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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-01 · Heft 44 (1.11.1907) · p. Seite 523

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
Seite 523 (sequence 7)
Language
German
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Deshalb muß ich mich hier darauf beschränken, aus der vorliegenden Predigtsainmlung einige Kerngedanken herauszuheben, und es dem Leser überlassen, ihre Ausführung und Begründung in dem gut ausgestatteten Buche selbst nachzusehen und durchzudenken. In der Schrifterklärung zum Thoraabschnitte '2 geht Maybaum von der Anbetung des goldenen Kalbes aus und sucht diesen Rückfall des Volkes in die bildliche Gottesverehrung der Vorsinaitischen Zeit aus dem eingeborenen Triebe der menschlichen Natur nach Veranschaulichung des Geistigen und Idealen zu erklären, den das Judentum nicht völlig unterdrücken, sondern nur in die richtigen Bahnen leiten will. Diesen Trieb nach Versinnbildlichung der Gottheit findet er auch in dem Gebete Moses: „Laß mich doch schauen deine Herrlichkeit!" wieder, um dann die Gottesschau im Geiste, die Sehnsucht aller Propheten in Israel, die Erkenntnis, daß Gott die Liebe, die Gerechtigkeit, die Wahrheit ist, der heidnischen Eottesschau gegenüberzustellen, die nach einem sichtbaren Bilde verlangte, weil sie Gott noch nicht in dem reinen Menschentum, in der sittlichen Lebensführung, in der allen Menschen gemeinsamen Tugend zu finden vermochte. Die Erhabenheit der jüdischen Gottesidee über das Heidentum alter und neuer Zeit ist hier mit der an Maybauin oft bewunderten Klarheit herausgearbeitet, daneben aber machen die geistvollen psychologischen und religionsgeschichtlichen Bemerkungen, die der Prediger an das Verbot der bildlichen Gottesverehrung knüpst, diese Schrifterklärung ungemein aufschlußreich und anziehend- Einen ähnlichen Gedankengang verfolgt Maybaum in der Predigt zu über das Thema: „Was lehrt das Judentum vom Geiste Gottes?", nur das er hier in der gesamten Kulturarbeit der Menschheit, in Kunst, Wisienschast und Gewerbe, die Offenbarung des Gottesgeistes im Menschen darstellt. Der Erbauer des Stiftszeltes Bezalel, den „der Geist Gottes erfüllte mit Weisheit, mit Einsicht und Erkenntnis und jeglicher Kunstfertigkeit", erscheint dem Prediger höher gerühmt als selbst Priester und Propheten, und so gelangt er alsbald zu der Wertschätzung, deren sich jede treue Berufsarbeit im Judentum erfreut, weil die Teilnahme an dem Kulturleben der Gesamtheit das Herz weitet und den Geist erleuchtet, und die Menschen von nationaler und religiöser Beschränktheit befreit. Hieran knüpft sich wie von selbst die Mahnung, jede Einzelarbeit durch ihre Beziehung aus Gott zum Gottesdienst der Kulturarbeit zu erheben, die der Prediger durch das ansprechende Gleichnis von der Freudigkeit des Bauleiters im Gegensätze zu dem Frondienste des Maurers belebt. Nach der Faffung des Themas dieser Predigt konnte inan eine lehrhafte Abhandlung über das Wesen des Gottesgeistes erwarten; wieviel volkstümlicher, eindringlicher und begeisternder aber ist die Darstellung Maybanms von dem Walten Gottes im Kulturleben der Menschen, die auch den schlichten Arbeiter zur Höhe des jüdischen Kulturideals emporhebt. Ein rein religiöses, allgemein menschliches Thema schlügt Maybauin in der Predigt zu '",22' über den kurzen aber gemütstiefen Text „und Aron schwieg" an. In dem Schweigen des Hohenpriesters, der am Tage der festlichen Einweihung des Stiftszeltes seine beiden älteren Söhne durch ihre eigene Schuld dahingerafft sieht, erblickt Maybaum die Frucht