Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei Kreuzer Neugewürz zu holen. Die Epistel war auf blaues Papier hingemalt mit Baroms ganzer stilvoller Kalligraphie und enthielt die dringende Bitte um ein Rendezvous in der Nähe des Mauthhauses. Wieder klang das Fenster gegenüber, wieder erschien die üppige Pelzjacke an demselben und in ihr Frau Genendel Kosches, den Brief in Händen, lesend und lächelnd. Und nun gab es ein wunderbares Zeichenspiel von Fenster zu Fenster; die Elle in Baroms Hand fragte in stummer Demut und die Pelzjacke antwortete mit einein gnädigen Kopfnicken, oder der mit Marder besetzte Aermel >vies nach Osten — denn es gab auch an dem westlichen Ausgange der Stadt einen schwarz-gelben Schranken — und die Elle in der Hand des schwärmerischen Jünglings bejahte hastig. Abends stellte Barom sein Unschlittstümpfchen auf das Fenster seines Stübchens und blickte mit klopfendem Herzen herab zu seinem Ideal. Es währte nicht lange und ein Schatten von sehr respektablem Umfange erschien. Kein Zweifel, sie war es, und sie hatte ihn entdeckt, denn der weiße Vorhang wurde leise zurückgeschoben, das innere Fenster geöffnet und eine große Lampe auf den Tisch gestellt. Frau Kosches hatte zwar das Licht im Rücken, und so blieb ihr Gesicht im Schatten, aber Barom sah deutlich ihre Gestalt, den Glanz des blauen Sammets und der goldbraunen Marderfelle, welche sich zärtlich an sie schmiegten, die schönen Hände, die bemüht waren, die Frostblumen von den Scheiben zu entfernen, und das genügte ihm. Als endlich ein freundliches Kopfnicken ihm gute Nacht sagte, das Fenster von neuem erklang, der weiße, neidische Vorhang sich vor das geliebte Bild legte, da faßte ihn eine Art wilder Begeisterung, und war es sein eigener Zustand, für den er in den Worten des Dichters Ausdruck fand, genug, er stellte sich vor seinen Tisch und deklamierte mit hastigen Gesten die Feuersbrunst aus der Glocke. Er geriet in immer größeren Eifer, und als er zu den Versen kam: „Flackernd steigt die Feuersäule, Durch der Straßen lange Zeile —" schrie er bereits wie ein Besessener. Am nächsten Morgen sagte Godel Mund zu ihm und Abrahamek: „Hab' ich doch gehabt einen großen Schreck heute nacht, es war mir im Traume, als schrie man Feuer in der Straße." „Das war ich," antwortete Barom schüchtern. „Sie haben Feuer gerufen?" „Nein, Herr Mund, aber ich habe vorgetragen aus der Glocke von Schiller." Der Kaufmann schüttelte nur den Kopf, aber beim Mittagessen sprach er zu Taube: „Barom ist seit einiger Zeit ganz verwirrt: denk' Dir, er hat vorgetragen heute Nacht ein Gedicht in Versen, und ich habe gemeint, daß es brennt." „Wie soll er nicht verwirrt sein," bemerkte Taube, „wenn er liest immer in den Büchern." Godel Mund lächelte überlegen. „Das ist es nicht, Taubeleben," sprach er mit seiner großen, fetten Stimme, „das ist es nicht. Ich glaube er ist verliebt in unsere Juditka, der arme Mensch; sie ist aber auch schön, hast Du gesehen ein schöneres Mädchen?" Taube versicherte, daß sie niemals ein schöneres Mädchen gesehen habe, während Juditka errötete, das Tischtuch zierlich aufhob und unter den Tisch blickte. „Er dauert mich," fuhr Godel Mund fort, „von Herzen dauert er mich, denn er ist ein braver Mensch, der Barom." Juditka ging noch denselben Nachmittag in das Gewölbe hinab, um sich selbst blaue Seide zu holen, die sie zu einer Stickerei brauchte. Sie sah Barom schmerzlich bewegt an, und als er ihr ritterlich die Tür öffnete, stolperte sie über ihre eigenen Füße. Fortan kam sie drei-, viermal des Tages herab um dies und jenes und sah Barom stets liebevoll und einladend an, aber er war blind für alles, was nicht am Fenster gegenüber vorging; er schüttete Tinte in den Spiritus und legte den Samt auf die Wage — wie sollte er bemerken, wie sich Juditka gegen ihn benahm?