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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-01 · Heft 44 (1.11.1907) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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518 Rassenstolzen von den von ilmen mit ihrem Haß besonders geehrten Rassen. Die Kalifornier behaupten das Gleiche von den Negern und Chinesen, die Kanadier ähnliches von den harmlosen und sanftmütigen Hindus, die sich in Kanada ihr Brot verdienen. Und ebenso behaupten unsere braven Antisemiten, daß die Juden alle nur denkbaren Schlechtigkeiten verüben, die Wurzel seien aller Niederträchtigkeiten, die es auf der Welt gibt, alle Seuchen, Kriege, Revolutionen verschulden. Es ist, als wenn die Rassenfexe sogar selbst fühlten, wie grundlos, albern und häßlich ihr Rassenhaß ist, und sie darum alles nur Denkbare erfänden, um sich gewissermaßen vor sich selbst zu entschuldigen. Unr nicht gar zu lächerlich und nichtswürdig zu erscheinen, erheben sie wissentlich falsche Beschuldigungen gegen die von ihnen Gehaßten, laden so eine neue Schuld aus sich und beweisen mit allen ihren Anklagen schließlich doch nichts, schon weil sie zuviel beweisen wollen und darum das sinnloseste Zeug zusammenschwatzen. Mit Hilfe der Hetze gegen die Japaner werden die Kalifornier es aber vermutlich in nicht ferner Zeit zu einem furchtbaren Kriege bringen. Denn die Japaner werden es sich nicht gefallen lassen, daß man ihre Volksgenossen ohne Grund wie Aussätzige, wie Verworfene behandelt. Und wenn auch die amerikanische Nation sehr reich an Menschen und Hilfsmitteln ist, viel reicher als Japan, so ist doch der Ausgang eines solchen Krieges keineswegs gewiß, zumal es nicht ausgeschlossen ist, daß die Millionen Neger in den Vereinigten Staaten, um sich für die ihnen zuteil gewordenen Zurücksetzungen und Vergewaltigungen zu rächen, die günstige Gelegenheit benutzen, um mit den anderen „inferioren" Rassen gemeinsame Sache zn machen gegen die sich für eine „superiore" Rasse haltenden Amerikaner. Wenn der Stolz wirklich echt wäre, dann würden Kalifornier Japaner überhaupt nicht beschäftigen dürfen, und dann würde fiir diese der Grund Wegfällen, in großen Scharen über das Meer zu kommen. Sie hätten in der Mandschurei, in Korea Beschäftigung gesucht und wären gar nicht erst zu den rasscnstolzeu Kaliforniern gekommen, da sie bei diesen ihr Brot nicht gefunden hätten. Aber was so als Rassenstolz sich ausgibt, ist weiter nichts als Herrschsucht, als das Verlangen vulgärer Personen, jemand zu haben, den sie ausnutzen und obendrein mit Füßen treten können. Das ist toul comme chez nous, das heißt selbst bei den Antisemiten, die man glaubt für „vornehm" halten zu dürfen, weil bei ihnen von Brotneid füglich nicht gut die Rede sein kann. Wenn nun die Kalifornier fortfahren, einerseits der Versuchung, geschickte und doch billige Arbeiter zu verwenden, anderseits dem Kitzel, die zu beleidigen, nicht zn widerstehen, wenn sie fortfahren gegen die Japaner zu hetzen, nun dann wird es über kurz oder lang einen männermordenden Rassenkrieg geben. Ist aber schon ein gewöhnlicher Krieg ein großes Unglück, dann ist ein Rassenkrieg ein geradezu furchtbares. Denn immer noch waren Rafsenkriege weit entsetzlicher als selbst Glaubenskriege. Eben darum aber ist die Erregung und Kultivierung des Rassenhasses etwas so ungeheuer Verwerfliches. Vom jüdischen, wie vom menschlichen, ja sogar vom wissenschaftlichen Standpunkt gibt es mit durch äußerliche Merkmale, die aber auch mit der Zeit verschwinden, verschiedene Rassen. Im übrigen ist Mensch, was nur