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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 536 (sequence 8)
Language
German
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536 trägen zu kommen. Der Einjährige E. hat dann den Unterricht mit vielem Fleiß und bestem Erfolge absolviert, die Prüfung mit Auszeichnung bestanden, auch die vorgeschriebenen Reserveübungen abgeleistet und es zum Vizefeldwebel gebracht, seine Bewerbungen bei den Offizierswahlen sind aber, wie zu erwarten war, einfach ins Wasser gefallen." Der ehemalige Feldwebel seufzte: „Das hat mir leid getan. Ein so schneidiger Kerl, eine Zierde fürs Offizierkorps wäre er geworden." Hier fand unsere interessante Unterhaltung ihr Ende. Der Zug lief eben in Stuttgart ein, wo sich unsere Wege trennte». Der mehlige führte mich weiter gen Süden, während mein Reisegefährte Rast machte. Wir schüttelten uns kräftig die Hände, und ich dankte ihm herzlich für seine Mitteilungen, die doppeltes Interesse für mich hätten, da ich Jüdin sei. Er sah mich lange an und sagte dann verständnisinnig: „Ja, das berührt Sie dann wohl doppelt. Hoffen wir, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo alle wirklich gleich sind und jeder nur nach seinen Fähigkeiten beurteilt wird, und auf baldigen guten, freien Wind, der die Segel des Reichsschiffes blähen wird für uns alle. Sie aber besonders!" Ich nickte zustimmend, drückte ihm noch einmal die Hand und ging mit dem Gefühl, einem wirklich liberalen Manne die Hand gereicht zu haben. Ich wußte, daß ich dieses Gefühl noch nicht oft gehabt, denn diese Spezies muß man heute, wie einst Diogenes die Menschen, mit der Laterne suchen. Lur Bergpredigt. Von Dr. S. B ernfel b. er vielbesprochene Lapsus in der „Bergpredigt" (Matth. 5, 43), wonach Jesus gesagt haben soll: „Ihr! habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben! und deinen Feind hassen. . ." (die Worte „und deinen! Feind hassen" kommen bekanntlich im biblischen Schrifttum! nirgends vor) findet seine richtige Erklärung durch die Art! und Weise, wie die evangelischen Schriftsteller aus Unkenntnis und Oberflächlichkeit mit ihren Zitaten ans der Bibel verfuhren. Im evangelischen Schrifttum ist, was nicht erst bewiesen zu werden braucht, ein Zitat aus der Bibel äußerst selten richtig wiedergegeben. Diese häufigen Unrichtigkeiten, deren! sich selbst Paulus, der angebliche Schüler Rabbau Gamliöls,! auf Schritt und Tritt schuldig macht, sind zumeist darauf j zurückzuführen, daß die Leute, Juden oder Griechen, das! Hebräische nicht verstanden und die Bibel nur in einer j griechischen Uebersetzung lasen. Dies taten sie noch dazu oberflächlich und flüchtig, zitierten nach dem Gedächtnis und kümmerten sich nicht im mindesten um die genaue Wiedergabe der von ihnen angezogenen Bibelstellen. Noch schlimmer war es, wenn manche von ihnen die Heilige Schrift im Urtext notdürftig lesen konnten. Sie lasen nämlich falsch und trugen ungeheuerliche Jrrtümer in die Bibel hinein. Zu diesen gehörte auch der Verfasser des ersten Evangeliums, der in seiner Oberflächlichkeit den Spruch „und deinen Feind hassen" geprägt und in die Masse geworfen hat. Im zweiten Buch Moses 23, 22 verkündet Gott dem Volke Israel: „Ich werde deinen Feind hassen", F'2'X fix TO'«1- Der Mann las fiO'XI statt %“CX1, und so entstand das „Gebot" : „Du sollst deinen Feind hassen." Daß diese Worte dort im Zusammenhang in einem solchen Sinne unmöglich sind, darum