Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · p. Seite 540

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228790--63955-3297895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Ob ich. Sie liebe?" schrie Barom, indem er aufsprang. „Verlangen Sie mein Blut „Warum soll ich verlangen Ihr Blut?" „Sagen Sie, ich soll die Stadl anzünden, ich zünde sie an." „Sie sind ein schrecklicher Mensch", seufzte Genendel lächelnd. Sie gingen nebeneinander der Stadt zu. „Ich bin ein Lamm in Ihren Härchen, Frau Kasches, ja was Sie nur rvollen, ich bete Sie an, Sie sind die schönste Frau, die ich je gesehen habe mit diesen meine« Allgen." „O, ich bitte." Das Ideal lächelte verschämt. „Und wie Sie so majestätisch sind und so voll Geist, und > was für ein Genrüt!" j „Nun, ich sehe. Sie sind wirklich irr mich ein wenig verj liebt," sprach das Ideal schüchtern, „obwohl ich rricht begreife — der Unterschied der Jahre schon —" „O. sprechen Sie nicht davon!" „Bon was soll ich also sprechen?" Sie blieb vor ihm stehen. Er sah wieder nur einen großen Pelz, einen durrklen Kapuchon, einen schwarzen Schleier lind dnrch diesen zwei helle Augen, aber er sah diese Augen lächeln ltnb war hingerissen. „Sagen Sie, daß Sie rnich nicht hassen." „Wäre Ihnen das schon genug?" „Für mich gewiß, Frau Kasches." „Also — Sie -- warum soll ich es nicht sagen Sie gefallen mir sehr gut, Herr Hirschbein." j „Sagen Sie doch Barom!" > ..Lieber Barom also." Er küßte wieder ihre Hände, und mit so jugendlicher Innigkeit. Frau Kasches lächelte unter dem Schleier. j „Und besuchen Sie mich recht bald," fügte sie hinzu. , „Ich werde mir erlauben."! Er reichte ihr den Arm und sie stüüte sich schwer und! träge ans denselben; aber dies erhöhte nur seine Wonne. Sie ginger: langsam in die Stadt zurück. Barom sprach lallt lind eifrig lnld Frall Kasches schwieg beharrlich; er hatte indes beu Eindruck, daß sie zusamrnen ein sehr geistreiches Gespräch führten, nnb er bemerkte auch nicht, daß sie, wie ein Schiff aus stürmischer See, auf dem glatten Boden Hill nnb her schwankte. Da war ihr Haus. Sie blieb stehen nnb nickte freundlich zum Abschied, während er andächtig beu Zipfel ihres Pelzes an die Lippen führte. (Fortsetzung folgt.) >. -*v. «5 i Literarische Mitteilungen. - Tr. Wilhelm Münz, Rabbiner in Gleiwitz: Einsames Vonb. Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. 1907. Mil! einer Schrift von eigenartigem Inhalt und Reiz tritt Münz vor! einen weiten jüdischen Leserkreis, dem er seit mehreren Jahren als ein! feinsinniger Apologet und gedankenreicher Interpret des Judentums j bekannt ist. Man darf das vorliegende Buch in gewissem Sinne als i ein bedeutsames und bezeichnendes signum iemporis betrachten, das | insofern nur noch beachtenswerter ist, als es dem tiejften Sehnen; und idealsten Streben des modernen Judentums entspricht, ihm einen j säst adäquaten Ausdruck gibt und doch nahezu vereinzelt dasteht in i seiner Geistesart unter seinen literarischen Geschwistern. Es ist! „Einsaures Land", das er betritt; aber wem von uns ist dieses Land in stillen nachdenklichen Stunden nicht lieb und vertrant? Wer von uns hat nicht bald aus weiter Ferne, wie von Bergeshöhen, bald aus nächster Nähe einen Blick getan in dieses jonuenbeschieuene, strahlenumwobene gelobte Land? Religion und Poesie, lvie oft auch ihre nahe Verwandtschaft, lvo nicht gar ihre Identität behauptet wurde, niemals ist in neuerer Zeit ihre Bereinigung und gegenseitige Durchdringung von weiten Kreisen des Judentums so innig ersehnt und angestrebt worden wie in der Gegenwart, die man, vom äußeren Schein verführt, nur zu oft materialistisch schilt. Die Religion der Bäter mit poetischer Kraft zu umfangen und gleichsam wiederzugewinnen, die ehrwürdig heiligen Bräuche und Zeremonien inr Lichte poetischer Verklärung zu schauen und zu durchschauen ist wie den Besten unserer gottbegnadeten religiösen Dichter