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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 534 (sequence 6)
Language
German
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534 U Im Oktober ist der erste Spatenstich zur Erbauung der Beelitzer Anstalt getan worden! Wenn das Geschick dem Vorhaben günstig ist, kommt der Bau noch in diesem Jahre unter Dach, und für den nächsten Sommer kann die Einweihung der Anstalt erwartet werden, der durch Allerhöchsten Erlaß vom 8. August d. I. das Recht verliehen ist, den Nainen Wilhelm-Auguste-Viktoria-Stiftung zu führen. Gleich wie die Lage des von der Stadt Beelitz geschenkten Waldgeländes in gesundheitlicher Beziehung nichts zu wünschen übrig läßt, so wird auch der Plan des Herrn Baumeisters Altertum allen Anforderungen der Hygiene und den neuzeitlichen Fortschritten des Anstaltswesens gerecht. Alles soll geschehen, durch Berücksichtigung und Verbesserung des leiblichen Zustandes der Pfleglinge eine Stütze zu gewinnen für die heilpädagvgische Eilewirkung auf ihre geistige Entwicklung innerhalb der von der Natur gezogenen Schranken. Bereits ist von kompetenter Seite anerkannt, daß es dem Architekten gelllngen ist, die beiden Geschlechter unter einem Dache zu vereinigen, ohne daß die gerade bei dieser Klasse von Jugendlichen so bedenkliche Möglichkeit eiries Zusammenkommens vorhanden wäre. Die beiden Gründungskörperschaften haben beschlossen, einen Verein iils Leben zu rufen, der den Betrieb der Anstalt übernehmen wird. Für dessen Verhältnis zll den gleichberechtigten Besitzerinnen der Anstalt bieten die Satzungen des Vereins „Jüdische Arbeiterkolonie" ein Vorbild, das sich aufs beste bewährt hat. Nach dem Willen der Begründer soll die neue Anstalt ein Wohltätigkeitsinstitut werden, das auch die wirtschaftliche Notlage unbegüterter, doppelt beklagenswerter Eltern weitgehend berücksichtigt. Um diese edle Absicht ausführen zu können, wird der Verein auf die Gewinnung einer sehr großen Zahl beitragender Mitglieder und auf die Unterstützung hochherziger Gönner angewiesen sein. Die Unterhaltuligkosten für 40 Kinder, für die das Haus zunächst eingerichtet ist, sind sehr hoch zu veranschlagen, zumal ein verhältnismäßig großes geschultes Personal für diese schwierigste aller erzieherischen Aufgaben gewonnen werden muß. Die Gründerkörperschaften als solche haben bereits ihre Leistungsfähigkeit durch Hergabe und Schaffung der Mittel für den kostspieligen Bau erschöpft. Wir sind überzeugt, daß der Appell, der in der nächsten Zeit, mitnnterzeichnet von den bekanntesten jüdischen Psychiatern und einem christlichen Fachmann, der als die erste Autorität auf dem Gebiete der Fürsorge für Schwachsinnige gilt, Herrn Geheimen MedizinalratProfessor Dr. Ziehen, an unsere Glaubensgenossen im deutschen Vaterland ergehen soll, ebenso großem Verständnis für die Gemeinnützigkeit dieser Aufgabe, wie der selbstverständlichen Herzensmilde lind Opferwilligkeit begegnen wird. Es ist nach der Anschauung der Fachleute begründete Aussicht vorhanden, die Pfleglinge der Anstalt — wenn auch in einfacheren Gewerben — zu nützlichen und selbstschaffenden Mitgliedern der menschlichen und zumal der israelitischen Gemeinschaft heranzubilden. Eine besondere jüdische Anstalt ist notwendig, da die allgemeinen Einrichtungen dieser Art fast ausnahmslos einen scharf ausgeprägten christlich konfessionellen Charakter tragen. Die Errichtung dieser Anstalt empfiehlt sich ferner nicht nur darum, weil wir Juden nicht hinter den übrigen Landesgenossen bei der Linderung eines Notstandes, der gerade in unserem Kreise nach statistischen Feststellungen erschreckend groß ist, fürderhin