kümmerte sich der Verfasser des Evangeliums nicht. Leistete er sich doch etwas früher (4, 12 ff.) folgenden recht bezeichnenden Schnitzer : „Als (Jesus! erfuhr, daß Johannes festgenommen worden sei, kehrte er nach Galiläa zurück. Er verließ Nazareth und ließ sich in Kafar-Nahum nieder am Ufer des Meeres im Gebiete Sebulun und Naftali. Auf das; in Erfüllung gehe, was durch den Propheten Jesaja verkündet wurde: „Im Lande Sebulun und im Lande Naftali, den Weg zum Meer, jenseits des Jordans, den Kreis der Heiden. Das Volk, das im Finstern wandelte, sah ein großes Licht; die im Lande der Verdüsterung weilten, ein Licht erstrahlte über sie." Man glaubt, daß man es mit einer zusammenhängenden Rede des Propheten Jesaja zu tun habe, die der Verfasser des Evangeliums im Sinne einer christlichen Verheißung deutete. In Wahrheit schließt der Prophet seine Schilderung von der trostlosen Lage Israels nach den letzten Siegen der assyrischen Eroberer mit folgenden Worten: „Damals hat es der erste (Eroberer) noch leicht gemacht; (er beschränkte seinen Eroberungszug) auf das Land Sebulun und das Land Naftali; der letzte trieb es arg bis zum Weg des Meeres, von jenseits des Jordans bis zum Kreis der Heiden." Damit schließt die prophetische Rede Jesaja, Kapitel 8 ab. Das nächste Kapitel enthält eine Rede aus einer späteren Zeit, nach der furchtbaren Niederlage des Asshrerkönigs Sanherib. Der Prophet jubelte: „Das Volk, das im Finstern wandelte, sah ein großes Licht; die im Lande der Verdüsterung weilten, ein Licht erstrahlte über sie." Solche und ähnliche Schnitzer kommen im evangelischen Schrifttum gar zu häufig vor. Es genügt, auf die Einleitung zum Evangelium Markus hinzuweisen, wo cs heißt: „Wie es geschrieben steht in den Reden des Propheten Jesaja: Ich schicke meinen Engel vor dir, daß er deinen Weg vor dir ebne." Nun kommt dieser Vers nicht in Jesaja, sondern in Mal euch i vor, und dann heißt es dort (3,1): „Ich schicke meinen Engel, daß er mir den Weg ebne." Matthäus (11, 10) zitiert diese Worte zwar nicht ans Jesaja, aber ebenso falsch wie Markus. Dasselbe tut auch Lukas (7, 27). In einer wissenschaftlichen Arbeit über das Jahrhundert Jesu Christi, nach jüdischen Quellen, mit der ich mich jetzt befasse, widme ich all diesen Entstellungen biblischer Verse im evangelischen Schrifttum ein besonderes Kapitel. IüÄilche Philosophie. Von H. Aschkenasy, Berlin. II. ie Methode der Geschichte der Philosophie ist eine zwiefache. Entweder geht man ans von der Frage, wie sich Gefühls- und Willenserlebnisse sowie einander kreuzende Gedankengänge zu einer neuen Weltanschauung verdichten, und erklärt so das System der Philosophie aus dem psychologischen Struktnrzusammenhange. Oder man sucht zu zeigen, daß in der abstrakten Fassung der Probleme selbst die Notwendigkeit des Fortschreitens begründet ist, weil die Dialektik des Gedankens über die gewonnene Lösung hinaustreibt, und die Widerspruchslosigkeit der Konzeption eine neue Ergänzung oder Auflösung fordert. David Neumark geht in der Behandlung der jüdischen Philosophie des Mittelalters den zweiten Weg. Zwar versteht er es meisterhaft, in der Analyse des Gedankeninhalts der einzelnen Systeme die Eigenart des jüdischen Milieus durchschimmern zu lassen, — und dieses verleiht der logischen Diskussion ihre eigentliche Würze, — aber sein Hauptinteresse gilt doch der widerspruchslosen Erfassung des monotheistischen

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