Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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582 die Aufhebung der Handwerksämter und die Unmöglichkeit, „Diplome" zu beschaffen, ist das Freizügigkeitsrecht der jüdischen Handwerker übrigens zu einem toten Buchstaben geworden. Das Recht Immobiliarbesitz zu erwerben, bewegt sich in ganz engen Grenzen. Vollständig unerfindlich aber ist es, weshalb für die wissensdurstige jüdische Jugend selbst da die Pforten der Lehranstalten geschlossen bleiben, wo die Schulen infolge der überwiegenden jüdischen Bevölkerung halb leer stehen. Die gänzliche Ausschließung der Juden von der Teilnahme an der städtischen Verwaltung muß man als schweres Unrecht bezeichnen. Es ist vorgekommen, daß in manchen Städten des Rayons der weitaus größte Teil der würdigen Stadtvüter aus Analphabeten besteht, weil die intelligente jüdische Bevölkerung, deren Interessen weit mehr mit dem städtischen Haushalte verknüpft sind und oft gefährdet werden, nur eine Zuschauerrolle zu spielen hat. Wenn die Regierung vor hat, alle diese rechtlichen Unzuträglichkeiten, anstatt sie auszumerzen, nur auf ein weiteres Gebiet zu verteilen, so dürfte der Wert des neuen Judengesetzes recht niedrig einzuschätzen sein. * Die Folgen und Erfolge der Fremdenbill zeigen sich jetzt deutlich in einem Bericht, den das englische Handelsarnt über die Auswanderung von und nach Großbritannien erscheinen ließ und der für uns deshalb bemerkenswert ist, weil die Auswanderung vom Kontinent nach außereuropäischen Ländern zum großen Teile über England geht. Der fürjüdische Leser interessanteste Punkt ist die von dem Bericht hervorgehobene Tatsache, daß die Zahl der ausländischen (nicht-englischen- Bevölkerung in England, gemessen lediglich an den Zahlen des Auswanderungsverkehrs, konstant geblieben ist und, wenn man die Todesfälle in Betracht zieht, sogar beträchtlich abgenonnnen hat. 'Ran berichtet darüber der „Welt": Was zunächst den Possagierverkehr zwischen Großbritannien und außereuropäischen Ländern anbetrifft, so konstatiert der Bericht, daß die hohe Zahl derartiger Passagiere (557 737) die größte darstellt, die je in einem Jahre gezählt wurde, und sogar 1905 gegenüber, das selbst ein Rekordjahr war, eine Zunahme von nicht weniger als 98 000 oder 21 Prozent bedeutet. Von der gesamten Zahl der Passagiere waren 97 674 Kajütspassagiere und 460 063 Zwischendecksreisende. Die Zahl der hereinkommenden Passagiere betrug 230 165. Wenn wir diese Zahl von der Zahl der hinausfahrenden Reisenden abziehen, so bleibt die Zahl 327 572, die also die Anzahl der eigentlichen Auswanderer darstellt, die nach außereuropäischen Ländern wandern, um sich dort anzusiedeln. Hiervon waren 133 878 nichtbritische Staatsangehörige. Die Zahl der von Europa nach England kommenden Passagiere betrug im Jahre 1906 134 199, so daß also 321 weniger von England ausgewandert als zugewandert sind, mit anderen Worten, die Zunahme der fremden Bevölkerung betrug 321 Seelen, das heißt, die Zahl hat sich kaum vermehrt.. Aber, sagt der Bericht weiter. wenn wir die Zahl der Fremden abziehen, die während dieses Jahres gestorben sind, nämlich 4500 (die Anzahl der fremden Bevölkerung auf 300 000 und die Sterberate auf 15 pro mille angenommen) so ergibt sich, daß sich die fremde Bevölkerung sehr vermindert hat. Da man aber nicht nur den Zuzug von außen und die Sterbeziffer, sondern auch die Geburtsziffer in Betracht ziehen muß, dürfte dieses Resultat wesentlich anders sein, als der Bericht besagt. Roch eine andere Zahl ist geeignet, unser besonderes Interesse zu erwecken. Tie Zahl der von europäischen Häfen hereinkommenden Reisenden betrug 134 199 im verflossenen Jahre, dem ersten Jahre, da die Aliensbill in Kraft war, gegenüber 107 733 im vorhergehenden Jahre und 84 389 in: Jahre 1907. Mit Ausnahme des Jahres 1904, wo die Gesamtziffer 137 313 betrug, ist die Ziffer von 1906 die höchste in den letzten zehn Jahren. Es zeigt sich also, daß die Aliensakt das enorme Anwachsen der Einwanderung nicht hat ändern können. Ter größte Teil der Auswanderung vorn Kontinent, die über England geht, kommt