Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-25 · Heft 43 (25.10.1907) · p. Seite 515

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228788--63920-3297858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Boulevard. Ein kurzes Gespräch mit diesem oder jenem, der vor seiner Tür stand, ersetzte ihm den Klub und die Zeitung. Endlich hörte er doch irgend eine Neuigkeit oder sah ein Stück blauen Himmels und zur Sommerszeit sogar zwei grüne Bäume, die einzigen, die gegenüber in dem Garten des Fleischers standen und sich freundlich über die morsche, windschiefe Planke zu ihm herüberneigten. Und stieg dann zufrieden die steile, hölzerne Treppe hinauf; und wenn er die Tür seines Stübchens hinter sich verschlossen hatte, da lag auch die Welt mit ihrem Lärm, ihren verächtlichen Sorgen, ihren lächerlichen Wichtigkeiten hinter ihn, und die Poesie kehrte bei ihm ein, ein Feenkind in Lumpen gehüllt. Er besaß nämlich zwei wirkliche, zwei ganze Bücher — nein, um mich keiner Uebertreibung schuldig zu machen, so fehlte bei dem einen doch ein Teil des Inhaltsverzeichnisses, und von dem zweiten waren die Deckel und der Titel herabgerissen, aber es fehlte kein Vers, und das war für ihn die Hauptsache. Diese beiden Bücher waren Schillers Gedichte und Goethes Faust, und diese beiden Bücher waren auch die einzigen, die er je, außer der Thora und dem Gebetbuch, der Tchine, gelesen hatte. Der blasierte Weltmann in Paris oder Wien, der bei einer Sensationskomödie in seiner Loge gähnt, die polnische Dame in Krakau oder Lemberg, die in ihre Pelzjacke geschmiegt, auf ihrer Ottomane ausgestreckt, den neuesten Pariser Roman verschlingt, sie ahnen es nicht, was in dem kleinen ostgalizischen Neste, in dem es nicht einmal eine Buchhandlung gibt, für den armen Juden ei» zerrissenes, abgegriffenes Buch ist, und erst ein Buch wie der Faust.. Es ist für ihn kein angenehmer Zeitvertreib, sondern ein ganzer Himmel voll goldener Sternenschrift, eine grüne Bergwiese, mit duftenden Blumenbuchstaben bedeckt. Für ihn ist der Poet noch ein Magier, der sein kleines Stübchen mit wunderbaren Gestalten, Göttern und Helden, bevölkert. In diesem Stübchen steht ein ärmliches Bett an der Wand, oder eigentlich zwischen beiden Wänden eingezwängt, und wenn Barom zur Ruhe gehen will, muß er über die Bettwand in dasselbe steigen. Ueber dem Bette ist ein Stahlstich aus einem alten Taschenbuch, eine stolze Dame in Hermelin vorstellend, mit einer roten Oblate aufgeklebt, über dem kleinen Tische, der keine Lade und nur drei Beine hat und bereits in der Fensternische steht, sieht man das Porträt Kosziuskos. Es befindet.sich auch noch ein Stuhl in dem Stübchen und diesem fehlt kein Bein. An der Türe hängt auf drei Nägeln die gesamte Garderobe Baroms. Auf dem Fenster liegen die beiden Bücher, in blaues Zuckerpapier gewickelt, und steht ein großer Resedastock. Wenn Barom sich vor seinem Tische niedersetzt, muß er wohl acht geben, daß er nicht mit dem Rücken allzu heftig an die Wand stößt und das ganze hölzerne Haus in seinen Grundvesten erschüttert; dieselbe Vorsicht muß er gebrauchen, wenn er einen anderen Rock anziehen will, Es ist auch keine Kleinigkeit, sich in dieser Behausung umzukehren. Es gehört vor allem kaltes Blut, dann aber auch Scharfsinn und einige Uebung dazu, um dies gefahrlos zuwege zu bringen. Barom muß vor allem vorsichtig den Stuhl unter den Tisch schieben, dann die Arme stramm an den Leib legen, wie ein Soldat bei der Musterung, und sich dann langsam wie eine Windfahne um sich selbst drehen. Wenn er abends heraufkommt, entzündet er zuerst in dem kleinen eisernen Ösen, der zwischen dem Bette und dem Tische steht, ein mäßiges Feuerh denn ein Spänchen zuviel und er würde in seinem