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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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aus erwiesen sich also Vorzüge. „Ja, sehen Sie," sagte mein Gegenüber nun ganz unvermittelt, „hier werden doch die jüdischen Einjährigen sozusagen ausgeschaltet." Ich sah ihn erstaunt an, fragte ihn aber ruhig, mich uninteressiert stellend: „Ganz und gar ausgeschloffen, sagten Sie?" „Sozusagen ja! Ein paar Ausnahmen, na, die betätigen die Regel. Ja, glaubeil Sie mir, ich habe immer so empfunden, daß es ein dunkles Blatt ist, das die Geschichte unserer Tage aufweist. Man wird dereinst gut daran tun, es unbeschrieben zu lassen. . . . Preußen, die Triebfeder der deutschen Einigung, geht da noch reaktionärer vor als die Bundesstaaten, und sogar in Süddeutschland hat «ran seit längerer Zeit auch dem Kurs die preußische Richtung gegeben, Reaktion ist allenthalben Trumpf.". . . . „Ich finde," warf ich ein, „daß den Juden gegenüber Bayern noch den liberalsten Standpunkt einniurmt,! indem es ihnen bei gleichen Pflichten auch gleiche Rechte zuerkennt. In bayrischen Regimentern gibt es doch auch noch wohl jüdische Reserveoffiziere. Es existiert sogar dort nach meinen Informationen neuerdings ein Gesetz, das den Juden, die am Sonnabend ihr Geschäft geschlossen halten, gestattet, daß sie am Sonntag während einer gewissen Zeit arbeiten." . . . Mein Gegenüber pfiff leise durch die Zähne und sagte lächelnd nur diese Worte: „Hm, ja, daran erkenne ich das Zentrum und seine Politik. Der Liberalismus tritt bedauerlicherweise für Geistesfreiheit nicht unter allen Umständen in die Bresche. Zn verwundern ist deshalb nur, daß die Juden nicht schon längst eine bessere Vertretung ihrer Gesamtinteressen in den Parlamenten sich erstritten haben. Es scheint mir das an einer unverständlichen innern Zerklüftung zu liegen. Eine solche Vertretung würde andern Erfolg gegenüber den Zurücksetzungen im Heere haben, als die Unsummen von Beschwerden, deren Zurückweisung stereotyp mit dem einfachen Hinweis daraus erfolgt, daß der in Rede stehende „Mann" den an einen Vorgesetzten zu stellenden Bedingungen nicht genüge.". . . . „Sagen Sie mir doch," lenkte ich in unser altes Fahrwasser ein, „sind denn die Juden wirklich keine tüchtigen Soldaten und haben ihre Widersacher mit dieser Behauptung recht? Sie müssen doch in Ihrer langen Laufbahn sich ein maßgebendes Urteil darüber gebildet haben.". . . Er sah mich ernst an und erwiderte: „Diese Frage will ich ganz sachgemäß und wahrheitsgetreu beantworten. Nach meinen Erfahrungen sind die Juden pflichttreue Soldaten. Ich habe sehr gewandte und tüchtige Leute unter ihnen gefunden, Soldaten von großer Ausdauer und Nüchternheit. Fast alle haben das Streben, ihr Bestes zu leisten. Das ist viel. Selbstredend war auch mal ein Ungeschickter darunter. Wenn das aber von anderer Seite für den jüdischen Soldaten als Norm hingestellt wird, so ist das grundfalsch und tendenziös. Ich finde, die Burschen vom Lande, die uns da zugeführt werden, stellen hierzu ein weit größeres Kontingent, auch prozentual. Ueberhaupt tut man gut, hier die Religion aus dem Spiel zu lassen, die nichts mit der Sache zu tun hat, man sollte nur von Soldaten reden und mit den ewigen Feststellungen der Konfession nicht die Vorurteile nähren. Ich hatte nie eine Vorliebe für die Juden und bin nur im Laufe der Zeit durch die Beobachtung des vielen ihnen zugefügten Unrechts von jenem allgemeinen Vorurteil abgebracht worden. Dann erst habe ich gelernt, sie mit ungetrübten Augen zu beurteilen. Vor allen Dingen habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß die jüdischen Soldaten vortreffliche Patrioten sind und sich ihre Vaterlandsliebe nicht einmal durch die zahllosen Zurücksetzungen verkümmern lassen." „Sind denn eigentlich