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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
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und aus ihr beruht der Haupteinfluß, den die arabischen Peripatetiker auf die jüdische Philosophie nahmen. Die Sphärentheorie enthält nämlich die Grundfragen betreffend die Materie als Prinzip, die separate, von aller Hyle freie Existenz der Formen und die individuelle Existenz der Seele. Hier ist der Punkt, wo sich Philosophie und Kabbala berühren. Denn die Engelfrage, das Grundproblem der Mystik, lief doch schließlich auf die Frage hinaus nach der Existenz der abstrakten Geister neben Gott. Israeli hat zuerst den Standpunkt der Physik mit der Schöpfungslehre des Judentums zu vereinigen gesucht. Er begnügte sich aber damit, die niederen Naturkräfte als dynamische Prinzipien zu fassen, ohne auf den tieferen Zusammenhang der Jdeenlehre mit dem Problem von Materie nnd Form einzugehen. Saadja vertieft den Standpunkt der Physik durch Hinzuziehung des mntazilitischen Beweises von der Zusainmengesehtheit alles Gewordenen, als dein Kriterium der Kreatürlichkeit. Die Göttlichkeit bezeichnet daher die absolut reine Geistigkeit. Die Formen als dynamische Prinzipien werden durch die Abstufung in der Reinheit der Substanz erklärt. Hier spielt die Anlehnung an die kabbalistische Urlichttheorie eine bedeutende Nolle. Bachja verlegt das kreatürliche Sein in den ersten Schöpfungsakt und neigt mehr zum Neuplatonismus hin. Er erneuert den Versuch Israelis, die Lehre von der Emanation des Geistes auf den Boden der Physik zu verpflanzen. Erst nachdem die Eabirol- Gruppe die Lehre von der Emanation des Geistes auf dem Boden der Metaphysik durchgeführt hatte, war es Maimuni möglich, das Grundproblem zu lösen. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, das; die Lehre von der Zusammengehörigkeit von Materie und Form festgehalten werden mußte, um die Selbständigkeit des hylischen Prinzips nicht zuzugeben. Andererseits sollte das geistige Sein als losgelöst von der Hyle betrachtet tverden, da ja im andern Falle Geist und Hyle gleichartige Kreaturen wären. Maimuni löste die Schwierigkeit, indem er, mit Zugrundelegung des Begriffs der Emanation, für die Zusammensetzung des geistigen mit dem hylischen Prinzip ein neues Kriterium einführte, nämlich das der Beziehung zur Materie. Auf Grund dieses Kriteriums wird die Stufenfolge des geistigei; Seins durchgeführt. Auf diesem Wege gelangte Maimuni zur Auflösung des hylischen Prinzips. Wir haben in dieser knappen Anzeige das Gerippe der gesamten Darstellung zu zeigen versucht. Auf die große Zahl von Einzelfragen, die in ihr berührt werden, konnte hier nicht eingegangen werden. Die philosophische Durchdringung des Materials nebst der selbständigen Benutzung der Ergebnisse der Detailforschung machen das Erscheinen dieses Werkes zu einem Ereignis in der jüdischen Literatur. Sowohl der philosophische Standpunkt des Berfassers, wie auch die Konstruktion des historischen Zusammenhanges werden ohne Zweifel in der Gelehrtenwelt zu einer anregenden Diskussion führen. Aber auch außerhalb der Fachkreise ist ein philosophisch gebildetes Lesepublikum dem Buche sicher. Wer sich augezogen fühlt von der Diese und Innigkeit der jüdischen Mystik, wer ans den dialektischen Auseinandersetzungen den Pulsschlag des jüdischen Herzens herauszuhören vermag, der wird hier einen vortrefflichen Führer durch das weite, zum Teil noch