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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-01 · Heft 44 (1.11.1907) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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520 und wir können deshalb mit Recht sagen, daß wir wenig Auf. merksamkeit der Lage der Juden in unserer Armee schenken." — Fürst Urussow fügt dann aus eigenem hinzu: „Indem die Juden als Vaterlandsverteidiger eingereiht werden, fahren sie fort, ebenso rechtlos in den Reihen ihrer Waffenkollegen zu sein. Außerdem werden gegenwärtig im russischen Heere solche Broschüren und Aust rufe verteilt, in welchen von der Notwendigkeit der Judenmißhandlungen — von den Feinden Rußlands — gesprochen wird." — Ein Gesamtüberblick über die „Memoiren eines Gouverneurs" besagt, daß wir es hier mit einer gründlichen und objektiven Studie der Judenfrage in Rußland zu tun haben. — Der Verfasser ist von jeglicher Sentimentalität und voreingenommener „Judenfreundschaft" weit entfernt. Im Gegenteil, am Beginne seiner Memoiren gesteht der Verfasser offen zu, daß er an die Judenfrage mit einem gewissen Skeptizismus heranging. Aber um so ergreifender, um so Packender sind die Bilder, die er ohne jegliche Beimischung, ohne jegliche Färbung allmählich vor unfern Augen aufrollt. Wir sehen dabei, wie der russische Edelmann und Bureaukrat selbst unter dem Einfluß seiner täglichen Auszeichnungen der Tiefe der Tragik und der Gesetzlosigkeit, welche um ihn herrscht, unbewußt gewahr wird. Diese l Metamorphose vollzieht sich langsam, aber um so schwerer blutet sein Herz, wenn sich ihm diese himmelschreiende Ungerechtigkeit in ihrer ganzen offenen Nacktheit offenbart. * An zwei aufeinanderfolgenden Tagen hat das W. T. B. (Wolffs Telegraphen-Bureau) die beiden folgenden Notizen an alle deutschen Blätter verschickt: „Paris, 25. Oktober. Der wegen Spionage verhaftete Schiffsfähnrich Charles Benjamin Ullmo hat dem Marineministerium außer den gemeldeten Dokumenten auch noch Material über die Rolle der Torpedobootszerstörer und Unterseebote im Kriegsfälle angeboten. Den Blättern zufolge ist Ullmo Israelit." „Paris, 26. Oktober. In Vendöme wurden unter dem Verdachte eines Spionageversuchs ein Reserveoffizier des Departements Loire et Cher namens Verton und seine Geliebte verhaftet, die der Mitschuld verdächtig erscheint." Gleich auf den ersten Blick fällt auch dem harmlosesten Leser auf, daß bei dem einen Spion das Glaubensbekenntnis angegeben ist, bei dem andern nicht. Denn daß Verton kein „Israelit" ist, steht fest. Sonst hätte W. T. B. sich sicher beeilt, dies in alle Welt hinauszuposaunen. Das Schlimmste bei der Sache, die entschieden tendenziös ist, daß scr viele liberale Blätter die Notiz gedankenlos nachgedruckt haben. Wir wiederholen unfern Protest gegen eine solche Hervorhebung der jüdischen Abstammung, solange nicht bei allen Schurken, Spionen nsw. das Glaubensbekenntnis hinzugesügt wird. Was übrigens den Monsieur Ullmo angeht, so genügt zu seiner Charakteristik die folgende authentische Mitteilung hiesiger Blätter: „Die Verhaftung des Schiffsleutnants Ullmo in Toulon wird zu einer großen Staatsangelegenheit aufgebauscht, es steht indes fest, daß er, Opiumraucher und allen Ausschweifungen ergeben, schon als Gymnasiast Kleptomane und geistig nicht normal war. Er schein sich des Signalbuchs und der Geheimchiffre seines Kanonenbootes bemächtigt zu haben, nicht um sie ans Ausland zu verkaufen, sondern um mit der Drohung des Verkaufs von der französischen Flotten- Verwaltung 150000 Fr. zu erpressen." Ein Glück, daß jetzt eine andere Regierung und eine andere Volksstimmung in Frankreich herrscht; sonst hätten dort die Nationalisten und Klerikalen eine zweite Auflage der Dreyfus-Affäre zu inszenieren versuchen können. Dir Lehranstalten der Berliner Milchen Gemeinde. 