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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 545 (sequence 5)
Language
German
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545 Gymnasium zu Lichterfelde vollbeschäftigt, ein anderer in Berlin fast vollbeschäftigt, ein dritter in Köln wenigstens stundenweise beschäftigt. Zum erstenmal führt der „Kunze" die Oberlehrer der Ostern 1906 in Berlin begründeten städtischen Realgyinnasialklassen für Mädchen auf. An den sechs Klassen (mit 101 Schülerinnen) dieser noch unvollendeten Anstalt unterrichteten am 1. Mai 1907 3 Professoren und 1 Oberlehrer; von diesen waren 1 Professor und der 1 Oberlehrer jüdisch. Außerdem ist noch 1 jüdischer Oberlehrer an einer städtischen höheren Mädchenschule in Berlin angestellt. Im ganzen sind demnach von den in Berlin an öffentlichen höheren Lehranstalten fest angestellten Oberlehrern 51 jüdischen Glaubens. M. G. iBrirf aus Leltrrrrich. Anfangs November, ie Sie wissen, herrschte in unserer guten Reichshauptstadt vor einigen Wochen eine, sagen wir, kleine Blatternepidemie. So was kommt in großen Städten vor, und man sollte meinen, es gäbe, seit Jenner, ein Mittel gegen diese Krankheit. Das einfache Mittel heißt: Impfen und Revaccinieren. Da kam man aber gut an bei den Anhängern des Wiener Allgewaltigen, der sich, wie er wenigstens behauptete, lieber von einer Kräutlerin behandeln läßt, als von Universitäts-Autoritäten. Freilich find dies nur Worte; in der Tat hat er sich während seiner Krankheit eines Besseren besonnen. Die Anhänger des Wiener Allmächtigen, die bis nun nur durch ihre Aversion gegen alles Semitische sich hervortaten, entpuppten sich plötzlich als „Jmpfgegner", hielten eine Versammlung ab, in der es an feurigen Protesten gegen daS Impfen nicht fehlte, und fügten zu den vielen Dummheiten, an denen sie kranken, noch eine hinzu, indem sie erklärten: sie ließen sich nicht impfen, denn sie hätten dieser Wissenschaft Urfehde erklärt. Ich denke, es wäre das Beste, man überließe den Dummen seiner Dummheit, mit der, seit Schiller und schon vor ihm, bekanntlich die Götter selbst vergebens kämpfen. Und so kam es denn in der denkwürdigen Versammlung, in der die Dummheit gen Himmel schrie, zu einem „Krawall", wie man die Sache bei uns nennt, als der neu inaugurierte Rektor der Wiener Universität erschien und den Empörern gegen die Wissenschaft Vernunft zu predigen versuchte. Da mußte die Magnifizenz traurige Erfahrungen machen. Wir verweisen den Herrn Rektor auf das Mittelalter. In diesem kamen Epidemien in den Städten oft vor, denn diese ließen es manchmal an Reinlichkeit und derartigen nützlichen Dingen fehlen. Und wenn jemand den guten Leutchen von anno dazumal predigte: Laßt die Bittgänge, die nur zu Menschenansammlungen und dadurch zur größeren Verbreitung der Pestilenzen führen, waschet euch mehr, kanalisiert die Städte und sorget für gutes Trinkwasser, so widerfuhr ihm gewöhnlich ein ähnliches Schicksal wie jetzt der Magnifizenz der Wiener Universität. Den Vertretern des Mittelalters Wiffenschaft und Vernunft predigen, wird immer mit einem Hinauswurf, wenn nicht mit Aergerem gelohnt. Das ist die Moral der Geschichte, wenn man der Dummheit Verstand einimpfen will. Verstand ist stets bei wenigennurgewesen, und leider fehlt er auch vielen unserer Glaubensgenossen, die nichts lernen wollen und alles vergessen. Stirbt da in Wien ein reich gewordener Börseaner und hinterläßt seine Million Kronen einem von den „barmherzigen Brüdern" geleiteten Klosterspitale mit der Bedingung, daß polnische Juden von der Wohltat der Stiftung ausgeschlossen werden und an seinem Todestage die „Barmherzigen" in der Synagoge erscheinen sollen, um für sein Seelenheil zu beten. Rabbi den Akiba ist geschlagen. So etwas war wirklich noch nicht da. Die „barmherzigen Brüder" sind gewiß ein sehr wohltätiger Orden, der die Krankenpflege ohne Unterschied der Konfession ausübt; man wird nichts dagegen einwenden, wenn Juden diesen Orden reichlich unterstützen; ein verstorbener österreichischer Finanzbaron, dessen Judentum über allen Zweifel erhaben war, hat dies seinerzeit auch getan. Aber welcher Haß und — welche Dummheit, nennen wir sie Irrwahn, spricht aus den testamentarischen Bestimmungen des Börseaners. Es wird ein Ailblick, aber nicht für Götter sein, wenn am „Jahrzeittage" des „wohltätigen" Testators die Ordensleute in der Synagoge ihren Kaddisch sprechen. Und da sage man noch, die Verbrüderung der Menschheit schreite nicht fort. Nur eines möchten wir wissen, was die armen polnischen Juden dem „hochherzigen" Verstorbenen Böses getan. Am Ende haben sie ihm bei seinen Börsenspekulationen gar zu tief in die Karten geschaut. — Vom Testament zur Trauung ist ein weiter Weg, der nach menschlichen Usancen gewöhnlich umgekehrt gemacht wird. Aber von einer Dummheit haben wir auch zu berichten, die infolge einer Traulrng begangen wurde. Man mißverstehe mich nicht. Die Geschichte ist die eines Mannes, der bei besagter Trauung als Geistlicher fungierte, indem er zwei Leutchen durch seinen frommen Segen verband, die er nach göttlichem und menschlichem Gesetze nicht verkilüpfen durfte. Es lag eben das vor, was man als ein Ehehindernis zu bezeichnen Pflegt. An dieser Dummheit — diesmal Irrtum genannt — hatte die Menschheit aber noch nicht genug. Die geistliche Oberbehörde Abderas an der Donau, gewöhnlich Kultusgemeinde, Repräsentanz genannt, sanktionierte sie noch obendrein durch ihren Machtspruch. Es ist dies ein sogenannter „schwerer Fall". Jedenfalls sieht man, daß auch wir im Judentum eine Art Kongregation der Kardinäle haben, welche zu lösen, aber auch zu binden vermag. Das sind Dummheiten, die Trauungen ihre Entstehung danken. — Aber auch die hehre Wohltätigkeit kann, man würde es nicht glauben, den Menschen zu Dummheiten verleiten. Ist da in einem andern Abdera, — es gibt eben dieser Städte viele, nur daß die „lachenden Philosophen", die Demvkritose ihnen fehlen und die modernen Wielands, die ihre „Jrrtümer" annageln — ist also da in einem anderen Abdera ein wohltätiger Verein zur Versorgung elternloser Kinder. Die Lorbeeren dieses Vereins lassen andere Wohltäter nicht ruhen. Nun sollte man meinen, daß alle diese Wohltäter sich vereinigen, um nach dem Grundsätze „In der Einheit liegt die Macht" zu handeln und den bestehenden Verein zu fördern. Aber auch auf dem Gebiete der Menschenliebe, scheint es, gibt es einen Separatismus. Man geht hin, gründet einen neuen Verein und macht dem ersten Konkurrenz. Man hat sich selbst in das wohltuendste Licht gestellt, und dies genügt. Wahrlich, wer über gewisse Dinge nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren. Solche Blüten bringt unsere Zeit hervor, die ich als die der Reklamesucht bezeichnen möchte. Die Hauptsache scheint bei vielen zu sein, nur in die Zeitung zu kommen und sich recht oft „gedruckt" zn lesen. Diese Wohltat können wir den Herren erweisen, nur daß sie in den Zeitungen auch von ihren Jrrtümern, vulgo Dummheiten, lesen werden. Und wieder kehren wir in das Abdera an der Donau zurück. Aus den östlichen Gegenden kommt eine arme, jüdische Frau in die große Stadt au der Donau, sie hat von ihren berühmten Aerzten gehört und von dem Wohltätigkeitssinu ihrer

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