unbekannte Gebiet finden. Durch das kongeniale Erfassen der Probleme der jüdischen Philosophen bildet aber dieses Buch zugleich eine Fortsetzung der großen Denkarbeit, das Weltbild des Judentums auf philosophischer Basis zu begründen. Denn es gibt nicht nur eine Geschichte der jüdischen Philosophie, sondern auch die Grundlegung einer jüdischen Philosophie. Von Lrnlter?u Fmlter. Von Leopold v. Sacher-Masoch. V. Tag verging, ohne daß die Schöne am Fenster gegenüber ihrem Bewunderer Antwort gab. Dieser wurde mit jeder Stunde, die verstrich, mehr und mehr von grausamen Zweifeln gepeinigt. Abends stieg er, vollkommen vernichtet, in sein Stübchen empor und wagte es lange nicht, auf ihr Fenster hinüberzublicken; endlich tat er es aber doch und ein freudiger Schreck rieselte durch seine Glieder; er sah einen Schatten, der an einem Tische saß und schrieb, und die kleine schwarze Hand dieses geliebten Schattens war ganz deutlich von feinen Härchen umrahmt, es konnte also niemand anderes sein als Frau Genendel Kosches in ihrer Pelzjacke. Und wirklich; am nächsten Vormittag holte die kleine, dicke Tulpe Oel und gab ihm heimlich ein kleines rosafarbenes Briefchen. Barom zitterte und wurde rot; es währte lange, ehe er den Mut hatte, das Kuvert zu öffnen. Dasselbe enthielt nur wenige Zeilen, aber in einer großen, schweren Schrift, welche drei volle Seiten mit denselben anfüllte. Frau Kosches schrieb: „Lieber Herr Hirschbein! Ich nehme Ihre schönen Gefühle mit umgehender Hochachtung an. Sie sind so ein gebildeter junger Mann, Sie wissen nicht zu schätzen, wie es mir schwer wird, diese aufrichtigsten Zeilen an Sie zu richten. Es wäre deshalb viel weniger anstrengend für mich, wenn wir zu reden hätten die Ehre zusammen, und wollen Sie mich doch recht bald untertänigst besuchen. Ihre gefälligst ergebene Genendel Kosches." Barom las den rosafarbenen Brief noch einmal und noch ein drittes Mal und küßte ihn zärtlich und ging hinaus vor die Tür und blickte verschämt zu dem Fenster empor, an dem das Ideal mit einem blauen Strickstrumpf saß. und als es ihn endlich bemerkte, führte er den Brief nochmals an seine Lippen und verbarg ihn dann wieder an seinem Herzen. Er war entzückt von der Schrift, dem rosafarbenen Papier, der Güte, die aus jedem Worte sprach, dem schönen Stil, nur Eines gefiel ihm nicht. Er sollte sie besuchen, so ohne weiteres, sie, die er am liebsten entführt oder doch wenigstens erst gerne durch eine echte spanische Serenade gerührt hätte. Das war für seinen Geschmack zu einfach. Allerdings war sie Witwe und in jeder Beziehung frei, sie konnte ihn also ohne jede Gefahr bei sich empfangen, aber das war es ja eben, was so wenig romantisch war. Nein, sie mußte ihm vorher doch noch ein Rendezvous gewähren, irgendwo draußen, wo die letzten Häuser der Kreisstadt stehen, wo im Sommer die Zigeuner lagern und im Winter die leuchtenden Augen der Wölfe, Irrlichtern gleich, hin- und herziehen, womöglich in der Nähe des Hochgerichts. Für sie war es höchstens eine kleine Unbequemlichkeit und für ihn der Inbegriff seiner Wünsche; denn eine Liebe ohne Rendezvous kam ihm vor wie ein Buch, in dem gleich am Anfang ein paar Blätter fehlen. Er schrieb zwischen einem Konto für den Bezirksrichter und dem Abmessen von grober Leinwand für Küchentücher eine neue begeisterte Epistel an die Witwe gegenüber und gab sie nachmittags Tulpe mit, welche feierlich hereinkam, um für

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