Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit einer Reihe von Jahren hatte sich das alte Schulgebäude in jeder Beziehung als unzulänglich erwiesen, mit anerkennenswertem Eifer wurde seitens des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes und der Gemeindebehörden die Frage eines Neubaues ventiliert und am 17. Mai 1905 der Bau beschlossen. In ernster Feier nahm die Schulgemeinde von dem alten Schulhause am 5. Juni Abschied, das 43 Jahre hindurch seiner erhabenen Aufgabe gedient hatte, und übersiedelt-e zunächst in interimistische Räume. Am 26. November 1906 fand alsdann in würdigem und eindrucksvollem Festakt die Einweihung der neuerbauten Knabenschule und der Lehrerbildungsanstalt statt. Die Feier, aus deren Anlaß dem Direktor beider Anstalten, dem Vorsitzenden des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes und dem Vorsitzenden des Gemeindevorstandes als allerhöchste Anerkennung Ordensdekorationen überreicht wurden, haben wir seinerzeit ausführlich geschildert und eine eingehende Beschreibung des Neubaues gegeben, der sich in glücklicher Verschmelzung äußerer Schönheit und zweckmäßiger innerer Einrichtung den in den letzten Jahren geschaffenen Prachtbauten der Gemeinde würdig anreiht. Am 27. November begann alsdann in den von Luft durchtränkten, von Licht durchfluteten neuen Räumen der Schulunterricht. Die Sorge der Gemeindebehörden um das körperliche Gedeihen der Schüler hat sich wie in der Errichtung des neuen Schulhauses auch in der Anstellung eines Schularztes bekundet, welche bereits im Sommer 1905 erfolgte. Alljährlich im Sommerhalbjahr werden vom jüdischen Kurhospital in Kolberg 14 Schüler der Anstalt ausgenommen, deren Auswahl nunmehr der Schularzt übernimmt. Besonders zu erwähnen und der Nachahmung sehr würdig erscheinen uns zwei hochherzige Geldspenden, mit deren Hilfe in den Jahren 1902 und 1904 eine Gruppe von Schülern unter Aussicht eines Lehrers einen Ausflug nach dem Riesengebirge unternehmen konnte. Dient doch ein solcher Ausflug nicht nur der körperlichen Kräftigung und Erfrischung, er hat auch eine zumal für die Volksschichten erwünschte Erweiterung des Gesichtskreises der in so jungen Jahren besonders aufnahmefähigen Schüler zur Folge. Die Zahl der Zöglinge der Knabenschule betrug am 1. Februar d. I. 578; das Durchschnittsalter in der ersten Klasse stellte sich auf 14,05, während es sich in der achten Klasse auf 6,75 belief. Mit Hilfe von fünf Stiftungen werden fleißigen und bedürftigen Schülern und Schülerinnen der Knaben- und Mädchenschule Beihilfen zur Anschaffung von Lehrmitteln und Kleidungsstücken oder zu Gesundheitszwecken gewährt. Für die Lehrerbildungs- und Präparandenanstalt ist vor allem die für sämtliche preußischen Seminare am 1. Juli 1901 ministeriell verfügte Aenderung der Lehrverfassung bedeutsam geworden. Die Ziele wurden viel höher gesteckt, denn in den meisten Lehrfächern wurden Lehraufgaben, die früher dem Seminar gestellt waren,' bereits der Präparandenanstalt zugewiesen. Der Unterricht nn Französischen oder Englischen ist für beide Anstalten obligatorisch geworden. Die veränderte Lehrverfassung setzte allerdings eine Präparandenanstalt mit drei aufsteigenden Klassen voraus. Auf Empfehlung der Vorgesetzten Schulbehörde und dank dem sehr bereitlvilligen Entgegenkommen der Gemeindebehörden wurde denn auch der seit 1898 zweiklassigen Anstalt am 1. Oktober 1902 die dritte Klasse hinzugesügt. Die Errichtung dieser Klasse hat sich auch als die notwendige Voraussetzung jenes wichtigen Rechts erwiesen, wonach der Anstalt als der ersten und bisher einzigen jüdischen Anstalt die Ermächtigung zuerteilt wurde, gültige Zeugnisse über die wissenschaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst auszustellen. Gegenwärtig hat die Lehrerbildungsanstalt 28, die Präparandenanstalt 24 Schüler. Seit der am 6. November 1859 erfolgten Eröffnung der Anstalt bis jetzt sind 312 Schüler mit dem Prüfungszeugnis entlassen worden, die in Berlin an den Schulen der Stadt und der jüdischen Gemeinde, in den verschiedenen Provinzen des engeren Vaterlandes und über dieses hinaus als Volksschul- Religionslehrer und Kantoren tätig sind. Eine Reihe von großen und kleineren Stiftungen sorgt für die Unterstützung der Schüler beider Anstalten. Die