während man vor den großen Fragen, die noch zu lösen sind, oft absichtlich die Augen verschließt. So sind wir denn der Meinung, daß ein künftiger großer Judentag sich nicht nur mit den Fragen zu beschäftigen haben wird, wie man das Judentum gegen äußere Angriffe und Vergewaltigungen schütze, sondern auch damit, wie man es auf wahrhaft moderne Grundlagen errichte. Optimittrn und Mlimilten im Judentum. Von Dr. S. Krauß. 4 nt religiösen wie im sozialen Leben wird unser ganzes f Tun und Denken, unser Fühlen und Wollen von zwei Grundideen, die, ins Philosophische übertragen, als Weltanschauung bezeichnet werden, bestimmt: von einer daseinsfreudigen oder von einer lebensverneinenden Idee, oder, wie das geflügelte Schlagwort dafür lautet, vom Optimismus und vom Pessimismus. So die Grundthese aller Soziologen und Kulturphilosophen der Gegenwart. Noch niemals ist aber mit philosophischen Begriffen ein solcher Mißbrauch getrieben worden, wie gerade mit dieser Kritik — und gedankenlos wird dieser oder jener Pessimist oder Optimist genannt, werden Religionen und Kultursysteme als lebensbejahend oder lebensverachtend hingestellt, ohne daß man sich vorher darüber klar geworden, was eigentlich diese Begriffe zu bedeuten haben. Denn gerade in der Anwendung von sogenannten Kathederausdrücken macht es sich die große Menge der Bildungsphilister furchtbar bequem. Zu welch groben Mißverständnissen und Jdeenwirrungen die falsche Anwendung dieser Termini Anlaß geben kann, geht schon aus der Tatsache hervor, daß man mit Vorliebe das Judentum oder vielmehr die mosaische Religion als daseinsverachteud bezeichnet. Wenn unsere Kultnrphilosophen und Soziologen vom Judentum reden, da haben sie — und das ist eine der größten Grundirrtümer der neueren Zeit — nur die Religion dieses Volkes, nicht aber seine Geschichte und seinen Entwicklungsgang durch die Jahrhunderte im Auge. Daraus folgt, daß man in bezug auf die Kultur und den Volkscharakter der Juden Idealismus und Pessimismus einerseits, Realismus und Optimismus anderseits bunt durcheinandermengt, fälschlich anwendet und ein Axiom aufstellt, das jeder geschichtlichen Wahrheit zuwiderläuft. Wenn auch der Grundzug der Religion des Moses, wie dies später nachgewiesen werden soll, ein durchaus optimistischer ist, die ganze Weltanschauung vieler Lehrer des Mosaismus sich zwar oft auf ein sogenanntes „Zukunftsideal" stützt, ist es dennoch nicht zu leugnen, daß es im Judentum Pessimisten genug gegeben hat. Dafür zeugen schon die Schriften vieler Propheten und die Strafreden einiger Vvlksführer. Dieser Pessimismus aber ist grundverschieden von dem, den zum Beispiel Philosophen vom Schlage Schopenhauers und Ed. von Hartmanns auf ihre Fahne geschrieben, dem viele Schwarzseher unserer Zeit huldigen, und was besonders betont werden muß, grundverschieden von jenem Pessimismus, der andere Religions- und Kultursysteme beherrscht. Die großen Pessimisten unter den Propheten des biblischen Zeitalters waren G e genwarts Pessimisten; das hinderte sie aber nicht, unerschütterlich an dem Glauben an eine frohe und glückliche Zukunft ihres Volkes festzuhalten. Umgekehrt wieder gab es Epochen in der jüdischen Geschichte, in denen Volksführer und Könige das Volk zu einem eudämonistischen Gegenwartsoptimismus zu erziehen versuchten. Unbekümmert um das Kommende wollten sie eine bis dahin mit ihrem Schicksal unzufriedene Menge dahin bringen, ihren Nachbarn gleich einem genußfrohen Augenblicksdasein zu frönen. Die Zukunft wurde in düsteren Farben ausgemalt, ein nahes Weltende als Schreckgespenst hiugestellt, und man gab sich einem mehr als epikuräischen Leben hin. — Die Wertung von Welt und Leben, von Gegenwart und Zukunft war im Zeitalter der ersten Anfänge der jüdischen Geschichte, soweit wir uns auf historische Angaben stützen