Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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wurde sofort entlassen. Nunmehr stellte es sich heraus, daß diese „Schwester Käthe" eigentlich gar keine „Schwester" war, sondern „Karl" hieß. Diese Entdeckung machte denn auch gewaltiges Aufsehen. Es soll ein 19 jähriger Jüngling jüdischer Religion sein; Tatsache ist jedenfalls, das dieser Jüngling spurlos verschwunden ist." — Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sofort Erkundigungen an Ort und Stelle eingezogen und von zuverlässiger Seite erfahren, daß die „eigentümliche" Krankenpflegerin keineswegs „ein 19 jähriger Jüngling jüdischer Religion", sondern die 27 Jahre alte Tochter eines christlichen Wagenlackierers ist. Das Ergebnis dieser Erkundigungen hat die „Diepholzer Kreiszeitung" veranlaßt, ihre erste Nachricht zu widerrufen. b. Wiesbaden, 24. Oktober. Eine für die Wiesbadener Verhältnisse außergewöhnlich große Zahl — über 300 Personen aller Stände, zu fast gleichen Teilen Männer und Frauen — hatte sich in dem großen Saale der „Wartburg" zusammengefunden, um der Rede des Landtagsabgeordneten Dr. Cohn-Dessau über „Die Selbstverteidigung der deutschen Juden" zu lauschen. In mannhaften Worten flammender Beredsamkeit zeigte der Vortragende, wie dringend nötig es sei, die jüdische Jugend wieder hinzuführen zu den hohen Idealen des Judentums, in ihr zu erwecken den Sinn für seine ruhmvolle Vergangenheit und das Verständnis seines Wertes für die Kultur und die Menschheit. Dann werde im Herzen unserer Kinder jener Stolz auf das Judentum erwachen, den wir alle fühlen und empfinden bei dem Gedanken, Deutsche zu sein. Gut deutsch und gut jüdisch zugleich, das sei das, was wir wollten und erstrebten; jene innige Verbindung all der Tugenden, die man als germanische und die man als jüdische bezeichne. Aber es gelte auch, in dem Kampfe, den wir für unsere edle Sache zu sühren haben, die Kämpfer stark zu machen, stark an Geist und Wissen, stark auch an körperlicher Kraft und Ausdauer. Zu der Selbstverteidigung gehört ferner noch die unentwegte Aufklärungsarbeit bei unseren andersgläubigen Volksgenossen, von welchen wir uns keineswegs fern halten, sondern mit denen vereint wir im kommunalen wie im politischen Leben unsere Fähigkeiten einsetzen sollten zu des Vaterlandes Wohlfahrt und Gedeihen! Soll aber das.hohe Ziel der völligen Gleichberechtigung erreicht werden, müssen wir zusammenstehen, einerlei ob Liberale oder Orthodoxe, einerlei, ob uns das Leben hoch oder niedrig gestellt — dem Feinde, der uns bedrohe, müssen wir eine Phalanx dichtgeschlossener, begeisterter Kämpfer entgegensetzen. Der Sammelpunkt für alle, die so denken, sei der Zentralverein, jene Vereinigung, die in den 14 Jahren ihres Bestehens soviel Gutes schon geschaffen habe und der eine völlige Renaissance jüdischen Bewußtseins zu verdanken sei. Dem Freunde Schutz, dem Feinde Trutz — so müssen wir siegen. Diesen stolzen, allen aus der Seele gesprochenen Sätzen folgte rauschender Beifall. Der Vorsitzende der Kultusgemeinde, Stadtverordneter Heß, dankte im Namen der Anwesenden mit bewegten Worten dem Redner für seine kernigen Ausführungen. 55 neue Mitglieder traten dem Verein bei. Der Abend hat einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen und der Sache des Judentums eine große Förderung gebracht. Kreuznach, 25. Oktober. Auf Einladung unseres Rabbiners Dr. Tawrogi fand vorgestern abend Hierselbst eine Propaganda- Versammlung für den „Hilfsverein der Deutschen Juden" statt, zu welcher sich eine stattliche Anzahl von Damen und Herren eingefunden hatte. Nach einer Begrüßungsansprache des Herrn Dr. Tawrogi ergriff Herr Siegmund B er gel-Berlin, Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses des Hilssvereins, das Wort, um mit der ihm eigenen eindrucksvollen Beredsamkeit in mehr als einstündigem Vortrage ein ergreifendes Bild' von den Leiden und Bedrückungen unserer Glaubensgenossen in Rußland und Rumänien, die er aus unmittelbarer Beobachtung kennt, zu entwerfen, sodann auf die Vorgänge in Casablanca und die schweren Heimsuchungen der dortigen wie der marokkanischen Juden überhaupt einzugehen und schließlich den hervorragenden Anteil, den der „Hilssverein der Deutschen Juden" an der Bekämpfung dieser mannigfachen Not nimmt, sowie dessen vielgestaltige segensreiche Wirksamkeit zugunsten unserer politisch oder wirtschaftlich leidenden Brüder, namentlich sein umfangreiches Schulwerk in Bulgarien, Rumänien, Palästina usw., zu schildern. