Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit Recht sieht der Verband eine Kränkung darin, daß auch solchen ausländischen Juden, bei denen alle Voraussetzungen für die Zulassung zur deutschen Staatsangehörigkeit erfüllt sind, diese verweigert werde, und zwar aus gar keinem anderen Grunde, als nur wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Glaubensbekenntnis. Von Interesse dürfte schließlich noch eine Stimme aus Süddeutschland zu den Resolutionen des Verbandstages sein. Die „Neue Badische Landeszeitung" schreibt darüber unter anderm: „Das sind alles so selbstverständliche Forderungen für ein modernes Staatswesen, daß es überflüssig sein sollte, darüber noch zu diskutieren. Das; es noch notwendig ist, daran ist aber vor allem der „führende" Staat im Deutschen Reich schuld. Der preußische Konservatismus stemmt sich, wie gegen jeden Fortschritt, auch gegen die volle Gleichberechtigung der Juden noch immer mit Händen und Füßen, während in den süddeutschen Staaten das Prinzip der Ausschließung der Juden von den öffentlichen Aemtern bereits durchbrochen ist. In Bayern und Baden amtiert der jüdische Richter und im bayerischen Reserveosfizierskorps genießt der jüdische Kamerad volle Achtung. Es ist also nicht ganz richtig, wenn Rechtsanwalt Loeb-Mainz die Anschauung vertritt, in der Zurücksetzung der Juden gebe es keine trennende Mainlinie, darin sei ganz Deutschland einig. Der Süden ist auch hierin dem Norden um einige Pferdelängen voraus. Er hat das Prinzip der Ausschließung der Juden von den öffentlichen Aemtern längst durchbrochen und würde sicherlich auch mit dem guten Beispiel völliger unbeschränkter Gleichberechtigung der Juden voraugehen, wenn nur Preußen erst einmal auf den süddeutschen Standpunkt in der Judenfrage vorgerückt wäre. Der Sturmlauf gegen die preußische Rückständigkeit wird also die Hauptaufgabe sein." £ Die Judenfrage in Rußland ist wieder akut geworden. Polizeibehörden und sonstige administrative Organe haben den strengen Befehl erhalten, über den ungesetzlichen Aufenthalt der Juden außerhalb des Ansiedlungsrayons zu wachen. „Getaufte Juden, welche wieder zum Judentum zurückgekehrt sind, haben das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons eingebüßt und müssen unbedingt aus diesen Orten ausgewiesen werden" lautet das jüngste Zirkular vom jüdischen „Väterchen" nach der „Russkoje Snamja") Stolypin. Die alte Prozentnorm bei der Aufnahme von Juden in Mittel- und Hochschulen wird jetzt mit einer gewissen Härte und Rücksichtslosigkeit beobachtet, Pogrome und Judenexzesse stehen auch auf der Tagesordnung, kurz und gut, die selige Zeit von Plehwe ist wieder eingetreten. Es ist deshalb ganz überflüssig, bei der gegenwärtigen Judenlage von Humanität- und Gerechtigkeitsgefühl, von Nächstenliebe und Menschenrechte zu sprechen. Solche Gefühlsargumente würden nur ein Lächeln auf die Lippen der hohen russischen Bureaukratie Hervorrufen. — Wohl aber dürften opportunistische Gründe und Motive die hohe russische Bureaukratie darüber ernstlich nachzudenken veranlassen, wenn noch überhaupt die hohe Bureaukratie denkfähig ist, ob nicht eine solche Abschlachtungspolitik gegenüber einer schutzlosen Bevölkerung von Ruin für das Land sein könnte. Niemand aus den hohen russischen Sphären wird leugnen wollen, daß Fürst Urussow, als ehemaliger Gouverneur von Bessarabien und Ministergehilfe, in dieser Frage eine Kompetenz ersten Ranges ist. Fürst Urussow hat sich mit der Judenfrage und Judenlage an Ort und Stelle gründlich bekannt gemacht, reiche Erfahrungen an der Quelle des Nebels geschöpft und nun seine Memoiren veröffentlicht. Man schreibt uns darüber aus St. Petersburg: Die Quintessenz der großes Aufsehen