Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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543 Wir wissen nicht, ob diese Meldung den Tatsachen entspricht. Dementiert ist sie bisher vorn österreichischer Seite noch nicht worden. Sollte es sich aber in der Tat so verhalten, so wäre für die jüdischen Abgeordneten in Oesterreich gerade in diesem Augenblick eine sehr günstige Gelegenheit, darüber sich mit dem Ministerpräsidenten Baron Beck zu unterhalten und nach der Berechtigung jener Note, die uns sehr zweifelhaft zu sein scheint, sich zu erkundigen. * Die dritte Duma in Rußland scheint also wirklich absolut „judenrein" zu sein. Wir wissen bis jetzt nur von einem jüdischen Deputierten. Dagegen sind etwa 40 Männer vom „Verband des russischen Volkes", die berüchtigsten Judenfresser obenan, dank den: Druck, der von oben geübt wurde, gewählt worden. Hören wir, wie aus diesem Anlaß em sonst nicht gerade sehr judenfreundlicher deutsch-russischer Politiker jenen Verband und seine Leute schildert: Die große nationale Strömung, die in Rußland mit der so beliebten „elementaren Gewalt" alle Scheußlichkeiten der Anarchie austreiben sollte, versagt noch immer. Die durch die Petersburger „Nuskoje Ssobrauie", durch den „Verband des russischen Volkes" und die provinziellen Zweige dieser Organisationen geführte Propaganda hat durchaus nicht klärend und festigend gewirkt. Fast alle diese monarchistischen Vereine sind in solch extrem-reaktionäres Fahrwasser geraten, daß sie heute an Fanatismus und blindem Unverstand es getrost mit ihren Antipoden aus dem anarchistischen Lager aufnehmen können. Hysteriker, Halbnarren führen in ihren Blättern und Versammlungen das große Wort und haben sich schon lange zu dem ungeheuerlichen Bekenntnis verstiegen, daß in Rußland überhaupt keine Reformen nötig sind, daß vielmehr der alte patriarchalische Zustand wieder herzustellen sei. Eine der tollsten Gestalten in diesem monarchistischen Veitstänze ist Herr Dubrowin vom „Rußkoje Snamja", der ein Radikalheilmittel gegen die russischen Beschwerden gefunden hat. Dieses besteht in nur 2000 bis 3000 Hinrichtungen, die in den verschiedensten Gegenden des Reiches zu vollziehen seien. Ich vermute, daß die lokalen Zweige des Verbandes des russischen Volkes die betreffenden Listen auszufüllen haben. Leider ist die Zeit noch nicht reif für Herrn Dübrowins Arcanum. In seinem Privatleben ist der Mann Arzt. System: „Ich schlug ihm mit dem Beil vor'n Kopf." . . . Vor wenigen Tagen wurde in Moskau ein bedeutenderer, aber im Fanatismus nur wenig dem Petersburger Eisenbart nachgebender Vertreter der extremen monarchistischen Richtung zu Grabe getragen: der bekannte Gringmuth, Redakteur der „Moskowskija Wedomosti" weiland Katkows. Gringmuth war ein leidenschaftlicher, unermüdlicher Organisator, überzeugt von der Notwendigkeit der Erhaltung des alten Systems der Selbstherrschaft. Dieser vielgehaßte Mann, der in Moskau in den bösen Tagen des wüsten Aufstandes wenige Männer um sich scharte und die Moskauer Monarchistische Partei gründete, war mutig und ehrlich. Sein politischer Standpunkt aber war nur von wenigen krassen Reaktionären geteilt. Obwohl die Leute um ihn und auch wohl der Verstorbene selbst behaupteten, daß Hunderttausende ihrer Anhänger in und um Moskau bereit seien, sie zu unterstützen, bestand diese Anhängerschaft wohl nur in wenigen sanatisierten Intelligenten und in einigen hundert oder vielleicht auch tausend zerlumpten Desperados vom Ssucharew-Markt und aus allerhand dunklen Winkeln der alten Stadt. Aehnlich ist es in Odessa, wo ein vom Grafen Konownizin organisierter feiler Mob die ganze Stadt terrorisiert, alle Augenblicke mit Gemetzeln drohend. Gringmuth hatte es verstanden, alle nationalistisch-monarchistischen russischen Verbindungen zu einer großen Organisation zu einen. Der monarchistische Kongreß zu Kiew war der Glanzpunkt seiner Wirksamkeit. Bald danach flaute aber die gehobene Stimmung wieder ab. Uebrigens stammte der Zudenhasser