Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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die Darstellung dessen, was in verschiedenen Zeiten als Grundlehre der jüdischen Religion angesehen wurde. Er nennt es „Jüdische Dogmengeschichte". Dann die Behandlung der jüdischen Philosophie des Mittelalters, und endlich eine systeinatische Darstellung der Erundlehren des Judentums auf der Basis einer modernen philosophischen Weltanschauung. Für die jüdische Dogmengeschichte bereitet Neumark eine besondere Schrift vor (ein hebräischer Auszug, „Ikkarim" betitelt, ist im Probeband des „Ozar Hassafruth" erschienen). Der philosophische Standpunkt des Verfassers hat seine Grundlage in der Cohenschen Interpretation der Kantischen Philosophie. Ihn näher zu beschreibendst hier nicht der Ort, es mag nur dasjenige hervorgehoben werden, was für die geschichtliche Betrachtung dieses Werkes richtunggebend ist. In dem System Cohens verbürgt der Gottesbegrisf die Einheit der Erkenntnis und des ethischen Wollens. Ist nämlich die mathematische Naturwissenschaft aus den Elementen der logischen Erkenntnis, unabhängig von aller Ethik, aufgebaut, so ist zwar ihr Dasein gesichert, aber sie must, um auch die Bürgschaft ihres Seins zu haben und nicht der Zufälligkeit anheimzufalleu, auf einen außerhalb aller Logik liegenden Quellpunkt der Wirklichkeit rekurrieren. Dieser Quellpunkt ist „das Grundgesetz der Wahrheit", ein Sollen. Von hier aus wird dann die Ethik des reinen Willens aufgebaut. Ebenso wie die logische Erkenntnis in dem Begriff des Jnfinitesimals gleichsam hinter das Bewußtsein zu greifen vermag, so wird auch für die Erkenntnis des Ethischen, kraft des Kontinuitätsgesetzes, dasselbe gefordert. Gegeben ist also in diesem System der Primat des Sollens und die darauf gebaute Realität des Logischen. Die Einheit des Geistes ist der Kardinalpunkt der Problemstellung. Dieses Probleiu der Einheit ist nach der uns vorliegenden historischen Betrachtung das treibende Moment in der Entwicklung des jüdischen Geistes, dessen Geschichte nichts anderes ist, als das unablässige Ringen um das klare Erfassen dieser Idee. Es ergibt sich dabei schon für die Zeit der Propheten eine bedeutsame Parallele. Die ersten Propheten bis Jeremia gründen ihren Monotheismus nur auf die absolute sittliche Forderung und lassen das kosmologische Moment fast ganz beiseite. Auch hier tritt die kosmologische Idee als Ergänzung der ethischen auf. Die Tendenz der Einheit wird auf das Sollen gegründet. In dein Prvphetentum liegen schon die Keime der späteren Entnücklung. Die Propheten kämpfen gegen das Irrationale im Gottesbegriff, sie ringen mit dem Mythus nnd überwinden ihn. Dieser Kampf richtet sich auch gegen die Engellehre. Die Einheit Gottes scheint durch den Engelglauben gefährdet, und die von Jeremia durchgeführte Reform unter Josia hat durch die Beseitigung der Cherubim ein gefährliches polytheistisches Element beseitigt. Unter Ezechiel lebte durch die Berührung mit der Kosmvgonie Babylons der Engelglaube wieder auf (Merkaba). Aus der Mcrkabalehre entwickelt sich später die Mystik. Die späteren Philosophen und philosophierenden Halachisten sind die Nachfolger der „jeremianischen Schule". Das autoritative Judentum der nachprophetischen Zeit verhält sich ablehnend gegen die Engellehre wie gegen die griechische Jdeenlehre. Es kann aber nicht hindern, daß diese auf dem Wege durch die Agada eindringen. Der Midrasch verdichtet sich zum Dogma, der