nicht von Rußland, obwohl dieses Land einen beträchtlichen Anteil stellt. Er kommt von Italien und Oesterreich- Ungarn. Die meisten der Auswanderer gehen nach Nord- und Südamerika; nur wenige gehen in die britischen Kolonien. Die Zahl der nach den verschiedenen Ländern wandernden Reisenden, verglichen mit der der aus diesen Ländern zurückkommenden, ergibt folgendes Bild: 27 000 gingen nach Kanada, 11000 kamen von daher. Nach Australien gingen nur 183 und 139 kamen von dort. Aus der Kapkolonie kamen sogar mehr als zuzogen, offenbar infolge der nützlichen geschäftlichen Verhältnisse, die dort herrschten, nämlich 3394 gegen 3252. Nach den Vereinigten Staaten wanderten 133 568, nur 77 792 verließen das Land, so daß sich also die Zahl der fremden Bewohner Nordamerikas aus der über England gehenden Ein- und Auswanderung allein um 115 771 vermehrt hat. Eine Tafel in dem Bericht zeigt die in Amerika ankommenden Einwanderer nach den Ländern ihres letzten Aufenthalts, also im allgemeinen ihrer Heimat, geordnet. Diese Tabelle ergibt, daß die Zahl der aus Rußland und Polen in Amerika ankommenden Einwanderer von 7132 im Jahre 1877 ans 117 692 im Jahre 1892 gestiegen war. Im Jahre 1902 betrug diese Zahl 107 347, 1905 184 897 und 1906 215 665. Das sind so sprechende Ziffern, daß sich jeder Kommentar erübrigt. « Das deutsche Bureau bei* Alliance Israelite Universelle stellt uns folgende Berichte über das Hilfswerk der Alliance in Marokko zur Verfügung: Casablanca, 15. Oktober 19()7. Die beiden Boten, die ich vor 14 Tagen nach Mzab und nach Settat zurückgeschickt hatte, sind zurückgekehrt und haben mir aus den von ihnen besuchten Orten Briefe mitgebracht, von denen ich Abschriften beilege. Die Briefe kommen aus Uled-Hriß, Maguch, Seltat, Mzab und Anemmur. Uled-Hriß ist eine der ersten Ortschaften auf dein Wege nach Settat. Man hatte mir beinahe offiziell die Versicherung gegeben, daß als eine der Friedensbedingungen von den arabischen Stämmen die Freilassung der Inden aus Casablanca verlangt nwrden war. Doch obgleich der Stamm sich unterlvorfen hat,, haben die Araber ihre Gefangenen nicht freigelassen. Ich habe meinem Korrespondenten Auftrag gegeben, die drei jungen Mädchen loszukaufen, die sich noch in den Händen der Araber befinden, und sie nach Casablanca zurückzuschicken. Maguch ist ein großes, einige Stunden vor Settat belegenes Dorf. Die dortige, aus 30 Familien bestehende jüdische Gemeinde hat die Flüchtlinge mit großer Liebe ausgenommen. Aus dem allliegenden Brief geht hervor, daß dort noch 17 junge Mädchen und! Knaben in Gefangenschaft find. Ich werde sofort den Auftrag dortj hin erteilen, die jungen Leute ans unsere Kosten loszukanfen und in ihre Heimat zurückzuschicken. Die Stadt Settat ist Ihnen wohl noch durch die Plünderung bekannt, die vor vier Jahren dort stattgesunden hat. Seitdenr hat i die Gemeinde sich aus Zuzüglern von Casablanca wieder ergänzt. Die beiden Herren, die den beiliegenden Brief unterzeichnet haben, sind ziemlich wohlhabend. Sie haben sich mit dem größten Eifer der Flüchtlinge angenommen und ihre Not liebevoll und ausreichend gelinder t. Alle Ankömmlinge sind voll Lobes für dieses Verhalten. Wollen Sie die Güte haben, Herrn Elmaleh den in beifolgendem Brief erbetenen Kredit zur Verfügung zu stellen; ich werde ihm schreiben, daß er sich mit den Notabeln in Settat in Verbindung setzen soll. Der Mzab ist ein weites Gebiet, über das ganz kleine jüdische Gemeinden verstreut liegen, die sich von Ackenbau ernähren. Aus dem beiliegenden Brief können Sie ersehen, daß man beabsichtigt, alle Flüchtlinge von Casablanca in Settat zu konzentrieren. In Casablanca selbst hat die Lage sich nicht geändert. Die reichen Familien, die nach Spanien geflohen waren, sind wieder in ihre verwüsteten Heimstätten znrnckgekehrt. Wer über einige Mittel verfügen kann, eröffnet einen kleinen Spezerei-, Weißwaren- oder Bijouterieladen. Der Großhandel ist tot. Die armen Leute arbeiten als Lastträger und Verlader; es sind ihrer aber so viele und ihre Zahl vergrößert sich täglich durch Zuzug aus dem Innern so bedeutend, daß viele ohne Arbeit bleiben. Pisa.