Stübchen wie ein Hühnchen in der Bratröhre stecken. Es ist merkwürdig, was ihm alles dazu dient, seinen Ofen zu heizen, da gibt es alte Rechnungen, zerrissene Düten, gebrochene Faßreifen, schadhafte Kisten, Reste von Schachteln und Holzgeschirr, Lorbeerzweige, Stroh und schmutzige Watte. Das gibt ein lustiges Feuer, und Barom fitzt lange auf seinem Stuhl und sieht es vergnügt an, denn er hat immer nur ein kleines elendes Stümpfcheu Talglicht und muß damit sparen. Er braucht einige Zeit, ehe er sich entschließt, sich vorsichtig umzudrehen und seine Zigarre zu nehmen, die zärtlich in feines Silberpapier eingewickelt auf dem Fenster neben den beiden Büchern liegt. Er raucht für sein Leben gern, denn der Tabak verleiht dem ganzen Raume so einen eigentümlich kräftigen Duft, und in den blauen Wölkchen, welche zur niederen Decke emporsteigen, kann man allerhand beobachten und sogar Gestalten entdecken, wenn man nur will; aber Barom hat stets nur einige Kreuzer, die er ausgeben kann, er sendet alles seiner alten, halbblinden Mutter in Kulusch und so kaust er sich jede Woche, ehe der schöne Stern, der den Sabbatanfang verkündet, am Himmel erscheint, eine gute Zigarre, und diese teilt er sorgfältig mit Hilfe eines Stückchens Kreide und eines Maßslabes, den er sich ausschließlich zu diesem Zwecke angefertigt hat, in sechs Teile ein, und an jedem der sechs Wochentage — denn am Sabbat ist ihm das Rauchen nicht gestattet — raucht er sein bestimmtes kleines Stückchen herab, mit einer stillen Wonne, die Könige und Millionäre um keinen Preis zu kaufen imstande wären, verlöscht dann die Zigarre und wickelt sie wieder sorgsam in das feine Silberpapier und legt sie auf das Fenster zurück. Im Sommer blickt er statt in das freundliche Feuer durch das Fenster auf die Dächer und Gärten hinaus. Er ist so glücklich, wenn er die Sterne langsam am dunkeln Himmel Heraufziehen sieht, wenn ein tiefes Rauschen durch die Bäume geht. Eine Katze, die längs der Dachrinne promeniert und ein leises Miauen ertönen läßt, genügt, um ihn auf das höchste zu belustigen. Die frische Luft, der Duft der Blüten, das Plätschern eines Brunnens in der Abendstille sind für ihn Dinge aus einer goldenen Märchenwelt, und erst wenn sich der volle Mond über einem Schornstein oder zwischen de» Wipfeln der Pappeln erhebt und die flachen Dächer in seinem Lichte wie silberne Seen erglänzen und die Nachtigallen in den Gärten zu singen beginnen! Und hat er sich satt gesehen an Himmel und Bäumen oder an den Flammen des winterlichen Feuers, und hat er seine Zigarre, sein Sechstel Zigarre geraucht, dann zündet er sein Stümpfchen Talglicht an, das in einem ausgehöhlten Erdapfel steckt, oder er zündet es auch nicht an, sondern liest beim flackernden Feuer oder dem geisterhaften Lichte des Mondes, bald leise in sein Bllch versunken, bald mit eifrigem Gemurmel oder plötzlich, von seinem Gegenstände oder der Schönheit der Sprache hingerissen, laut und mit jugendlicher Extase. Und er liest die beiden Bücher Abend für Abend und immer wieder, obwohl es keinen Vers darin gibt, den er nicht kennt, ja den er nicht auswendig weiß, und nicht selten kommen ihm die Tränen und ersticken seine Stimme, und wie oft küßt er sein Buch und schließt es zärtlich an sein Herz! * * Aber auch unter Tags spukt die Poesie ab und zu wie ein gutmütig verschmitzter Hausgeist in dem Kaufmannsgewölbe unten zwischen Rosinen und Mandeln, Elle und Wage. Zwei Juden in Snyatin prvponieren Godel Mund ein gemeinsames Unternehmen. Der geriebene Kaufmann erkennt sofort die Vorteile desselben und beauftragt Barom, den Geschäftsfreunden seinen Beitritt zu melden. Barom tut es und schließt seinen Brief:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.