Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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544: Gemeinde soll keine Gewissensnot nnd kein Gewissenszwang herrschen. Wir bleiben fest auf unserm liberalen Programm stehen und wollen uns jedem Rückfall in den engen Gesichtskreis des Ghettos widersetzen; nur wollen weiter versuchen, unser religiöses Fühlen und Denken mit den Ideen des modernen Zeitalters zu versöhnen und wollen darum auch nicht die Neli gionsübung in überlebten Formen erstarren lassen. Aber wir wünschen, gerade weil »vir liberal sind und nach allen Seiten gerecht zu sein streben, auch die Mitarbeit derjenigen Männer im Repräsentantenkollegium, denen das Festhalten an alten, durch Ueberlieferung ehrwürdigen Einrichtungen Bedürfnis ist. Darum setzen wir auf unsere Kandidatenliste auch die Namen derjenigen Konservativen, von denen wir nach den Erfahrungen der letzten Wahlperiode ein friedfertiges Zusammenarbeiten mit uns erlvarten dürfen. Auf diese Weise hoffen wir auf eine Zusammenfassung der lebendigen Kräfte der Gemeinde. Diese Kräfte sollen sich nicht in unfruchtbaren Parteikämpfen erschöpfen, sondern in edlem Wettbewerb um ideale Güter entwickeln und steigern. Unsere Wähler aber fordern wir auf. sich um uns zu scharen und einmütig denjenigen Männern ihre Stimme zu geben, deren Namen unsere Kandidatenliste ausweisen »vird. Berlin, im November 1907. Der Vorstand des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Vorsitzender: Jnstizrat Bernhard Breslauer, Kaiser-Wilhelm-Straße 3. Schriftführer: Rechtsanwalt Wilhelm Planster, Bad strafte 04. Schatzmeister: General-Konsul Eugen Landau, Wilhelmstraße 70 b. Willibald Loewenthal, Klopstockstrafte 53. Professor Tr. M. Schaefer, Klopstockstrafte 24. Stettvertretender Schriftführer: Benas Levy, Fasanenstrafte 09. Professor Tr. S. Blaschke, Altonaer Straße 21. Direktor Tr. Georg Minden, Kleiststraße 1. James Simon, Klosterstraße 80,81. Stadtrat Dr. Max Weigert, Maurermeister S. Weile, Kielganstrafte 2. Karlstrafte 5 a. Stadtverordneter H. Witkowski, Auguststraße 1. Wir haben diesem Schriftstück nur wenig hinzuzufügen. Es spricht für sich selbst. Denn es redet die Sprache" der Wahrheit. Und deshalb wird es auch überall Erfolg haben und Teilnahme finden, »vo man für Gelvissensfreiheit und für Fortschritt sich begeistert. Besonders beachtenswert erscheint uns in diesem Ausruf die Versicherung, daß die liberale Partei „der Wissenschaft des Judentums den ihr gebührenden Platz zu erringen" sich bemühen werde. Das ist ein großes Wort, eine Erklärung von weittragender Bedeutung, wie man sie in Gemeindewahlausrufen bisher noch nicht gelesen hat. Aber gerade in dieser Erklärung liegt auch die Bürgschaft des Sieges der freien Richtung im Judentum. Denn eine religiöse Entwicklung, die von der Wissenschaft geleitet wird, muß für die Allgemeinheit zum Segen werden. Schon der Aufsatz, der die Nummer 25 der „Mitteilungen des Liberalen Vereins", in »velcher der obige Aufruf zuerst enthalten, abschließt: „Was ist liberales Judentum", bleibt ein Zeugnis für diese Tatsache, indem er an der Hand der Geschichte die allmähliche Entwicklung des Gebetrituals darstellt. Jeder Sachkundige wird deshalb die letzten Sätze des Artikels gern unterschreiben: „Wie das Judentum überhaupt, so erschöpft sich auch der Liberalismus nicht in Formen; er muß in die Tiefe des religiösen Lebens, in dessen inneren Gehalt dringen. Liberales Judentum bedeutet Wissenschaft. Wahrheit und Leben. Nach der Wahrheit streben, das Leben zu verstehen und das Judentum wissenschaftlich zu erforschen, das ist