Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
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ür selbst „Kind", „Braut", „Gattin"; Jerusalem ist die „Tochter". Erst durch die Vermittlung des jüdischen Stammes, dessen Lebenselement die Familie ist, sind die indogermanischen Völker belehrt worden über einen Vater im Himmel und über die .Kindschaft der Menschen, und deshalb ist es sehr sonderbar, den jüdischen Stamm zu diesen Anschauungen, die ihm eingeboren sind, erst bekehren zu wollen. Der Talmud, der die jüdische Psyche ebenso scharf wie treffend charakterisierte, hat den Ausspruch getan: „Schamhaftigkeit ist ein Kennzeichen des jiidischen Volkes." (Jebamot 79.) Diese Schamhaftigkeit ist gleichbedeutend mit der vereeunäia, die Taeitus den alten Germanen nachrühmt. Es ist deshalb unerhört, daß Männer wie Schopenhauer und Treitschke den Juden besonders den Mangel an verecundia vorzuwerfen wagten. Gerade dieses Schamgefühl hat das israelitische Volk und später die Juden verhindert, die Laster und Verirrungen ihrer Umgebung anzunehinen oder nachzuahmen. Die rabbinische Ueberlieferung förderte und stärkte dieses angeborene Schamgefühl, das in einem der gelehrtesten Rabbinen zur höchsten Potenz sich steigerte. Von diesem wird nämlich erzählt, daß er sich stets iin Dunkeln entkleidete, damit er nicht seinen nackten Körper sehe. Kann man sich denken, daß in einem Volke, das solche Lehren und Beispiele hatte, Verirrungen der Homosexualität und andre derartige Abnormitäten des Geschlechtslebens aufkommen konnten? Sicher nicht. Das jüdische Leben im Ghetto wußte überhaupt von solchen Dingen absolut nichts. Erst als die Juden in das moderne Kulturleben eiutraten, erfuhren sie naturgemäß auch von beit Nachtseiten desselben. Aber ihr gesunder Sinn und ihre sittliche Tradition hat sie doch davor geschützt, an diesen psychopathischen Abirrungen sich zu beteiligen. Und man wird in den Reihen der Ituglücklichen, die zu solchen Perversitäten neigen oder, sich ihnen ergeben, sicher nur sehr wenige Juden finden. Das werden selbst die zugeben müssen, die mit wahrer Freude beflissen konstatieren, daß es den Bemühungen Amaleks hier und da nur zu gut gelungen sei, die festen Pfeiler des patriarchalisch-sittlichen Familienlebens unter den modernen Juden zu erschütterin Und deshalb sollten die Lehren eines Prozesses, wie der obenerwähnte, nicht unbeachtet bleiben. In einer von sittlichen Ideen getragenen, auf dem Grund und Boden der biblischen Weltanschauung stehenden Gemeinschaft können und werden solche Verirrungen, wie sie eben zur Amaleks-Freude aller Feinde und Neider Deutschlands aufgedeckt wurden, niemals auskommen. Daß an diesen Enthüllungen auch Juden, allerdings getaufte, Auch-Jnden und Noch-Juden, beteiligt waren, ist der letzte Punkt, freilich für uns der am wenigsten erfreuliche, den wir aus den jüngsten Tagesereignissen zu besprechen haben. Es ist eine traurige Tatsache, daß noch immer so weite Kreise Juden und Judentum für alles verantwortlich zu machen geneigt sind, was abgefallene oder gleichgültige Söhne unserer Gemeinschaft tun. In jedem Falle aber müssen bei solchen Anlässen die Juden immer „das Bad ansgießen". Wieviel Haß wird sich jetzt in den betroffenen Kreisen wieder gegen die Juden ansammeln und aufhäufcn, die bekanntlich „an allem schuld sind"! Spricht ja die „Kreuzzeitung" schon von „einem jüdischen Denunzianteil und seinem jüdischen Verteidiger", und die „Post" versteigt sich sogar zu der ungeheuerlichen Behauptung, daß. in jenem Prozeß „zwei Eeistesrichtungen sich bekämpften", nämlich das „Germanentunr" und die „jüdische Rabulistik". Zählt die „Post" etwa zu dem „Germanentum", dessen „sittliche Werte" sie so feiert, auch die Heldeil der entsetzlichen Orgien? Es wäre weit klüger gewesen, bei