- Frau Genendel Kosches war eine gewissenhafte Frau. Sie fürchtete, daß die Zeichensprache nicht genüge, um jedes Mißverständnis auszuschließen, und so sendete sie, noch eine Stunde ehe das Gewölbe gesperrt wurde, Tulpe, welche schandehalber Stärke verlangte und, während Godel Mund dieselbe höchst eigenhändig in die Tüte tat, dem aufgeregten Barom zuflüsterte: „Die Gnädige wird stehen am Fenster, und wenn Sie gehen fort, wird sie auch gehen fort und wird gehen zum Lemberger Schranken." Barom nickte dankbar. Es war Nacht, als er das Gewölbe gesperrt hatte und in seinem schwarzen Atlastalar, die Sabbatmütze von Marderpelz auf die dunklen Locken gedrückt, stolz und schön das Haus verlieb, und zwar eine ehrliche galizische Nacht' nicht durch lügnerische Gasflammen in einen zweifelhafteil Tag verwandelt. Er sah Wohl das Ideal am Fenster stehen, da es durch eine große Lampe fast grell erleuchtet >var, aber die engen Straßen, durch die er schritt, waren so finster, daß er jeden Augenblick in Gefahr gekommen wäre, an einen Menschen oder Wagen oder sonst etwas anzustoßen, wenn nicht der Mond mitleidig die Wolkengardinen zur Seite geschoben und seinen Weg, wenn auch sparsam, erleuchtet hätte. In der Nähe des Lemberger Schrankens stand nur das kleine Mauthhaus und eine verrufene Schenke. Der Ort war romantisch genug, er war fast schauerlich. Ringsuin die unabsehbare Schneefläche im inatten Lichte der Mondsichel gleich geschmolzenem Brei erglänzend; in der Ferne die schwarze Mauer des Waldes mit ihren irrenden Lichtern; zwischen zwei Schotterhaufen, die beschneiten Gräbern glichen, ein hohes Kreuz, um das der Winter, die Wunden Christi mitleidig bedeckend, lveiße Tücher gebreitet hatte. Aus der Schenke tönte wüster Gesang. Der Wind pfiff melailcholisch über die Fläche und trug einmal den Ruf einer Schildwache wie einen verlorenen Angstschrei aus der Stadt herüber. Barom fürchtete sich nicht, aber er fror erbärmlich und stand zitternd da, als Frau Genendel Kosches, oder eigentlich ein großer, sehr großer Pelz auf der Straße langsam daherkam und vor ihm Halt machte. „Sind Sie es, Herr Hirschbein?" fragte eine Stimme, die an sich nicht übel klang und Barom wie die schönste Musik erschien. „Ich bin es," rief er begeistert, er fror nicht mehr und hörte auf zu zittern, „Ihr Bewunderer, dessen Herz zu Ihren Füßen liegt." Und im nächsten Augenblicke strafte er sich selbst Lügen, indem er nicht nur sein Herz, sondern den ganzer:, guten, verliebten Barom vor ihr in den Schnee niederwarf. „Gott über die Welt!" rief Frau Kosches, „stehen Sie doch auf, Sie ruinieren ja Ihre Kleider." Barom war durch diese Wenduirg seines Ideals durcharrs nicht ernüchtert, er sah nur die rveißen Hände, die aus der dunkeln Tiefe des großen Pelzes hervorkamen, um ihn aufzuheben, und bedeckte diese schönen warmen Hände mit Küssen. „Ach! Lieben Sie mich denn wirklich so?" sprach die Witwe gerührt.