dem Verfasser vorliegender Sammlung in mancher seiner Dichtungen gelungen. Religion und Poesie, die holden und gnadenreichen Töchter eines gütigen Gottes, selten erscheinen sie so schwesterlich innig vereint wie in diesen Stinlmungsbildern. Dort hinten im Westen tanefjt die Sonne ins Meer hinab, der Mond wirst sein fahles Licht auf die verlassene Flur. Abendwindeskühle säuselt in den Lüften. Dll sitzest einsam lmter denr dichten Laub eines schattenden Baumes, deine Gedanken spinnen hinüber und herüber, deine Gefühle wallen auf und nieder — das ist die Stinrmung, in der Münz' prächtige Schilderungen mrd Erzählungen entstanden sind und irr die sie auch den Leser bannen. Nicht ohne Rührung, nicht ohne heilige Ergriffenheit wird der nachempfindende Leser, lvird die Leserin an den Schilderungen vorübergehen, die der Verfasser etwa vom „Seelenlämpchen", von denr „Weben und Träumen in der Laubhütte", vom „Sabbatfrieden", davon „Wie Fritzchen für seine Mutter betet" entwirft. Und auch dies Kennzeichen echter Dichtung besitzen diese Stimmungsbilder, das; selbst das Gewöhnliche, Alltägliche vom Lichte der Ewigkeit überstrahlt erscheint, in das Reich des Hohen und Reinen erhoben wird. Es darf der Wunsch und wohl and] die Erwartung ausgesprochen werden, das; diese Stimumugsblüten, die eitlem tiefreligiösen Geniüt, einem feinen, poetischen Empfinden entsprossen sind, auch im Herzen der reiferen Jugend, für die sie eine wahrhaft ideale Lektüre bilden, gleiche Stimmungen auslösen, gleiche Begeisterung wecken Dr. I. Holzer. £ ----- T r. A r thu r Kahn: Dämon nnb Phintias in der Judengasse. Frankfurt a. M. 1907. Verlag des „Israelit" G. m. b. H- Aus einer noch uid)t allzu fernen Vergangenheit erzählt der Verfasser die Lebensschicksale eitles Freundespaares, zweier armen Handwerker, die an Reinheit der Gesinnung, an schlichtem Gottvertrauen, an Ehrlichkeit, Opfermut und Treue alle Gebildeten und Reichen der Judengasse in der Mittelstadt am Rhein weit in den Schatterr stellen. Um die lebenswahr gezeichneten Figuren dieser bei beu gruppiert sich eitle Fülle anderer Gestalten, die nicht ininder frisch und charakteristisch gegeben finb. Ihr Tun und Treiben, ihr Streben und Irren erzählt der Autor init jener leidenschaftslosen Unparteilichkeit, die die Vorbediugitng des echten Kunstwerks ist, und von Seite zil Seite weiß er die Teilnahme für seine Geschöpfe zu steigern, die ihr Vorbild wohl in der Wirklichkeit haben. Wenigstens tragen sie alle die Züge der Wirklichkeit, und diese Eigenschaft wird noch durch die treffliche Wiedergabe des lokalen Hintergrundes vertieft, der auch vom kulturhistorischen Standpunkte aus Beachtung verdient. Bunt und wechselvoll rollen sich die Ereignisse ab — die Handelnden gewinnt man schnell lieb und fühlt sich bald eins mit ihnen. Die Erzählung hat außerdem noch den großen Vorzug, daß ein wirklicher Kenner des jüdischen Lebens sie geschrieben hat. Mit inniger Liebe und großer Treue werden Gestalten, Gebräuche und Verhältnisse wahr geschildert. * — Tr. A. Ackermann: Die drei Wünsche, ein Ehanuka-Festspiel. Auf Empfehlung der Jugendschriften-Konunission subventioniert von der Großloge für Terltschland 1t. O. B. B. Berlin 1907. H. Jtzkowski. Eine originelle Idee, mit Geschick verwertet und in eine überall leicht durchzusührende szenische Darstellung gebracht, das ist dieses neueste Ehanuka-Festspiel des durch ähnliche dichterische Versuche bereits vorteilhaft bekannten Verfassers. Die Verse sind leicht und fließend, die Sprache gehoben und doch einfach, das Ganze von einer warmen Begeisterung für das echt Jüdische durchweht und überall auch dem kindlichen Gemüt und Auffassungsvermögen Rechnung tragend. Das kleine Festspiel erscheint gerade rechtzeitig vor dem Channkafeste und kann, als zur Aufführung in Vereinen besonders sich eignend, bestens empfohlen werden. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.