Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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514 bedienen und eine Ehrenpforte errichten lassen. Wir haben im Fürstentum alle rückständigen Zölle und Abgaben erlassen; Wir haben ihm auch diese Kupfertafeln verliehen, damit er keine Abgaben an den königlichen Hof zu zahlen hat, wie die anderen Einwohner, und damit er alle Vorteile genieße wie diese. Diese Rechte verleihen Wir dem Josef Rabban nebst zweiundsiebzig anderen Eigentumsrechten; Wir verleihen ihm die Regierung über sein Volk, das verpflichtet ist, ihm zu gehorchen, ihm und seinen Nachfolgern, den männlichen und weiblichen Kindern, die ihm geboren werden, seinen Neffen und den Schwiegersöhnen, die seine Töchter heiraten. Wir haben ihm Anjuvanam als erbliches Eigentum gegeben, solange die Sonne die Erde bescheint- Diese Urkunde ist ausgestellt worden in Gegenwart der Könige von Vennad, Venapalinadu. Eralanadu, Vallunadu, Redumpurn Jyurnadu und des Mnrkan Ehatan, des Unterbefehlshabers der Truppen. Geschrieben durch den Sekretär Kalembi Kelapnr. Und da Parnmpadapa der Radscha von Cochin, unser Thronfolger ist, wurde sein Raine nicht unter die Vorgenannten aufgenonnnen. Gezeichnet: Bhaskara Ravi Burma König der Könige von Malabar." Das ivar also gewissermaßen die Gründung eines Königreiches der Juden iin südlichen Indien, und sie erfreuten sich desselben auch Jahrhunderte hindurch, besaßen in Cranganore ihre Hauptstadt und erwarben große Reichtümer, bis im Jahre 1524 der Zamorin (König) von Calicut die Mohammedaner allf sie hetzte. Die wilden, beutesüchtigen Muselmanen Plünderten ihre Wohnungen, machten einen großen Teil von ihnen nieder und vertrieben sie aus dem Lande. Die Portugiesen nahmen sie in Cochin auf, und seither blieben sie in dieser Stadt, ohne daß es ihnen gelungen wäre, wieder Reichtümer anzusammeln. Die Synagoge, in der ich mich befand, wird von einer hohen, starken Mauer umschlossen und von einem alten, ruinenhafteu Turm flankiert. Das Innere zeigt kahle, weißgestrichene Wände; von der Decke hängen eine Anzahl augenscheinlich sehr alter Kristallustres von eigenartiger Form, lind der Fußboden ist mit weißen, blau ornamentierten Porzellanziegeln bedeckt, die ich sofort als chinesische erkannte. In der Tat erzählte mir der Rabbiner, sie wären vor mehreren Jahrhunderten in China angefertigt und mit großen Kosten zur See nach Cochin als Geschenk für den Radscha gebracht worden. Dieser hätte sie, als für einen strenggläubigen Hindu unverwendbar, den Juden überwiesen. In der Mitte der Synagoge erhebt sich eine von einem kostbaren Bronzegitter umschlossene Kanzel, und ihr gegenüber, am anderen Ende des Raumes, ein Tabernakel mit kunstvoll ornamentierten Bronzetüren, gewöhnlich von einer goldgestickten Scidendecke verhüllt. Der weißbärtige alte Rabbiner schloß das Heiligtum ans und zeigte mir mit sichtlichem Stolz die goldenen, mit Edelsteinen befehlen Tiaren, augenscheinlich aus uralten Zeiten stammend, die aber bei festlichen Gelegenheiten noch heute getragen werden. Dann holte er ans seidenen Umschlagtüchern ebenso alte Bücher und schwere, armlange Silberkapseln hervor, in welchen sich vergilbte Pergamentrvllen, mit hebräischen Schriftzeichen bedeckt, befinden. Heute noch wird den Kindern der kleinen, nur mehr an tausend Seelen zählenden Judengemeinde die hebräische Sprache gelehrt, und als wir in einen Saal nahebei