eschatologische Mythus der Auferstehungslehre und die aus der Jdeenlehre hervorgegangene Anschauung von der Präexistenz der Thora (u’C’t n mm) werden proklamiert. Diese Konzession an das Irrationale begünstigt die Begründung einer Geheimlehre. In der Mischna, dein hervorragendsten Dokument dieser Zeit, findet die Engellehre geflissentlich keine Erwähnung. Aber sie blüht gleichzeitig in der Agada. in Anknüpfung an Ezechiel und die babylonische Jdeenlehre. Es führt von hier eine ursächlich zusammenhängende Kette durch die im Kampfe gegen das Christentum erstarkte mystische Agada, die gaonäische Mystik, das neupythagoräisch angehauchte Buch Jezira zur Kabbala, die zur Zeit Maimunis als Gegensatz zu der ans begriffliche Einheit gerichteten philosophischen Spekulation in die Erscheinung tritt. Das Ringen der mythologischen Betrachtungsweise mit der begrifflichen Konzeption bildet das Grundschema des historischen Werdeganges. Das Kriterium der Kabbala ist ihr Hervorgehen aus der Merkabalehre, das der Philosophie die spekulative Jdeenlehre. Die eigentliche dialektische Philosophie des Judentums hat mit dem Ausscheiden der Merkaba aus der Spekulation begonnen, und mit dem Wiedereindringen derselben aufgehört. Die Darstellung des Zeitalters der Tannaiten und Amoräer enthält in knapper Zusammenfassung eine solche Fülle von neuen Gesichtspunkten und Problemen, daß es unmöglich ist, darüber hier ausführlich zu berichten. Bon besonderem Interesse ist die Hervorhebung der propädentischen Bedeutung der halachischen Dialektik für die Philosophie. Ihr juristischheuristisches Prinzip suchte auch in der Orientierung aus dem Gebiete der Sittlichkeit jede Mystik abzuwehren. (Eine Parallele liegt in der Ethik Cohens, die den Erkenntnisgrund der Sittlichkeit in der Rechtswissenschaft findet.) Daß schließlich die Jdeenlehre Eingang fand in halachischen Kreisen, wird durch den Kampf gegen das Christentinn erklärt. Der Gegensatz der beiden Zentren, Palästina und Babylon, spielt dabei eine nicht geringe Rolle. — In den ersten zwei Jahrhunderten nach Abschluß des Talmud erleidet infolge der schweren Verfolgungen in Babylon das halachische Studium einen starken Rückgang. Daher die Blüte der Mystik und die Isolierung der in der Midraschliteratur zufaminengeflossenen Strömungen. Es entwickelt sich in der gaonäischen Zeit die Neigung zur Mystik im Sinne der Merkaba, aber mit Verarbeitung von Motiven der Jdeenlehre. Es wiederholt sich mehrmals der Vorgang, daß die Mystik die in der Dialektik neu ausgestalteten Grundlehren übernimmt, um sie in ihrem Sinne zu verwerten. Das Buch Jezira wird auf Nabh zurückgeführt. Um die Wende des neunten und zehnten Jahrhunderts beginnt eine neue Blüte der Philosophie auf dialektischer Grundlage. Sie ist zu begreifen aus der neuerlichen Berührung mit der griechischen Philosophie und den Folgen der karäischen Bewegung. Dieser Epoche ist der letzte Teil des ersten Buches und das ganze zweite Buch gewidmet. Von Fenster?u Fenster. »' Von Leopold v. Sacher-Masoch. III. |YJli die Poesie ist, da ist auch die Liebe nicht ferne. Das Herz des guten Barom war eine Opferflamme, die ewig zum Himmel loderte, es fehlte nur die Göttin in dem Tempel. Ein Ideal, so schön wie die Morgensonne und so unbestimmt wie wogender Nebel, schwebte seinem Auge unablässig vor, bald sah er es in einem Edelfräulein verkörpert, das im flüchtigen Schlitten vorüberflog, bald in einem kleinrussischen Bauernmädchen, das mit einem neuen Schaf-