Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 45. Berlin, 8. November 1907. eilung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenten ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Re dakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Dir Lehren eines Krs^elles. Berlin. 6. November, er jüngste und ausgiebigste Skandalprozeß, den wir in der vorigen Woche schaudernd miterlebt, gibt natürlich auch uns Veranlassung genug zu eingehenden Betrachtungen, die allerdings mit den handelnden Personen wie mit dein Prozeß selbst nicht in direkter Beziehung stehen, doch aber durch den letzteren beeinflußt sind. Der Prozeß hat vor allem ein grelles Licht auf das Gebiet gewisser Neigungen und Verfehlungen geworfen, über die eine früher unbekannte Oeffentlichkeit verbreitet zu haben das kaum beneidenswerte Vorrecht der letzten Jahre und einer hypermodernen, nach Sensationen jagenden Literaturrichtung ist. Nach dieser Richtung hin werden alle gesitteten Menschen, gleichviel ob Christen vder Juden, die Tatsachen eines sichtbaren Verfalls der Sitten ties beklagen, und die Gefahren, die daraus erwachsen müssen, erkennen. Die Sache hat aber noch eine andere Seite. Seit Beginn der häßlichen Bewegung, die nun schon länger als dreißig Jahre gegen Inden und Judentum mit den schlechtesten Mitteln ankäinpft, sind wir bei jedem einzelnen Anlaß, bei dem wir vordem nur als Söhne des Vaterlandes, als Bürger der modernen Kultur, beteiligt waren, genötigt, auch das Verhältnis des Judentums zu diesem Anlaß, um allerlei Mißdeutungen zu entgehen, ausführlich auseinanderzusetzen. Hat doch, kaum daß der obenerwähnte Prozeß seinen Anfang genommen, die Hetze auch nach dieser Richtung bereits wirkungsvoll eingesetzt. Ja, ein Beurteiler der Verhältnisse, die zu diesem unglückseligen Prozeß geführt, hat es schmerzlich konstatiert, daß der vielberufene 8 175 des Strafgesetzbuches „nur der traurige Ausläufer abergläubischer Bibelauslegung sei, die die völlige Vernichtung der Päderasten verlangte, um die von Gott über die Städte Sodom und Gomorrha, die von „unnatürlichen Wollüsten" durchseucht waren, verhängten Strafen nicht noch einmal über die Welt kommen zu lassen." Er meint sodann, daß derartige Gesetzesbestimmungen mir für die Denkfaulen und Denkunfähigen die Bedeutung von absoluten Wertmaßen hätten. Nun, die gesittete Kulturwelt ist sicher anderer Ansicht. Sie legt an jene Verirrungen dasselbe Wertmaß an wie die Bibel, wenn sie sie auch vom fortgeschrittenen psychologischen und physiologischen Standpunkte aus nur als abweichende Artung der Individualität und nicht bloß als Laster beklagt. Den Uebergang von der „mißverstandenen christlichen Auffassung", die hier ganz auf der biblischen Weltanschauung beruht, zu „einer freieren, natürlicheren Betrachtung" werden eben deshalb nur sehr wenige mitmachen. Der furchtbare Untergang von Sodom war für die Israeliten ein eindringliches Warnungsexempel und soll es allezeit auch für jeden bibelgläubigen Menschen bleiben. Wie die Gottlosigkeit der Sodomiten typisch die aufs höchste gesteigerte Gottlosigkeit an sich veranschaulicht/ so ist der Untergang Sodoms durch die ganze Bibel hindurch der Grundtypus des über solche Gottlosigkeit ergehenden vernichtenden Gottesgerichts. Nür so war es möglich, daß Israel in ägyptischer und kananitischer Umgebung sich die Reinheit der Seele und des Körpers bewahren konnte. Ihm war auch der menschliche Leib ein göttliches Heiligtum, den keusch und rein zu erhalten des Menschen höchste Würde ausmacht. Denn die Verbindung zwischen Körper und Geist ist eine zu enge und einheitliche, als daß nicht durch die Entweihung des Körpers auch der Geist entweiht würde, der Körper unfähig wird, das bereite Werkzeug des Geistes zu sein, und wie der Leib vertiert, so auch der Geist. Und zwar umsomehr, als es ja die Aufgabe des Geistes ist, die sinnlichen Triebe des Körpers zu beherrschen und zu versittlichen; wenn er aber diesen die Zügel schießen läßt, so verliert er seine Herrschaft und seine Sittlichkeit, sinkt er zum Werkzeug und Knecht des Leibes herab, verdirbt und entartet er. Für „Abnormitäten" ans diesem Gebiete gilt das Gleiche. Das ist die biblische Weltanschauung. Die spätere jüdische Weltanschauung steht, auf demselben Boden; ja sie verschärft das Gebot der Sittlichkeit noch im wesentlichen. Ziel und Richtschnur bleibt ihr allezeit das Gebot der Schrift: „Rede zu den Söhnen Israels: Ich bin der Ewige, euer Gott. Gleich dem Tun des Landes Mizrajiin, wo ihr gewohnt, tuet nicht, und gleich dem Tun des Landes Kanaan, wohin ich euch führe, tuet nicht, und in ihren Wegen wandelt nicht. Meine Rechte sollt ihr üben und meine Satzungen wahren, in ihnen zu wandeln. Ich bin der Ewige, euer Gott." Und von diesem Standpunkte aus beurteilte mail alle Verirrungen des Geschlechts, und zwar mit großer Strenge. Es ist begreiflich, daß eine solche Erziehung zur Sittlichkeit von tiefer Wirkung auf das Volk sein mußte, dem sie in Lehre und Beispiel zuteil wurde. Die Juden waren und blieben ein sittliches Volk, dem alle derartigen Abnormitäten und Entartungen fremd und autipathisch sein mußten. Ihre Auffassung und Heilighaltung der Ehe, ihr reines und keusches Familienleben waren das Palladium, das sie vor jeder „Abweichung der Psyche" wirksam schützte. Dieser Familiensinn war dem jüdischen Stamm eingeboren. Seine Urgeschichte ist eine Familienerzählung; seine Patriarchen sind ihm zumeist Familienväter; Gott ist ihm „Vater", „Bräutigam", „Gemahl";