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte die Zuhörerschaft den in Form und Inhalt großgearteten Ausführungen des Redners, und der Appell des Herrn Dr. Tawrogi, Herrn Bergel dett wohlverdienten Dank durch die Tat zu bekunden, fand denn auch ein so willfähiges Echo, daß fast sämtliche Anwesenden mit größeren Beträgen dem Hilfsverein als Mitglieder beitraten und sich zur Werbearbeit innerhalb unserer Gemeinde bereit erklärten. Herr Bergel, der mit so selbstloser Hingebung sich in den Dienst des Hilfsvereins, namentlich seiner immer weiteren Ausbreitung stellt, darf mit voller Befriedigung auf den gestrigen Abend zurückblicken, der uns allen in wohltuender Erinnerung bleiben wird. Gesterreich-Angsrn. A Wien, 28. Oktober. Zwei Juden haben den österreichischungarischen Ausgleich zustande gebracht, der österreichische Hofrat Sieghart, recte Singer, und der ungarische Ministerialrat Szterenh, recte Stern. Schade nur, daß — beide getauft sind und für ihre Glaubensgenossen nicht das Geringste tun möchten! Im Gegenteil, sie schaden uns nur. — Geradezu blitzartig wird übrigens die politische Situation in Ungarn durch die bisher nicht dementierte Nachricht bestätigt, daß die Kossuth-Partei sämtliche ihr ungehörigen jüdischen Abgeordneten, welche bisher wichtige Ausschußstellen innehatten und in denselben hervorragende Tätigkeit entfaltet hatten, anläßlich der Konstituierung des Abgeordnetenhauses von der Kandidatenliste gestrichen und durch zumeist reaktionär schillernde Agrarier ersetzt hat. Selbst solche, um die Partei hochverdiente alte Mitglieder, wie Soma Visontai, Siegmund Farkashazy, Moriz Szatmari, Edmund Paria und andere wurden einfach übergangen. Im Parteiklub wurde ganz offen erklärt, daß die Abgeordneten jüdischer Konfession von den wichtigeren Ausschüssen serngehalten werden müssen, um christlichen Kollegen Platz zu machen. Der Austritt eines Teiles dieser derart brüskierten jüdischen Abgeordneten aus der immer mehr rückschreitenden Achtundvierziger-Partei wird als sicher angenommen. Aber damit ist auch die Sache abgetan. Der Mohr kann gehen! — In Budapest ist vor kurzem ein Mann gestorben, dem die Orthodoxie ganz merkwürdige Nachrufe widmet. Er hieß Daniel Weiß und' war seit 30 Jahren Sekretär der orthodoxen ungarischen Landesrepräsentanz und Redakteur ihres offiziellen (übrigens längst eingegangenen) Blattes. Dieser sehrangesehene und einflußreiche Führer der Orthodoxie im Ungarlande stand aber in seinem Privatleben ganz außerhalb des jüdischen Zeremonialgesetzes und machte sich geradezu einen Sport daraus, das öffentlich zu bezeugen und zu betätigen. Die Orthodoxie der frommen Rabbiner, die in ihren Synagogen keine Orgel, ja nicht einmal einen Chor duldet, wußte das sehr genau, aber sie duldete es, weil sie den Mann brauchte und weil auch dieser Orthodoxie der Zweck die Mittel heiligt. — Für die projektierte jüdisch-theologische Lehranstalt in Lemberg soll Dr. H. Chajes vom Gollegio Rabbinico in Florenz als Leiter in Aussicht genommen sein. — In Trotz pau (Schlesien),' wo Herr Rabbiner Tr. Blüh in Pension ging, wurde Dr. Fried mann in Ungarisch-Osira zu dessen Nachfolger gewählt. — In Brünn hat am 20. d. M. die Eröffnung eines neuen, vom israelitischen Humanitätsverein „Moravia" errichteten israelitischen Knaben- und Mädchenwaisenhauses für Mähren stattgefundeu. — Die „Wiener Zeitung" publiziert die Ernennung des Landesgerichtsrates am hiesigen Handelsgerichte Dr. Josef Löwner, eines Juden, zum Oberlandesgerichtsrate bei diesem Gerichtshöfe. — In Budapest ist der Professor am Rabbinerseminar Karl Bein im Alter von 54 Jahren gestorben. Bein wurde 1878 an das Selninar berufen, wo er seit dieser Zeit als Professor der Mathematik und Naturwissenschaften wirkte. Er war auf dem Gebiete der Wahrscheinlichkeitsberechnungen eine Kapazität und bei zahlreichen Versicherungsgesellschaslen und Pensionsinstituten als mathematischer Beirat tätig. Er entfaltete auch eine reiche literarische Tätigkeit, und erst vor kurzem wurde sein Werk „Politikai szamtan“ (Politische Arithmetik) von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften preisgekrönt. Von Aah und Fern. ----- Die Erben des verstorbenen Bankiers Julius B lei chr öd erhaben dem Magistrat der Stadt Berlin 200 600 Mark überwiesen, mit der Bestimmung, daß dieser Betrag dem Willen des Verstorbenen I entsprechend zur Veranstaltung von Schülerausflügen hiesiger