3 8., Berlin, 25. Oktober, n zwei stattlichen Bänden hat der hiesige Gemeindevorstand einen Bericht über die ihm unterstellten Lehranstalten soeben erscheinen lassen. Während der erste Teil die profanen Bildungsanstalten, nämlich die Knabenschule, Präparandie, Lehrerbildungsanstalt, Mädchenschule und Elementarschule des II. Waisenhauses umfaßt, beschäftigt sich Teil II ausschließlich mit den hiesigen zehn Religionsschulen und den Religionsschulen in Pankow und Weißensee. In sehr übersichtlicher Weise zerfallen die Berichte, für deren statistische (Daten der 1. Februar 1907 als Stichtag angenommen worden ist im wesentlichen in folgende Abteilungen: 1. Allgemeine Lehrverfassung, Stundenzahl der Lehrgegenstände, Verteilung der Stunden unter die einzelnen Lehrer, Lehrplan, Schulbücher, Aufsatzthemata, Mitteilungen über den liturgischen Gesang, den Barmizwah-Unterricht und die Fortbildungskurse), 2. Chronik der Schule, 3. Statistische Mitteilungen. 4. Sammlung von Lehrmitteln, und 5. Stiftungen und Prämien Verteilungen. Der nunmehr vorliegende Bericht ist der vierte in der Reihenfolge der bisher erschienenen Berichte. Die ersten Mitteilungen aus dem Jahre 1895 gaben über Wesen, Geschichte und Aufgabe der Knaben- und Mädchenschule Aufschluß, vom zweiten Bericht an wurden auf Anregung der Repräsentanten-Bersammlung auch die Religionsschulen mit ausgenommen. Der zweite Bericht aus dem Jahre 1901 gab eine vorwiegend statistisch-tabellarische, an den Fach" mann sich wendende Darstellung, während der dritte aus dem Jahre 1904 populär gehalten und dazu bestimmt war, besonders den Eltern ein Bild davon zu geben, was die Schulen sind und was sie wollen. Der jetzige Bericht, der die äußere Entwicklung wie die innere Gestaltung des Schulwesens behandelt, soll nach dem Wunsche des Gemeindevorstandes Zeugnis ablegen davon, daß es an dem redlichen Willen nickt gefehlt hat, nach Kräften denjenigen Anforderungen zu entsprechen, welche das starke Wachstum unserer Gemeinde auch auf dem wichtigen Gebiete des Jugendunterrichts an die Verwaltung stellt. Es wird und muß Aufgabe der Pädagogen bleiben, die allgemeine Lehrverfassung mit ihren Unterabteilungen, insbesondere den Lehrplan, nach ihrer Zweckmäßigkeit zu prüfen. Doch wird man bei der hervorragenden Qualifikation der Leiter unserer Schulen sowie bei der bewährten Zusammensetzung des Schul- und Talmud- Thoravorstandes mit Sicherheit annehmen dürfen, daß für diese wichtige Grundlage des Schulunterrichts alle Erfahrungen in wissenschaftlicher und praktischer Hinsicht verwertet worden sind. Unsere Aufgabe soll es heute nur sein, in kurzem Umriß einiges aus der Chronik der einzelnen Schulen zu geben, über einige statistische Mitteilungen zu berichten und schließlich der für unsere Lehranstalten gestifteten Legate zu gedenken. Die Knabenschule hat seit dem Abschluß ihres letzten Berichtes (1900) schwere Verluste in der Zusammensetzung ihres Lehrerkollegiums erfahren. Von fünf Amtsgenossen, die das 70. Lebensjahr überschritten hatten, wurden noch im Jahre 1900 die drei ältesten durch den Tod hinweggerafft, der Senior des Kollegiums, Raphael Cohn der Meister in der Behandlung der Kleinen, der Zeichenlehrer Samuel Löwenthal, der über vier Jahrzehnte den ästhetischen Sinn der Schüler gebildet und deren technische Geschicklichkeit gefördert hatte, und der geistweckende und gemütbildende Religionslehrer Dr. Moritz Kirsch st ein. Im Jahre 1903 folgten ihnen im Tode nach Professor Dr. Hamburger, ein hervorragender Forscher aus dem Gebiete der Mathematik, der fast vier Jahrzehnte an der Knabenschule tätig gewesen war, und in dem jugendlichen Alter von nur 43 Jahren Herr Hermann Cohn, dem im Jahre 1901 der Zeichenunterricht übertragen worden war. Aus Altersrücksichten schieden aus dem Lehrerkollegium im Jahre 1901 die Herren Dr. Liebrecht, nach 27jähriger Tätigkeit an dieser Schule, Marcuse nach 40jähriger Tätigkeit, und im Jahre 1902 Herr Julius Heskel, nachdem er im Jahre vorher anläßlich seines Lehrerjubiläums nicht nur die Anerkennung der staatlichen und Gemeindebehörden, sondern auch erfreuende Bekundungen der Liebe und Verehrung seiner ehemaligen

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