traten, sah ich die Jungen, mit untergeschlagenen Beinen auf Matten sitzend, ihren Talmud lernen, indem sie dabei ihren Oberkörper hin und her bewegten, ganz wie die Kinder der Mohammedaner in der Levante. An das Stadtviertel der weißen Juden schließt sich jenes der schwarzen, aber die Trennung ist so scharf, daß sie sogar jeden Verkehr miteinander vermeiden. Um ihre Rasse rein zu erhalten, lassen die meisten Juden Bräute für ihre Söhne oder Gatten für ihre Töchter lieber aus Palästina oder Europa koinmen, ehe sie sich mit den gehaßten „schwarzen" Juden vermengen, obschon diese, wie bemerkt, keineswegs schwarz sind, sondern ihre etwas dunklere Hautfarbe wohl nur durch Vermischung mit Hindu- oder Tamilenblut bekommen haben. Bei beiden ist die Verkehrssprache das an der ganzen Südwestküste übliche Malayalam, der Religionsdienst geschieht aber in hebräischer Sprache. Die schwarzen Juden haben auch ihre eigene Synagoge, der geschilderten ähnlich, nur von ärmlicherer Ausschmückung. Sie selbst behaupten die unmittelbaren Nachkommen der ersten Judeneinwanderer aus Salomos Zeiten zu sein, und nach ihrem rein jüdischen Gesichtstypus zu schließen, dürften sie sich in der Tat nicht viel mit den schwarzen Eingeborenenrassen vermengt haben. Jenseits Matantscheri, am äußersten Nordende der schmalen Halbinsel, liegt noch ein zweiter, halb portugiesischer, halb holländischer Stadtteil, mit alten, bemoosten Häusern von mehreren Stockwerken und kühlen, feuchten Wohnräumen, das eigentliche alte Cochin aus der ersten Zeit der europäischen Invasion. Hier war es wohl, wo die europäischen Vizekönige und Admirale wohnten, und wo auch Vasco de Gama am Weihnachtstage des Jahres 1524 starb. Sechs Jahre machte der heilige Franziskus lavier, der Apostel Indiens, Cochin zu seinem Hauptquartier. Die Jesuiten folgten ihm und errichteten in Cochin im Jahre 1577 die erste Buchdruckerei in Indien. Cochin versprach eine der Hauptstädte des riesigen Reiches zu werden, besonders als im 17. Jahrhundert die Holländer zu Herren von Cochin wurden. Ihnen folgten aber die Engländer, mit dein Aufblühen von Bombay ging Cochin allmählich zurück, und Handel und Wandel liegt heute wieder in den Händen der Hindus und Juden. SSW Von Fenster zu Fenster. Von Leopold v. Sacher-Masoch. III. jfjom frühen Morgen bis zum späten Abend hinein lebte Barom nur im Geschäft; zwischen dem Abwiegen von Reis und dem Abmessen von Barchent schlang er rasch sein Essen hinab; nie war ihm unter Tags ein Atemzug frischer Luft gegönnt, und er konnte sich nur dann, wenn er einen Brief oder ein Konto zu schreiben hatte, für wenige Augenblicke niedersetzen. Er legte zwischen der Tür des Gewölbes und jener des Magazins täglich seine drei deutschen Meilen oder mehr zurück, er stand hinter dem Ladentisch und sprach und gestikulierte, schwor hundert Eide von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, drehte fünfhundert Düten und bückte sich vielleicht tausendmal, er beschrieb den Ladentisch und verlöschte die weißen Kreidezahlen, um wieder neue hinzuschreiben; er rollte die Stoffe wieder auf und zu, es gab keine Lade, die er nicht ein Dutzendmal öffnete; ununterbrochen rasselte die Wage, klapperte die Elle, erklangen die Blechmaße. Erst wenn die Tür des Gewölbes gesperrt war, ging Barom hinaus vor das Haus und ein paarmal die Straße auf und ab; diese schmutzige Straße mit den rauchigen Häusern war seine Ringstraße, sein