die Aufgabe des rechten religiösen Liberalismus." Jüdische Oberlehrer an den höheren Lehranttslten Kreutzens. (Bestand vom 1. Mai 1907.) Zahl der jüdischen Oberlehrer an den höheren Lehranstalten Preußens hat sich seit dem 1. Mai 1906 nicht wesentlich geändert. Ein Professor an einem staatlichen Gymnasium in der Provinz Posen und ein Oberlehrer an einer städtischen Realschule in Berlin sind gestorben, ein Professor an einem städtischen Gymnasium in Frankfurt a. M. ist Dissident geworden. Die Zahl der an staatlichen Anstalten angestellten jüdischen Oberlehrer ist dadurch auf die bisherige Höhe (11) gebracht worden, daß ein bisher an einem städtischen Gymnasium in der Provinz Brandenburg tätiger Oberlehrer an ein staatliches Gymnasium in Berlin versetzt worden ist. Da die städtische Handelsschule in Frankfurt a. M. als öffentliche höhere Lehranstalt anerkannt worden ist, so sind zwei jüdische Oberlehrer, die an dieser Anstalt beschäftigt sind, in den „Kunze-Kalender für das höhere Schulwesen Preußens usw. (Schuljahr 1907)", dem wir diese Daten entnehmen, eingereiht ivorden.Außerdem sind ein bisheriger anstellungsfähiger Kandidat und ein Proband (Neuphilologe) zu Oberlehrern ernannt worden, der erstere an einer Realschule der Provinz Sachsen, der andere in Berlin. Somit ist die Zahl der jüdischen Oberlehrer an städtischen höheren Lehranstalten Preußens (für Knaben) um 1 gestiegen. Sie betrug am 1. Mai 1907 64, und zwar 1 in Westpreußen (Danzig), 2 in Brandenburg (Charlottenburg), 46 in Berlin, I in Posen (Bromberg), 8 in Schlesien (5 in Breslau), 2 in Sachsen (Kalbe und Magdeburg), 4 in Hessen-Nassau (Frankfurt a. M.). Die 11 königlichen Oberlehrer jüdischen Glaubens verteilen sich folgendermaßen: Ostpreußen 1, Westpreußen 3, Brandenburg 3 (darunter 2 in Berlin), Posen 3, Schlesien 1. Unter den 7481 Oberlehrern, die am 1. Mai 1906 an preußischen höheren Knabenschulen angestellt waren (die an den beiden jüdischen Lehranstalten in Frankfurt a. M. beschäftigten Oberlehrer sind dabei nicht mitgerechnet), waren 74 Juden (0,98 Prozent), darunter 33 Professoren, unter 7791 am 1. Mai 1907 75 Juden (0,96 Prozent), darunter 39 Professoren. Am Philanthropin in Frankfurt a. M., das seit dem 1. Mai 1905 nur noch jüdische Oberlehrer hat, ist deren Zahl (10, darunter 7 Professoren) unverändert geblieben, an der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft ebendaselbst sind unter II Oberlehrern 8 Juden (darunter 5 Professoren). Bon den acht anstellungsfähigen Kandidaten, die der vorjährige Kalender anfführte, ist also 1 Oberlehrer geworden, 1 ist in Berlin, 2 in der Provinz Brandenburg vollbeschäftigt, 3 sind in Frankfurt a. M. an privaten Anstalten tätig und 1 ist beurlaubt. Bon den drei Probanden des vorigen Schuljahres ist außer dem einen, der in Berlin angestellt worden ist, einer zum Oberlehrer an einer städtischen Anstalt außerhalb Preußens (Dessau, Handelsrealschule) ernannt worden, der dritte ausgeschieden, um eine Lehrtätigkeit an einer Privatschule der Provinz Sachsen zu übernehmen. Von den 5 Seminarkandidaten des vorigen Jahrgangs, die nunmehr Probanden geworden sind, ist 1 in Berlin fast vollbeschäftigt, 2 in der Provinz Brandenburg vollbeschäftigt, 1 am Realgynmasium in Kassel stundenweise beschäftigt, 1 am Philanthropin zu Frankfurt a. M. Neu hinzugetreten sind 6 Seminarkandidaten (Gesamtzahl 685), 4 mit der Lehrbefähigung in neueren Sprachen, 2 in Latein und Griechisch, 3 sind in der Provinz Brandenburg, 2 in Hessen-Nassau, 1 in der Rheinprovinz (zum erstenmal seit mehr als 20 Jahren). Von den Neuphilologen ist einer am