Mädchenschule, deren Klassenzahl zurzeit 14 (9 aufsteigende, 4 Parallelklassen und 1 Wechselklasse) beträgt, hat in ihrem Lehrkörper auch mannigfache Veränderungen erfahren. Seit Ostern 1904 weilt sie in neuen Räumen, welche den modernsten hygienischen Anforderungen angepaßt sind. Am 11. April umrden die Räume in feierlicher Weise ihrer Bestimmung übergeben. Dank einer hochherzigen Spende konnten auch in dieser Schule im Sommer 1903 einige Schülerinnen unter Führung einer Lehrerin eine 18tägige Reise ins Riesengebirge unternehmen. Die Frequenztabelle weist am 1. Februar d. Js. 484 Schülerinnen aus. An Stelle des bisherigen kaufmännischen Fortbildungskursus ist seit Ostern 1903 eine Fortbildungsklasse getreten, in welche der Eintritt erst nach erfolgreicher Absolvierung der ersten Klasse gestattet ist. Hier wird Deutsch. Französisch, Englisch, kaufmännisches Rechnen, Buchführung, Handelskunde, Handelsgeographie, Stenographie und Maschinenschreiben gelehrt. Unter Leitung des Dirigenten der Mädchenschule besteht seit Ostern 1905 ein aus drei Jahre berechneter Kursus zur Ausbildung von jüdischen Religionslehrerinnen. Zurzeit sind eine untere und eine mittlere Abteilung vorhanden, die in Hebräisch, Bibelkunde und nachbiblischer Geschichte unterrichtet werden. Zu den allgemeinen Bildungsanstalten der hiesigen Gemeinde gehört schließlich noch eine zweiklassige Elementarschule, welche dem zweiten Gemeindewaisenhause in Pankow angegliedert ist und 45 Schüler zählt. Der zweite Teil des Berichts gibt, wie bereits erwähnt, über die Religionsschulen der Gemeinde Auskunft. Zurzeit bestehen zwölf Schulen, davon sieben in Berlin, eine in Schöneberg, zwei in Charlottenburg, eine in Pankow und eine in Weißensee. Fast bei allen Schulen läßt sich eine Zunahme der Zahl der Schüler feststellen. Am auffälligsten ist die Frequenzsteigerung in der in der Rykestraße belegenen sechsten Religionsschule, die im April 1902 mit 75 Zöglingen eröffnet wurde und im Wintersemester 1906/07 an Knaben und Mädchen 670 Zöglinge zählte. Für alle Schulen erging vom Schul- und Talmud-Thora-Vorstand eine Verfügung, nach welcher die an dem Religionsunterrichte der öffentlichen Schulen teilnehmenden Zöglinge auf Wunsch in der Religionsschule nur an den hebräischen Unterrichtsgegenständen teilzunehmen brauchen. Von dieser Vergünstigung haben in der ersten Religionsschule nur zwei Schüler Gebrauch gemacht. Leider gibt aber nur diese Schule über die Zahl der von dem nichthebräischen Unterricht dispensierten Zöglinge Auskunft. Es wäre doch wohl ganz interessant gewesen, zn erfahren, wie diese Verfügung auf die anderen Schulen gewirkt hat. Soweit der Bericht. Mit großer Freude läßt sich daraus feststellen, daß die Gemeindebehörden nach besten Kräften bemüht sind, die ihnen unterstellten Schulen auf der Höhe ihrer Leistungen zu erhalten und alles zu tun, was nur irgend für das Gedeihen der Anstalten in Betracht kommt. Man kann nach diesem Bericht wohl mit vollem Recht behaupten, daß Berlin in dieser Beziehung mustergültig ist für die ganze deutsche Judenheit. Ja noch mehr, es gibt nach unserer Kenntnis keine jüdische Gemeinde in der ganzen Welt, die ein so ausgebreitetes und derartig funfttomerßn&e§ Schulwesen hat wie Berlin. Daß man jedoch auch für die Arbeitsfreudigkeit der Lehrkräfte zu sorgen bestrebt ist, das beweist die soeben getroffene Verfügung desGemeindevorstandes über die Neuordnung der G e Haltsverhältnisse. Der Schul- und Talmud-Thora-Vorstand hatte bereits anläßlich der Etatsberatung eine Neuordnung der Gehaltsverhältnisse vorgeschlagen, doch mußte zur Zeit die Beschlußfassung über diesen Antrag mit Rücksicht auf seine Tragweite ausgesetzt werden. Die Angelegenheit wurde einer gemischten Deputation zur Vorberatung übergeben, deren Ergebnis dem Gemeindevorstand unterbreitet und nach nochmaliger sorgsamer Prüfung von dort der Nepräsentanten-Versammlung zur Genehmigung vorgelegt worden ist. Die gemischte Deputation hat es für angemessen erachtet, die Lehrkräfte der Gemeindeschulen und der Präparandie mit Rücksicht auf ihre Kommunalsteuerpflicht, mit Rücksicht ferner auf die an sie gestellten höheren Lehranforderungen, in Anbetracht endlich ihrer geringeren Aussichten auf Erlangung höherer Stellen, wie z. B. des Rektorats, t ä