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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-01 · Heft 44 (1.11.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 1. November 1907. MM 71. Jahrgang. Nr. 44. Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsst-llen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Hetattcuv: (Sttftav Hatpeles. Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Line seitgetchichtljche Lektion. Berlin, 29. Oktoberie man weiß, tun sich die Antisemiten viel darauf zugnt, daß sie die Inden hassen und verfolgen nicht wegen ihrer Religion, sondern wegen ihrer Rasse. Inder Tat ist das der einzige Gedanke, den die Antisemiten überhaupt gehabt haben. Sie wußten gar wohl, daß mit religiöser Feindschaft bei der zunehmenden Gleichgültigkeit einerseits und der Verbreitung schönerer und erhabenerer Vorstellungen von der Gottheit anderseits in Kulturländern nicht viel auszurichten ist. Aus diesem Grunde erfanden sie die nicht existierende „semitische Rasse", auf die sie als angebliche Abkömmlinge einer auch nicht existierenden höheren arischen Rasse herabzusehen sich berechtigt fühlen. Wir müssen gestehen, daß, niederträchtig wie religiöser Haß auch sein mag, er im Vergleich zu den von den Antisemiten bevorzugten und gepredigten Rassenhaß fast eine Tugend ist. Schon deswegen, weil man für seine Religion, nicht aber für seine Rasse etwas kann, weil man wohl aus seiner Religion, nicht aber aus seiner Haut heraus kann. Was auch im Namen der Religion besonders den Inden gegenüber gesündigt worden ist, es ist nichts im Vergleich zu dem, was im Namen des Antisemitismus gegen die Inden gesündigt werden würde,, wenn die Antisemiten tun könnten, wie sie wollen, wenn nicht die antisemitische ebenso wie die anderen in der Menschenbrust schlummernden Bestien, durch die Staatsgewalt niedergehalten würde. Man hat es in Rußland mehr als zur Genüge gesehen. Es fügt sich nun so, daß die jüngsten Vorgänge in der Welt vortrefflich gezeigt haben, wie unglaublich wenig zum Stolz auf seine Rasse gehört, wie gefährlich der Rassenhaß ist und werden kann, und wie der Rassenstolz überall mit denselben verwerflichen Mitteln operiert. Der nächste große Krieg, zu dem sich die beiden jüngsten Großmächte trotz aller Ableugnungen offenbar schon rüsten, der, wenn er zum Ausbruch kommt, ein ganz besonders furchtbarer zu werden verspricht, wird seinen Grund haben im Rassenstolz und Rassenhaß. Die Kalifornier sind zu stolz auf ihre Rasse, als daß sie dulden könnten, daß ihre Kinder mit japanischen dieselbe Schule besuchen. Ueberhaupt halten sie die japanische Rasse für eine so inferiore, daß man deren Angehörigen das Land ganz und gar verbieten sollte. Und darmn droht über kurz oder lang ein Krieg zwischen Japan und den Vereinigten Staaten auszubrechen. Wer sind nun diese rassestolzen Kalifornier, deren Stolz auf ihre Herkunft die Welt mit einem furchtbaren Kriege bedroht? Die meisten sind Goldsucher gewesen oder die Kinder, höchstens Enkel von Goldsuchern. Man kennt das Gesindel, das sich nach Goldfeldern drängt; es ist der Abschaum aller Länder der Erde. Fast noch schlimmer als diese Abenteurer ist das Heer jener, die hinkommen, das Gold ihnen mit den infamsten Mitteln abzunehmen. Und solche Leute und deren Nachkommen bilden die Aristokratie Kaliforniens, die zu stolz ist, mit Japanern etwas zu tun zu haben. Wie jener Brave, der absolut nichts gewesen, stolz darauf war, „Zeitgenosse" zu sein, so sind Leute, die ganz und gar nichts haben, worauf sie stolz sein können, anscheinend überall stolz darauf, einer Rasse anzugehören. Nicht zum wenigsten an den Kaliforniern kann man erkennen, wie unglaublich wenig dazu gehört, Rassenstolz zu besitzen. Nun könnte man sich ja allenfalls auch den noch so lächerlichen Rassenstolz gefallen lassen, wenn er verhältnismäßig harmlos wie der Bettelstolz wäre, nicht aber andere Rassen zu hassen, zu verachten, zu verfolgen für seine erste Pflicht hielte. Der Rassenhaß vollsührt nur Böses, Böses 6N detail, das heißt durch Kränkung und Benachteiligung einzelner, und Böses en gros durch Verfolgung ganzer Völker, mit denen Krieg bis aufs Messer geführt wird. Die Lächerlichkeit des Rassenstolzes und die Blödheit des Rassenhasses machen sich besonders kraß bemerkbar in dem Fall der Kalifornier und Japaner. Das japanische Volk ist infolge der mehrtausendjährigen Abschließungspolitik, die noch unterstützt wurde durch die insulare Beschaffenheit des japanischen Reichs, nämlich ebenso ungemischt, wie das amerikanische Volk im allgemeinen und das kalifornische obendrein aus möglichst schlechten Bestandteilen gemischt ist. Das japanische Volk hat zudem durch seinen Entschluß, die abendländische Kultur zu übernehmen, durch die Energie und die Konsequenz, mit welcher es den Entschluß durchführte, durch die unglaublichen Erfolge, die es in Krieg und Frieden auf den neuen Wegen erreicht hat, durch außerordentliche Leistungen und Tugenden reichlich bewiesen, wie ungemein tüchtig es in jeder Beziehung ist. Und dieses geradezu großartige Volk ist den Goldgräbern von gestern und allenfalls von vorgestern nicht gut genug, um es bei sich ehrlich arbeiten, um die Kinder ihre Schulen besuchen zu lassen. Die Protzen von San Francisco behaupten allerdings, daß die Japaner in allen Verbrechen und Lastern Meister seien, und geben vor, zu fürchten, daß sie selbst infiziert werden könnten. Nun muß man wiederum wissen, daß San Francisco eine der leichtlebigsten und lasterhaftesten Städte der Welt ist, daß die biederen Bewohner in dieser Beziehung eher lehren könnten als zu lernen brauchten. Aber ähnliches behaupten alle

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