dieser Gelegenheit zri schweigen und einzusehen, daß überall gesündigt wird, und daß die Anständigkeit der Gesinnung lind des Lebenswandels mit der „Rasse" nichts zu tun hat. Um so weniger, da der eine von beu beiden Männern, die in diesem Prozeß in erster Reihe standen, nicht nur getauft, sondern direkt ein Gegner des Judentums wie der Juden ist; und er hat dies bei der Drehfus-Affäre, bei dem Fromer- Prozeß und selbst bei den russischen Judenverfolgungen mit einer jeden Zweifel ausschließenden Bestimmtheit dargelegt. Der aildere aber hat sich niemals auch nur ini entferntesten um das Judentum und um das Schicksal seiner Stammesgenossen gekümmert. Es ist deshalb durchaus verwerflich, das Judentum für ihre Ansichten und Taten verantwortlich zu machen, wie man dies bereits versucht hat und sicher noch weiter versuchen wird. Es ist dies genau ebenso verwerflich, als wenn jeiiland sich erdreisten würde, von den sittlichen Verfehlungen einzelner auf die sittliche Minderwertigkeit des deutschen Volkes zu schließen, was sicher keinem anständigen und vernünftigen Menschen je in den Sinn kommen wird. Den Juden gegenüber ist solche verwerfliche Anschauung aber nicht nur gestattet, sondern sogar sehr beliebt. Gleichviel. Wir haben die Erfahrung und das Urteil der Geschichte für uns. Halten wir uns nur an ihre Lehren, und bleiben wir fest auf dem Boden der Weltanschauung, die uns das Judentum gegeben, so werden weder jene Verirrungen, lloch diese Verdächtigungen uns allen auch nur das Geringste anhaben können. Die Woche. Berlin, 6. November, inen wichtigen Vorstoß auf dem Gebiete der Gleichstellung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens hat, wie wir schon kurz gemeldet, die Handelskammer zu Nürnberg unternommen. In der Sitzung des Handelsvorstandes vom 23. d. M. wurde die Frage der „Behandlung jüdischer Reisenden in Rußland" erörtert. Man schreibt uns darüber: Wie schon früher berichtet, hat die Kammer, nachdem Klagen über die ungünstigere Behandlung von Reisenden jüdischer Konfession gegenüber denjenigen christlichen Glaubens bekannt geworden waren' mnfangreiche Erhebungen über die Erfahrungen der am russischen Handel interessierten Firmen des Bezirks veranstaltet. Auf Grund des eingegangenen Materials und unter Berücksichtigung der bestehenden russischen Paßvorschriften erstattete Herr Magistratsrat und Marttadjuukt Bing einen eingehenden Bericht, indem er im wesentlichen aussührte: Auf Grund des vorliegenden Materials steht fest, das; deutsche Staatsangehörige mosaischen Glaubens in Rußland noch immer eine verschiedene Behandlung erfahren als die christlichen Glaubens. Um die Bisa für den Paß zu verlangen, bedürfen sie eines, — für christliche Reisende entbehrlichen — Zeugnisses, das ihre Firma ins Handelsregister eingetragen und von Bedeutung ist. Durch die Angabe der Konfession in dem Paßvisum wird der jüdische Reisende bei seinem Aufenthalt in dem russischen Reich seiner Konfession nach kenntlich gemacht; dies hat zur Folge, daß er in Rußland den schwersten Unannehmlichkeiten ausgesetzt ist. Er hat für die Berechtigung des Kundenbesuches — statt der gewöhnlichen Gebühr von 100 Rubel — 300 Rubel zu bezahlen; sein Paß besitzt statt der sonstigen Geltungsdauer von sechs Monaten nur für höchstens drei Monate Kraft und schützt ihn nicht vor der Unterstellung unter alle die Aufenthaltsbeschränkungen und Ausnahmebestimmungen, die für die einheimische jüdische Bevölkerung bestehen. So wird von einer angesehenen Firma des Kammerbezirks berichtet, daß ihre Reisenden in Kiew in keinem nur einigermaßen anständigen Hotel Unterkommen können, sondern ihrer Konfession wegen auf ein bestimmtes Viertel angewiesen fiub, in dem zivilisierten Menschen ein Wohnen einfach unmöglich sei. Angesichts des Anteils der jüdischen