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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
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537 '• Gedankens. Er betrachtet die ganze Entwicklung van dem Gesichtspunkt eines zu erreichenden Zieles. Dieses Ziel ist die Auflösung des hylische» Prinzips, als eines selbständigen Faktors im Schöpfungsakt, als strenge Konsequenz des Begriffs der Einheit Gottes. Neumark verfolgt die Dialektik des Gedankens bis in die letzten Schlupfwinkel, um zu zeigen, wie derselbe Begriff notwendigerweise in verschiedenen Formulierungen anftritt, und wie das mythologische Element der Jdeenlehre stets von neuem überwunden werden muffte. Die Kabbala ist die lebendige Tradition, die in symbolischagadischer Form das mythologische Element immer wieder aufleben läßt. Schließlich befruchteten aber doch die in der Mystik gepflegten Gedanken die philosophische Spekulation, und auch die Philosophie des Maimonides, die den Höhepunkt der Entwicklung bedeutet, bediente sich des neuplatonischen Begriffs der Emanation. Es ist ein besonderer Vorzug dieser Darstellung, daß die Rekonstruktion des Weltbildes der jüdischen Philosophie auf die Systematik hin gerichtet ist. Die Probleme werden nicht schlechthin in der Schulsprache des Peripatetismns behandelt, sondern gleichsam ins Moderne übersetzt. In der Orientierung, die der Verfasser vorausschickt, spricht er von der „Korrespondenz'' der Probleme in der mittelalterlichen und kritischen Philosophie. „Wir müssen wissen, welchen Wert die Probleme der Philosophie des Mittelalters für uns heute haben. Wir müssen die Zeichen lesen und deuten können. Die heute so gar nicht aktuellen Probleme werden uns unverständlich bleiben, wenn wir nicht einen einigermaßen zuverlässigen Kompaß in der Hand haben, der uns die Richtung des Problems anzeigt. Das Prinzip der Erhaltung der Energie gilt in der Geschichte des Geistes wie in der Geschichte der Natur. Probleme, welche jahrhundertelang die hervorragendsten Geister beschäftigt haben, können nicht spurlos verschwunden sein. . Es wird dabei an folgende Punkte der Cohenschen Philosophie angeknüpft: den Gvttesbegriff, die Interpretation der Antinomienlehre und die Interpretation Platos. Der Gottesbegriff bezeichnet den Punkt, in dem sich Logik und Ethik gegenseitig bedingen. Die Ethik verbürgt der Logik die Realität, die Logik der Ethik das Dasein einer Natur. Die Ethik bedarf einer unendlichen Realität, und sie erhält die Bürgschaft für die Ewigkeit in diesem Sinne durch den Gottesbegriff. Die Antinomien lehre ist nach der Interpretation Cohens der eigentliche Ausgangspunkt des ganzen Kantschen Systems, indem sie die reinen Grundsätze darstellt, aus denen erst die Grundsätze der Erfahrungslehre, als ein in der Idee nicht zu realisierender Rest, ausscheideu. Die Platonische Idee, als Hypothesis gefaßt, ist die Grundlage der Transzendentalphilosophie. Bedenkt man nun, daß auch in der jüdischen Philosophie des Mittelalters die Jdeenlehre Platos eine große Rolle spielte, daß Kant den Ausgangspunkt seines Systems durch die Kritik derjenigen Ideen (in den Antinomien) gewann, welche die eigentliche Interessensphäre der jüdischen Philosophie ausmachten, daß der Zielpunkt der jüdischen Philosophie, ebenso wie bei Kant, der Quellpunkt aller Realität im Gottesbegriff war, und zwar mit derselben Zugrundelegung des Primats der Ethik, und daß schließlich die Philosophie des Mittelalters um diese Ideen kämpfte, die Kant als regulative Prinzipien aufstellte, so wird man begreifen, wie eng sich die beiderseitigen Probleme berühren müssen. Diese Andeutungen müssen hier genügen. Die Ausführungen der Orientierung sind so knapp und prägnant gehalten, daß eine ausführlichere Darlegung an dieser Stelle einer Wiederholung gleichen müßte. In der Naturerkenntnis bedarf die physikalische