Menschenantlitz trägt. Die Menschen können wohl miteinander in Streit geraten, aber zuin Rassenhaß und zur Rassenverachtung der Rassenunterschiede wegen ist kein stichhaltiger Grund vorhanden. Dennoch beruht die ganze Agitation der deutschen Antisemiten auf Rassenhaß und Rassenverachtung. Denn daß in der Hauptsache Brotneid und Mißgunst die Motive sind, geniert man sich einigermaßen einzugestehen. Und wie wird aus dieser ebenso unreligiösen wie inhumanen Grundlage gehetzt! Neulich wurde die antisemitische Hetze mit der Vergiftung des Volkes durch Verabreichung von Opium verglichen. Ein antisemitisches Blatt hat sich sehr getroffen gefühlt und war über den Vergleich höchst aufgebracht. Welches sind aber die Wirklingen gewohnheitsmäßigen Opiumgenusses? Die Leute werden berauscht, verdummt, entnervt, demoralisiert, schließlich vertiert und zu allen Verbrechen fähig gemacht. Genau dieselben Wirkungen haben die Rasfenhaßartikel, gleichviel ob sie sich in Rußland oder anderswo gegen Juden, oder in Kalifornien gegen Neger, Chinesen und Japaner richten. Oder meint jemand, .daß die fortgesetzte Auffrischung des Blutmärchens, das ewige Verautwortlichmachen 'der Juden für alle möglichen Verbrechen und Unglücksfälle in der ganzen Welt die Leser nicht verdummt, die Verbreitung von Pücklerschen Hetzreden das Volk nicht demoralisiert? Waren etwa die Russen und Rumänen, die unter geistiger und persönlicher Führung von antisemitischen Größen Frauen schändeten, Kinder zerstückelten. Sterbende verstümmelten und sie einen hundertfachen qualvollen Tod sterben ließen, nicht Geschöpfe, die man mit Tieren eigentlich nur vergleichen kann, wenn man die Tiere beleidigt? Wahrlich, es wäre höchste Zeit, daß man, gewitzigt durch die von den Rassenhetzen drohenden Gefahren kleinen wie allergrößten Maßstabs, den Rassenhaß in Kulturländern ebenso in die Rumpelkammer würfe wie den Religionshaß. Ja, ersterer gehört noch weit eher in die Rumpelkammer. Der Religionshaß florierte im Mittelalter, der Nassen- und Fremdenhaß im grauesten Altertum. Der Rückfall in dieses gereicht unserer Kultur zur Schmach und muß Ausschreitungen der gelben wie der schwarzen Rasse provozieren, jedenfalls ihnen zur Entschuldigung dienen. Denn die Kultur verpflichtet noch mehr als der Adel. Dir Woche. Berlin, 28. Oktober, ie deutschePresse hat — bis auf die junkerlich-antisemitischen Blätter — den Bestrebungen des Verbandes derde ntschen Inden gegenüber sich zustimmend ausgesprochen. Sehr amüsant ist es, daß die „Staatsbürgerzeitung" den Anlaß für geeignet hält, um an den fünfundzwanzigjährigen Gedenktag der berüchtigten Antisemiten-Petition zu erinnern, von der nur verschwiegen wird, daß Bismarck den Urhebern gestattete — sie beim Portier abzugeben! In dieser Petition waren vier Forderungen ausgestellt: 1. Verbot der jüdischen Einwanderung; 2. Ausschluß der Juden von allen autoritativen Stellungen; 3. christliche Volksschule, Ausschluß jüdischer Lehrer; 4. Wiederaufnahme der amtlichen Statistik. Die Petition hat einen Einfluß auf die Gesetzgebung nicht zu üben vermocht, aber ihre Forderungen sind leider auf administrativem Wege mehr oder minder erfüllt worden. Das ist das weniger Amüsante an dieser Reminiszenz. Wenn also die Antisemiten ausrufen: „Verwaltung bleibe fest", so gilt für uns das gleiche, festzubleiben auf dem Standpunkt unserer verfassungsmäßigen Rechte, die uns auf die Dauer nicht vorenthalten werden können. Eine der Resolutionen des Frankfurter Verbandstages, nämlich die über die Nichtgewährung der inländischen

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