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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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542 das Judentum geht, die Vertreter der äußersten Extreme in gemeinsamer Arbeit zusammenfinden. Der „Vorwärts" findet eine „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" ebenso unnötig wie die „Deutsche Tageszeitung" und die „Tägliche Rundschau", und die „Staatsbürgerzeitung" ruft höhnisch aus : „Heil Israel", und meint: „Es hieße die Urteilsfähigkeit und den gesunden Sinn des deutschen Volkes wahrlich gering genug einschätzen, wollten wir auch nur ein Wort der Warnung vor dieser neuesten jüdischen Gründung verlauten lassen." Wollte man all das, was unsere Tageszeitungen und Wochenschriften über das Judentum, wie über seine Einrichtungen und Anschauungen, an Jrrtümern und falschen Meldungen bringen, regelmäßig publizieren, so würde man eine schöne Sammlung von Torheiten zusainmenbekommeu. Aber wie schädlich wirken solche Jrrtümer, und wie verhängnisvoll sind sie uns oft schon geworden! Wir haben heute nur einen Punkt herausgehoben. Gerade aber diese Angelegenheit zeigt uns wieder einmal mit erschreckender Deutlichkeit, wie fremd Juden und Judentum den Zeitgenossen im allgemeinen sind. Nun denn, an uns ist es, unausgesetzt dafür Sorge zu tragen, daß diese freu,de Welt immer mehr in ihren Arbeiten und Bestrebungen bekannt und vertraut werde. Denn nur so kann ein wirklich objektives Urteil über die großen Probleme möglich werden, über die heute ohne jede Kenntnis der Dinge oft mit erstaunlicher Leichtfertigkeit, fast immer aber ohne jede Sachkenntnis in Parlamenten, Zeitungen und Vereinen abgeurteilt wird. -AM Bit Woche. Berlin, 12. November, egenüber den mehr um die Sache herumgehenden als sie treffenden Bemerkungen einzelner Blätter zu unserer Mitteilung in der vorigen Woche über das Vorgehen der Nürnberger Handelskammer in Sachen der Behandlung deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens in Rußland wird jetzt von einer angesehenen deutscher! Firma die folgende charakteristische Geschichte mitgeteilt: „In Deutschland ist es ungesetzlich, das Religionsbekenntnis dem Paß beizufügen; die Erfüllung dieser russischen Forderung bedeutet eine Umgehung des Gleichheitsprinzips. Wenn es nun damit abgetan wäre, so wäre das zwar bedauerlich vom ethischen Standpunkt, aber schließlich zu ertragen. Allein durch diese amtlicherseits gestattete Kennzeichnung der Religion wird der russischen Willkür Vorschub geleistet; es werden von den Reisenden jüdischen Glaubens erpresserische Abgaben eingezogen; es werden ihnen Beschränkungen und Unannehmlichkeiten persönlicher Art auferlegt, denen der Reisende christlichen Glaubens und der jüdische Angehörige der englischen, amerikanischen und französischen Nation nicht ausgesetzt ist, weil diese Nationen einen Unterschied in der Paßbehandlung ihrer gleichberechtigten Staatsbürger nicht gestatten. Seit 20 Jahren reise ich besonders nach Russisch-Polen. Ich habe zu wiederholten Malen die Unannehmlichkeit gehabt, daß mein Paß, der bei der Ausreise aus Rußland das Visum der Polizei der letztbesuchten russischen Stadt tragen muß, mir nicht erteilt wurde mit der Angabe: „Wir visieren keinen jüdischen Paß, bamit müssen Sie in die Gouvernementsstadt fahren!" Da das Gouvernement häufig eine Tagereise entfernt ist, kann man sich denken, welche Kosten und Zeit hierauf verwendet werden müssen, abgesehen von den Gefühlen, die man empfindet, wenn es heißt „jüdischer Paß" statt „deutscher Paß". Es sind acht Tage her, da erhielt ich in Rußland meinen Paß wieder zurück mit dem Bemerken: „Jüdische Pässe visiere ich nicht. Sie müssen nach Warschau!" Ich