Gringmuth väterlicher- und mütterlicherseits aus einer guten jüdischen Familie. So wird wenigstens unwidersprochen versichert. Der Tod dieses wunderlichen Kämpen starken Charakters ist ein herber Schlag für die durch ihn organisierten Monarchisten. flus der berliner Gemeinde. Berlin, 11. November, ls erster ist auch diesmal vor den Wahlen der allezeit rege und wachsame „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" auf dem Plan erschienen. In weiten Kreisen unserer Gemeinde hat es wohl Verwunderung erregt, daß man bisher nichts von einer Wahlagitation gehört hat, die sonst doch meist schon ein halbes Jahr vor dem Wahltermin einzusetzen pflegte. Vielleicht gibt der liberale Wahlaufruf darauf die treffende Antwort. In der Amtsperiode der letzten drei Jahre hatten die Liberalen in der Repräsentantenversammlung die Majorität. Sie haben diese nie mißbraucht. Der ehrliche Konservatismus hat deshalb keinerlei Grund zur Klage, und jeder gegnerischen Wahlagitation ist dadurch der Wind aus den Segeln genommen. Das ist ein Erfolg, der nicht hoch genug anzuschlagen ist. Daß es trotzdem Unzufriedene, Nörgler und Tadler genug in einem so großen Gemeinwesen gibt, ist selbstverständlich. Es wäre verwunderlich, wenn es gerade hier an solchen fehlen sollte. Aber sie bilden keinen nennenswerten Faktor in unserem Gemeindeleben. Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Berlin steht gegenwärtig auf einer solchen Höhe — wir haben dies erst kürzlich bei Besprechung der Schulverhältnisse konstatieren dürfen — daß sie jeden Vergleich aushält und jeden unberechtigten Tadel zurückweisen kann. Daß es trotzdem noch viel zu bessern und mancherlei zu ändern gibt, das wissen vor allen die liberalen Repräsentanten selbst an: besten. Das kann aber nur in stetiger fortschreitender Entwicklung geschehen, die nicht durch nutzlose und aufreibende Kämpfe unterbrochen oder gehemmt wird. Wer für eine solche ruhige und gedeihliche Entwicklung ist, der wird deshalb sicher dem folgenden Appell willige Folge leisten: Wahlaufruf. In wenigen Wochen werden die Gemeindewahlen ftattfinden, und etwa die Hälfte der Repräsentantenversammlung wird durch sie erneuert werden. Die ausscheidenden Repräsentanten gehören sämtlich der konservativen Partei an. Als unser Verein zum erstenmal in die Wahlen Angriff, forderte er die Wühler auf: die religiöse Entwicklung innerhalb der jüdischen Gemeinde zu Berlin zu fördern und darauf hinzuwirken, daß die Verwaltung in liberalem Sinne geführt werde. Unser Verein und die durch seine Mitwirkung gewühlten Repräsentanten haben an diesem Programm festgehalten, nicht ohne heftige Kämpfe ausfechten zu müssen. In der letzten dreijährigen Wahlperiode war die Zusammensetzung der Repräsentantenversammlung derartig, daß die Liberalen meistens eine kleine Mehrheit hatten. Bedeutende Verwaltungsausgaben sind in dieser Zeit teils vollendet, teils in die Wege geleitet worden, nicht minder wichtige stehen bevor. Wie bisher wird es auch ferner unsere Pflicht sein, den Gottesdienst weiter ariszugestalten, den Religionsunterricht zu pflegen, an der Fortentwicklung des dem Judentum zugrunde liegenden religiösen Gedankens zu arbeiten und der Wissenschaft des Judentums den ihr gebührenden Platz zu erringen. Daneben wird es uns immer mehr und mehr obliegen, an den täglich sich erweiternden und aus dem Wachstum Berlins und seiner Vororte sich ergebenden Aufgaben sozialer Fürsorge mitzuarbeiten. Wir bedürfen für diese Aufgaben der Mitwirkung der gesamten Religionsgemeinde und beabsichtigen, ihre Mitglieder in erhöhtem Maße zur Gemeindetätigkeit heranzuziehen. Wir sind liberal: das bedeutet, das wir das Judentum nicht verkümmern lassen, sondern seine Entwicklung ans dem Boden der Geschichte und der Wissenschaft fördern wollen. Keinen Stillstand und keiner: Rückschritt, sondern Fortschritt und Entwicklung, Freiheit und Wahrheit! Wir sind liberal: das bedeutet ferner, daß wir allen Richtungen in der Gemeinde Rechnung tragen. In einer jüdischen