des schmerzlichsten Sieges, den der Priester über den Vater errungen hat, da er Gott vor beti Augen des Volkes das Opfer seines Herzens darbringt. Hieraus gewinnt er die Mahnung zur Bewahrung gottfreudigen Gleichmuts in allen Lebenslagen und die Warnung vor der falschen Elternliebe, die das Herz der Kinder vergiftet, indem sie in ihnen den Stolz auf eine vornehme Abstammung oder eine glänzende Laufbahn nährte, statt ihren Charakter durch Religion zu bilden und zu stählen. An dieser Predigt erscheint mir die Schilderung des Seelenzustandes der Fran des Hohenpriesters Elischeba, der Maybaum die Schuld an der verfehlten Erziehung ihrer Söhne zuschreibt, besonders bemerkenswert für die Kunst Maybaums, wenig beachtete Nebenfiguren der biblischen Erzählungen durch blitzartige Beleuchtung in den Vordergrund zu rücken, eine Kunst, die er auch sonst mit guten: Erfolge zu üben weiß; man vergleiche zum Beispiel die unnüttelbar folgende Schrifterklärung über das israelitische Mädchen in der Gefangenschaft zu Damaskus, das den von der Krankheit des Aussatzes befallenen syrischen Feldhauptmann an den Propheten Elisa weist und dessen Liebe zur Heirnat und zu den angestammten Heiligtümern der gottgcsandte Anlaß wird z::r Heilung Naömans und zur Verherrlichung des Gottes Israels, ein schönes Vorbild für unsere Heranwachsende weibliche Jugend. Um nun noch die Stellung Maybaums zn den Abwehrkümpfen, welche die deutsche Judenheit noch immer gegen ihre äußeren und inneren Feinde führen inuß, kürz zu veranschaulichen, verweise ich auf die Predigt zum Sabbat Sachor über den Text: „Gedenke, was dir Amalek getan!" Eine hochinteressante, echt Maybaumsche Predigt. Im Jahre 1901 gehalten, spiegelt sie die Entrüstung des Predigers über den Judenhaß wieder, der um jene Zeit in aufreizenden Volksversammlungsreden straflos gepredigt und der sogar von der Staatsverwaltung mit der gebotenen Rücksicht auf eine angebliche Volksstimmung begründet wurde. In dieser Predigt verbindet sich die Wahrheit der Ueberzeugung mit der Schönheit der Darstellung, die Wucht der Gedanken mit der Bildkraft der Sprache zn nachhaltiger Wirkung. Der Prediger geht hier von dem Midrasch aus, der das Auf- und Niedersteigen des Göttlichen im Leben der Menschen von Adam bis Moses schildert, und erweitert diesen Gedanken zu einem Steigen und Fallen des sittlichen Höhepunktes in: Strome des Völkerlebens, um die Gegenwart als eine Zeit des Niederganges zu kennzeichnen, da die Menschenliebe ivieder eininal vom Menschenhaß verdrängt ist. In solcher Zeit erscheint die Erinnerung an die Hinterlist Amaleks um so notwendiger, weil Israel gar zri schnell zur Leichtgläubigkeit und Vertrauensseligkeit geneigt ist, wenn seine sozialen Verhältnisse sich etwas günstiger gestalten. Mit der Parabel von der Wette zwischen dem Sturmwind und dem Sonnenschein wird die Eigenart Israels, Glück weniger würdevoll ertragen zu können als Unglück, treffend illustriert und hierauf die Mahnung gegründet, alle Kräfte zur Abwehr des wiedererwachten heimtückischen Judenhasses zu sannnelu. Die bisherige Erfolglosigkeit unseres Kainpfes gegen Amalek darf uns nicht er- :natten und ermüden lassen in der Verteidigung unseres bedrohten Rechtes und ::userer gefährdeten Ehre, da es sich nicht bloß um unsere Existenz, sondern auch nur den Triumph der Kultur und Gesittung handelt. Der Hinweis ans den betenden Moses, der mit erhobenen Händen den Sieg Israels über Amalek erfleht, bildet den Uebergang zu der Schlußerniahnung, daß auch das gegenwärtige Israel in der Not maä

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