erregenden Memoiren des Fürsten Urussow ist folgender Satz: „Die Ausnahmegesetze gegen die Juden wirken im höchsten Grade demoralisierend auf die Behörden, die sie ausüben und auf die niederen Schichten der Bevölkerung", sagt Urussow, ferner „die Aus« nahmegesehe der Juden in Rußland bilden eine Hauptquelle für die Einnahmen der Polizei". — Welche Tragik für das russische Volk ist in diesen kurzen Sätzen verborgen! — Es muß hier hinzugefügt. werden, daß Fürst Urussow in seinen „Memoiren eines Gouverneurs" mehrmals darauf betont, daß ihn weniger die jüdischen Opfer interessieren, als das russische Volk selbst. Charakteristisch dafür ist seine Ansprache, die er den Kischinewer Juden nach dem Pogrom als Gouverneur von Bessarabien hielt. Unter anderm hieß es in dieser Ansprache: „Ich muß vor allem darauf bestehen, daß die Juden sich gewissenhaft den Beschränkungen unterwerfen, welche für sie vom Gesetze festgestellt sind, ohne sie zu verletzen oder zu umgehen." Diese harten, richtig gesprochen: grausamen Worte sollten ja eigentlich niederschmetternd auf die vielgeprüfte jüdische Bevölkerung von Kischinew wirken! In der Tat: Urussow forderte von ihnen nicht mehr und nicht weniger, als daß sie sich allen wahnwitzigen Zirkularen und Verfügungen, die keineswegs eine gesetzliche Basis haben, gewissenhaft unterwerfen. Das hieße mit anderen Worten, daß der unschuldig Gefolterte recht gewissenhaft dafür Sorge trage, daß die Foltermaschine die gewünschte Wirkung auf seinen Körper habe. Und dennoch, wie beruhigend wirkten diese harten, aber schlichten Worte auf die Gemüter der Kischinewer Juden! „Wie wenig Garantie forderten die Juden von der Administration, wenn sie sich nach meinen im Grunde genommen unschmeichelhaften Worten für sie ganz zufrieden und fast beruhigt znrückzogen." Fürst Urussow führt mehrere Fälle an, wo er dank den obwaltenden Umständen einflußreichen und angesehenen jüdischen Bürger harte und unverdiente Administrativstrafen auferlegte, die ihm aber dafür nicht im mindesten grollten, aus dem einfachen Grunde, weil sie zu ihm mit Vertrauen aufblickten. Fürst Urussow spricht die Ueberzeugung aus, daß mit der Aufhebung der Ausnahmegesetze die Juden die loyalsten Bürger sein werden. An der Hand von Unterredungen mit den Bauern und statistischen Daten weist er die Anklagen zurück, daß die Juden die Bevölkerung exploitieren, sich dem Militärdienste entziehen und andere haltlose Beschuldigungen. „Im Resultate — sagt Urussow — werden die Juden zur Ausübung der Militärpflicht in größerer Anzahl zugezogen als die anderen russischen Bürger. Aus dem offiziellen Berichte erhellt, daß die Anzahl der im Jahre 1900 ausgehobenen jüdischen Rekruten 5,49 Prozent der ganzen jüdischen Bevölkerung ausmacht, während für die anderen Rekruten das prozentuale Verhältnis nur 4,13 Prozent aufwies. Daß die Juden aber sich dem Militärdienste entziehen wollen, ist kein Wunder." Urussow zitiert hier eine Unterredung in dieser Frage mit einem Obersten. „Es braucht gar kein Wunder zu nehmen, daß die Juden sich der Ausübung der Militärpflicht entziehen wollen. Ihre Lage ist im Heere eine verzweifelte. Stellen sie sich einen Juden vor aus einer armen patriarchalischen Familie, welcher plötzlich in unsere Kaserne verpflanzt wurde. Seine Manieren, sein Jargon und seine Befangenheit rufen nur Spott hervor, alles da ist ihm srenld, wild und fürchterlich. Man ist bestrebt, ihn so schnell als möglich zu „brechen" und ihn in den gewöhnlichen Gang der Soldatenbeschäftigungen einzuführen, ohne dabei beachten zu wollen, daß man damit unwillkürlich seine allerheiligsten Gesühle, seine religiösen Sitten und Gebräuche gröblich verletzt. Er ist einsam und deprimiert,