diese Zurücksetzungen in der Beförderung auf höhere Anordnungen oder sonstige feste Bestimmungen zurückzuführen?" fragte ich in dem Bestreben, hierüber Näheres zu erfahren. „O bewahre," versetzte mein Reisegefährte, „nach dem Gesetz und dem Reglement sind wir alle gleich, aus sittlicher Scheu wird auch alles verinieden, was als eine generelle Verletzung dieses Staatsgrundsatzes gelten kann. Darum werden ja auch jüdische gemeine Soldaten nicht gerade selten befördert und oft genug als Unteroffiziere zur Reserve entlassen. Sie müssen dann schon freilich hervorragende Eigenschaften besitzen, um ungeachtet der gegen ihren Stamm herrschenden Abneigung zur Anerkennung zu gelangen. Mit den Einjährigen, denen unter vorausgesetzten Bestimmungen und Bedingungen die Zulassung zum Offizier stände in der Reserve möglich ist, liegt die Sache freilich anders. Ein ungeschriebener Kodex der! gesamten Offizierkorps scheint die Juden unter allen Umständen auszuschließen. Der den Truppenteil befehligende Offizier scheint, auch wenn er persönlich ganz frei von Vorurteil oder Abneigung ist, hier keinen Einfluß zu haben. Der jüdische Einjährige wird in den meisten Fällen zu dem Unterricht, der seine Kameraden für den Offizierdienst vorbereitet, gar nicht zugelassen. Die wenigen Ausnahmen, die also nicht von vornherein ausscheideu, kommen vielfach nicht mit in die Abschlußprüfung. Wer aber alle Klippen umsegelt, die Abschlußprüfung besteht und damit seine wissenschaftliche Qualifikation zum Offizierdienste dartut, ist als Jude seinem Ziele doch noch um keinen Schritt näher gerückt. Er wird also zum Vizefeldwebel befördert, aber daß ihn auf seine Bewerbung hin, und wenn er auch aus die Wahlliste gestellt wird, das Offizierkorps eines Regiments in seine Reihen aufnimmt, ist in Preußen überhaupt nicht und in Süddeutschlaud allenfalls nur noch hier und da in ganz seltenen Ausnahmefällen möglich. Das diese Zurücksetzung intelligenter und zum Teil akademisch gebildeter Leute auf die vielfach nicht von der Last ihrer Allgemeinbildung erdrückten unteren Chargierten nicht ohne Einwirkung bleibt und voll denselben daher auch ihren jüdischen Mannschaften gegenüber in die Praxis umgesetzt wird, ist eine Erklärung mit für die konfessionelle Differenzierung in der Behandlung auch der gemeinen Soldaten. Betreffs der Offizierwahl will ich nur einen Fall aus meinem eigenen Dienst herausgreisen. Ich hatte in meiner Kompagnie einen jüdischen Einjährigen, E. mit Namen, Sohn eines bedeutenden Fabrikanten und im elterlichen Geschäfte tätig, einen Mustersoldaten nach jeder Richtung. Ich schlug ihn zur Teilnahme anl Offiziersunterricht vor. Mein Hauptmann, der sonst ein durchaus toleranter und anständig denkender Mann war, lächelte mich an und fragte: Was wollen Sie damit sür den Mann erreichen, Feldwebel? Er möchte Offizier werden, und dazll können wir ihn: nicht verhelfen. Wir berauben ihn eines Teiles seiner freien Zeit und bereiten ihm zum Schluß eine Enttäuschung. Meine lange Dienstzeit und der daraus entstandene rmgezwungene Verkehr mit dem Hauptmanu ermunterten inich, im Interesse iileines Schützlings und im Gefühl meiner Pflicht näher auf die Sache einzugehen, und ich erwiderte: Der Einjährige E. ist ein tüchtiger Soldat, und es handelt sich doch nur darum, dem Manne, der seine Pflicht in vollem Maße erfüllt, auch sein Recht zu gewähren. Der Hauptmann ging bereitwilligst darauf ein und ließ meinen Manu am Vorbereitungsunterricht teilnehmen. Bei vielen andern Hauptleuten würde ein Feldwebel bei gleich gutem Willen nichts erreicht haben, meistens ist aber auch bei den Feldwebeln, die ja auch nach oben schielen, der gute Wille nicht vorhanden, manche würden auch nicht einmal wagen, dem Hauptmann, dessen Vorurteil sie kennen, mit solchen An-

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