hatte nach Warschau sechs Stunden Bahnfahrt, dort anderthalb Tage Aufenthalt, da Uebernachten erforderlich ist, und wieder zehn Stunden Bahnfahrt zurück, da mein Reiseziel in ganz anderer Richtung lag. Um diese schwerwiegende Unannehmlichkeit und auch um Zeit und Geld zu sparen, begab ich mich selbst auf das Polizeibureau der betreffenden Stadt, konnte jedoch keinen anderen Bescheid erzielen, und es versagte auch das sonst erfolgreiche Mittel einer „Abgabe". Ich mußte nach Warschau, um dort ebenfalls erst zu hören: „Einen jüdischen Paß visiere ich nicht!", und ich erhielt ihn visiert erst, nachdem ich eine „freiwillige" Abgabe von 15 Rubel bezahlt hatte. Es ist hinlänglich bekannt, daß die Reisenden, deren Paß das „Judensiegel" trägt, in Rußland schweren Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind. In Sachsen muß die Regierung sich nun auch gegen die Geister wehren, die sie einst selbst gerufen oder mindestens protegiert hat. So hat am 6. d. M. im Landtag der bekannte antisemitische Abgeordnete Oswald Zimmermann sich gegen eine Mitteilung des Justizministers von Otto an den Ausschuß für Auswahl der Schöffen und Geschworenen gewandt, in der darauf hingewiesen wurde, daß es verfassungswidrig sei, grundsätzlich Juden von diesen Ehrenämtern auszuschließen. Vor Eintritt in die Tagesordnung ergriff nun der Justizminister von Otto am 7. d. M. in der zweiten Kammer das Wort, um nachträglich zu betonen, daß die grundsätzliche Ausschließung eine Ungerechtigkeit sein würde, denn es gelte in Sachsen das gleiche Recht für alle ohne Unterschied der Konfession. Es sei daher völlig hinfällig, ihm den Vorwurf zu machen, er habe mit jener Mitteilung in die Selbständigkeit der Ausschüsse eingegriffen. Bekanntlich hat der „Zentralerem deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in dieser Frage die Initiative auch für Sachsen ergriffen. <$» Die Christlich-Sozialen in Oesterreich haben endlich ihr heißersehntes Ziel erreicht. Der christlich-soziale Dr. Alfred Ebenhoch wurde Ackerbauminister, der christlich-soziale Führer Dr. Geßmann Minister ohne Portefeuille, mit der Bestimmung, an die Spitze des neu zu schaffenden Arbeitsministeriums zu treten. Die vielleicht folgenschwere Bedeutung dieser Tatsachen liegt in der Berufung eines Mannes von der agitatorischen Vergangenheit und schroff-klerikalen Gesinnung wie Dr. Geßmann. Dafür stimmen die deutschen Parteien für den Ausgleich. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Christlich- Sozialen jetzt auf deutscher Seite die Führung an sich gerissen haben und auch der künftigen Regierung das Gepräge geben werden. Das ist das Traurige der ganzen Sache. Sonst könnte es den österreichischen Juden ja wirklich nur angenehm sein, daß die beiden Herren nicht das Portefeuille des Kultus und der Justiz oder des Handels erhalten haben, nach denen sie so stark geangelt haben- In jedem Falle gehen die Juden Oesterreichs schweren Tagen entgegen. Es ist ein Glück, daß österreichische Minister nicht allzulange zu existieren pflegen. * Ein rumänis ches Blatt brachte in der vorigen Woche die folgende Notiz: „Wie wir aus absolut sicherer Quelle erfahren, hat der österreichisch-ungarische Gesandte in Bukarest der rumänischen Regierung eine Note überreicht, in der gegen die zahlreichen Ausweisungen rumänischer Juden auf österreichisches oder ungarisches Gebiet energisch protestiert wird. Diese Protestnote hatte zur Folge, daß der Minister des Inneren, Herr Jonel Bratianu, sämtliche Präsekten des Landes angewiesen hat, Juden, die Ausweisungsdekrete erhalten, nicht auf österreichisch-ungarisches, sondern nunmehr auf russisches Gebiet abzuschieben!"

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