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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 46. Allgemeine Berlin, 15. November 1907. eilung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abo nnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 OT. Re dakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philixxson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Line unbekannte Welt. Berlin, 12. November, ie oft haben wir nicht schon Klage darüber führen müssen, daß Inden nnd Judentum sür die nutz umgebende Welt etwas Unbekanntes, Fremdes sind! Und doch ist es seither nicht besser geworden. Man fährt fort, über das Judentum zu schreiben — viel und oft — aber mit einer Unkenntnis oder vielmehr mit einer durch keinerlei Sachkenntnis getrübten Objektivität, die man sich kaum gestatten würde, wenn man über die inneren Verhältnisse der Japaner oder der Chinesen schreiben würde. Die letzten Wochen haben wieder einen schlagenden Beweis für diese sehr traurige und in ihren Wirkungen verhängnisvolle Tatsache erbracht. Seit 35 Jahren besteht hier in Berlin die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums", eine Hochschule, die von einem Manne wie Lazarus begründet wurde, in der Männer wie Sieinthal und Geiger lehrten, ein Institut, das alljährlich einen Bericht über seine Tätigkeit in die Oeffentlichkeit schickt und in diesen Berichten Abhandlungen gebracht hat, welche für die Wissenschaft der Theologie von großer Bedeutung waren. Nun baut sich diese Lehranstalt im 35. Jahre ihrer gedeihlichen und erfolgreichen Wirksamkeit ein eigenes Heim. Und jetzt erst erfährt ein Teil der Zeitungswelt durch eifrige Reporter von der Existenz dieses Instituts, und zwar ein Teil der Zeitungswelt, die sich immer ans ihre Bildung wie auf ihre höhere Kultur erstaunlich viel zugute tut. Sollte man das für möglich halten? Eine ganze Anzahl von Berliner Blättern, voran die „Tägliche Rundschau", die mit ihrer Wissenschaftlichkeit geradezu protzt, brachten übereinstimmend die Meldung: Eine Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums ist dieser Tage hier eröffnet worden ufw. Manche knüpften daran sogar polemische Bemerkungen. Und der „Deutschen Tageszeitung", die allerdings mit Bildung nicht Protzen kann, passiert dabei das komische Malheur, daß sie „jüdische Wissenschaft" mit „jüdischer Kultur" verwechselt und aus dem Satz in der Rede Professor Cohens in Frankfurt a. M., daß es keine eigene jüdische Kultur gebe, mit echt agrarischer Logik die Schlußfolgerung zieht, daß es demnach auch eine jüdische Wissenschaft nicht geben könne. Es wäre in der Tat zum Lachen, wenn es nicht gar so traurig wäre, daß Menschen, die keine Ahnung haben von Juden und Judentum, sich fürberechtigt halten, darüber alltäglich zu Gerichte -zu sitzen. Und der Herr, der in dem letztgenannten Blatte das Wort in der Sache führt, erklärt sogar ohne Umschweife, die Juden selbst verfügten nicht über den nötigen Abstand, um über diese Fragen zu entscheiden. Sie sollten die Antwort ihm und seinesgleichen überlassen. Ist das glaublich? Das Schlimmste aber hat in dieser Angelegenheit das führende sozialdemokratische Organ geleistet. Der „Vorwärts", der seit dem Bestehen des Blocks der Mittelparteien gern etwas antisemitisch schillert, so z. B. erst in dieser Woche in einer „Dr. Karl Peters und die Juden" überschriebenen Korrespondenz aus Breslau, schildert gar seinen Getreuen die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums vom Parteistandpunkt. Das sozialistische Zentralorgan schreibt wörtlich in der Nummer vom 23. v. Mts.: „Das Unternehmen scheint wissenschaftlich gänzlich zwecklos zu sein. Was an der „Wissenschaft des Judentums" wissenschaftlich ist, wurde längst in Angriff genoinmeu und gerade von nichtjüdischer Seite hoch entwickelt." Der „Vorwärts" begeht dabei zunächst also auch deu Schnitzer, daß er die Einweihung des neuen Gebäudes der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, welcher der Kultusminister beiwohnte, worüber das radikalsozialistische Blatt sich besonders geärgert zu haben scheint, mit der Begründung der Hochschule selbst verwechselt. Soweit wie der „Vorwärts" und die „Deutsche Tageszeitung" ist selbst Heinrich von Treitschke nicht gegangen, der in seinen bekannten Artikeln in den „Preußischen Jahrbüchern" seinerzeit ausdrücklich den Wert und das gute Recht der Wissenschaft des Judentums hervorhob. Wenn das sozialistische Zentralorgan aber gewußt hätte, welche Männer von wissenschaftlicher Bedeutung auch von jüdischer Seite auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums tätig gewesen sind, hätte es seinen Angriff wohl unterlassen. Indessen schon Ludwig Philippson, der unvergeßliche Begründer dieses Blattes und zugleich einer der Mitbegründer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, hat sich in einem Leitartikel „Der Judenhaß der Atheisten und Roten", den er auch in seine „Weltbewegenden Fragen" ausgenommen hat, gegen Uebergriffe der Ochlokratie gewehrt, welche die jüdische Theologie und das Judentum immer vorzüglich zur Zielscheibe für Angriffe in ihrer Zerstörungswut genommen hat. Im übrigen besteht die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums länger in Berlin als die Arbeiterbildungsschule, gegen deren gutes Recht von unserer Seite nie ein Einspruch erfolgt ist und an der auch jüdische Lehrkräfte Mitwirken. Da der „Vorwärts" sich aber jetzt dem Antisemitismus zu nähern scheint, sollten ihn diejenigen Abgeordneten der Partei, welche zwar dem Glauben ihrer Väter den Rücken gekehrt haben, doch aber nicht gewillt sind, das Judentum verhöhnen zu lassen, eines Besseren belehren. In der Wissenschaft des Judentums haben Inden Grundlegendes geschaffen, die wie Leopold Zunz schon sür die Rechte des Volkes eintraten, als es noch keinen „Vorwärts" und keine sozialistische Partei in Deutschland gab. Es ist charakteristisch, daß sich, wo es gegen

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