zurückstehen wollen, sondern auch, weil es sich um ein zeitgemäßes, soziales Hilfswerk handelt. Man stelle sich vor, welche drückende Last nicht bloß in pekuniärer Beziehung die Verpflegung eines schwachsinnigen Kindes für einen arnien Haushalt darstellt, wieviel Zeit, die dem Erwerbe oder der Erziehung der übrigen normalen Kinder zugeführt werden könnte, absorbiert wird, wie vor allem dadurch eine nie versiegende Quelle seelischer Depression mit nachteiliger Rückwirkung auf das wirtschaftliche Gedeihen der ganzen Familie geschaffen ist. So wird den Leiden so vieler beklagenswerter Kinder Linderung, den gesunden Familienmitgliedern Gelegenheit, diese passend unterzubringen, und dadurch der Segen vervielfacht werden; mit ihm das Hochgefühl, solchem Werke seine Mithilfe zu leihen. öÄir rin alter Soldat lich über die Leistungen der Inden im Militärdienst äuherte. Einem persönlichen Erlebnis nacherzählt von B. Leiser. »ch saß im Eilzuge, der mich von Karlsruhe nach Stuttgart bringen sollte, und hing meinen Gedanken nach. Die Gegend und ihre Reize hatte ich nun genügend gewürdigt die Augen taten mir weh. Ich sah nur noch verschwommen die Telegraphendrähte auf- und abtanzen, die Telegraphenstangen vorüberfliegen und schloß ermüdet die Lider. Im Kupee war es friedlich still, nur bisweilen knisterte ein Zeitungsblatt. Es war nicht das meinige. Drüben in der Ecke saß noch ein Passagier, der einzige, den außer mir dieses Kupee beherbergte. Er las eifrig, und als er jetzt die Zeitung wendete und ich, durch dieses Geräusch aufgestört, die Augen öffnete, sah ich, daß es ein liberales Blatt war. das ihn so gefangen nahm. Der Herr mir gegenüber hatte ein straffes, militärisches Aussehen, blickte dessenungeachtet sehr freundlich und wohlwollend in die Welt und machte im übrigen den Eindruck eines gebildeten, wohlerzogenen Mannes. Wir waren schon ab Karlsruhe allein im Kupee, ohne noch ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Endlich kamen wir zufällig in ein Gespräch, das sich nach der Zeitungslektüre um die hohe Politik drehte und mein Interesse immer mehr gefangen nahm. Mein Mitpassagier entwickelte in der Unterhaltung sehr humane, freiheitliche Ansichten. Ich überlegte gerade im stillen, — es ist dieses eine Eigenheit von mir und hängt wohl mit meinem Metier zusammen, das die Menschen gern nach jeder Richtung hin eingliedert — in welche Berussklasse ich ihn einznrangieren habe, da sprangen wir von der Politik auf die allgemeine Wehrpflicht über, und es stellte sich heraus, daß mein freundlicher Gesellschafter Berufssoldat gewesen, 27 Jahre beim Militär gedient hatte, — eine lange Zeit als Feldwebel — seit kurzem aber in einem bürgerlichen Berufe sich betätigte. Das alles interessierte mich aus ganz bestimmten Gründen, und ich hörte so mancherlei aus der langen Laufbahn dieses auffallend intelligenten Mannes, was nicht mir allein, sondern auch vielen andern interessant sein dürste. So habe ich mir alles gut gemerkt und bringe es nun wortgetreu zu Papier. Wir hatten unsere Zeitungen beiseite gelegt, denn unser Gespräch nahm uns ganz in Anspruch. Wir waren bei den „Einjährigen" angelangt und erwogen die Vorzüge und Nachteile dieser Ausnahme innerhalb der allgemeinen Wehrpflicht. Mein Gewährsmann fand als einen der Vorzüge des „Einjährigen", daß er das Offizierspatent erlangen könne, denn abgesehen von manchen Pflichten, welche die Offizierepauletten ihren Trägern auferlegten, böten sie doch auch wieder große Vorteile in manchen Berufen und besonders in der sozialen Stellung des einzelnen; schon vom praktischen Gesichtspunkte

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