Bewegung des Zurückgehens auf die Substanz. Analog dem muß der! reine Wille auf ein ens realissimum zurückgehen, das den i Grund seiner Reinheit auSmacht. Das ist die Substanzfrage! in der modernen Philosophie. In der jüdischen Philosophie i ist sie gleichbedeutend mit der Schöpfungsfrage, welche daher l an der Hand der Lehre von der Substanz diskutiert wird. Das j Kernproblem der Lehre von der Substanz ist das Verhältnis! der Materie zur Form. Denn es handelt sich darum, den j Begriff der Materie so zu fassen, daß diese nicht als selb-; ständiges Prinzip die intendierte Einheit zerstöre. Diesem ' zentralen Problem ist das zweite Buch gewidmet. Die Auffassung des historischen Werdeganges bei Neumark weicht von der bis jetzt herrschenden grundsätzlich ab. Neumark tritt der Ansicht entgegen, die die jüdische Philosophie schlecht-! hin von der arabischen abhängig sein läßt und sie durch den i Einfluß der peripatetischen und neuplatonischen Lehrmeister der Juden erklärt. Er betont, daß wir es in der jüdischen Philosophie mit viel stärker entwickelten Individualitäten zu tun haben, als bei den Arabern. Umgekehrt waren die l Strömungen im Judentum ausschlaggebend für die arabische Entwicklung, als sich die Mutazila dem autoritativen Judentum, die Mutakallimun der jüdischen Mystik anschlossen. Die jahrhundertelange Disziplinierung des Geistes durch die Halacha und die Auseinandersetzung mit den Karäern begünstigten die Disposition zur philosophischen Dialektik, und die Berührung mit dein System des Aristoteles war eine unmittelbare. j Das für die Darstellung Entscheidende aber wird gewonnen! durch eine ausführliche Analyse der Schriften des Aristoteles I selbst. Die Hauptschwierigkeit im System des Aristoteles! besteht nämlich in der Substanzfrage in Komplikation mit der j Frage nach dem Verhältnis von Form und Stoff. Das! Wissen soll nämlich in der Erkenntnis des Allgemeinen! bestehen, und dabei soll dein Einzelnen Substantialitüt j zukommen. Dasjenige, was aus Wirklichem und bloß Mögj lichem besteht, soll mehr Realität haben als ein Wirkliches, das durch kein Mögliches beschränkt wird. Diese Schwierigkeit, die crux aller Interpreten des Aristoteles, sucht Neumark zu heben durch eine strenge Scheidung des Standpunktes des Aristoteles in der Physik einerseits und in der Metaphysik anderseits. Aristoteles hat demnach in den Ausführungen, die auf die Fundamentierung der Naturwissenschafteu gerichtet sind, einen andern Standpunkt eingenommen, als in der Begründung! der ersten Philosophie. Die eigentliche Differenz zwischen ■ Physik und Metaphysik besteht darin, daß erstere j die „Formen", die bei Aristoteles die Ideen Platos vertreten, nur als Hypothesen aufstellt, während die Metaphysik in ihnen reale Wesen sieht. Aristoteles hat sich in der Physik von Plato gänzlich losgesagt, in der Metaphysik dagegen die eigent-; liche Substanz der Jdeenlehre, die Realität des Formprinzips,! beibehalten, und sie auf die Lehre von der substantiellen; Potentialität der Materie gegründet. Wenn daher die Abhängigkeit der jüdischen Philosophen von Aristoteles betrachtet : wird, muß zunächst gesehen werden, ob sie auf dem Standpunkt : der Physik oder Metaphysik stehen. Neumark unterscheidet da-; her zwei Gruppen. Zu den Philosophen, die auf dem Boden; der Physik stehen, gehören: Israeli, Saadja, Almokammez, ' Abu Sahal, Bachja (Saadja-Gruppe). Aus der Metaphysik! fußen: Gabirol, Abraham bar Chija, Abraham und Moses! ibn Esra, Hallewi, Jbn Saddik und Jbn Daud. Maimuni kehrt dann zur Physik zurück. Zu diesem Haupt-! gegensatz, der sich durch die ganze Geschichte der jüdischen! Philosophie hindurchzieht, tritt als bedeutsames Moment die! Naturphilosophie in der Form der Sphärentheorie hinzu. > Letztere bildet den Kernpunkt des arabischen Peripatetismns,

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