Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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513 entwickeltes, zur Blüte gelangtes Judentum, und es steht der Frucht seltsam an, wenn sie sich gegen den Zweig wendet, an dem sie wuchs. Henry Ward Beecher. Oscar Straus ging nach Konstantinopel und hatte dort alle Befugnisse eines Geschäftsträgers. Und das muß man sagen, alle in Wirklichkeit, keines nur auf dem Papier. Da wir von Diplomaten sprechen, so sei von einem eine Geschichte erzählt, die unseren Fall berührt. Er war auch Jude, und es gelang ihm, die Vereinigten Staaten in dem Gesichtskreis des internationalen Rechts als eine „nichtchristliche" Nation erscheinen zu lassen. Es geschah dies im Hafen von Tripolis, der geistvolle Diplomat hieß Mordecai Noah, unser erster Geschäftsträger in diesem Staat. Es war im Kriege von 1812, und ein stolzes amerikanisches Handelsschiff brachte einen englischen Kauffahrer angeschleppt, den es soeben gekapert hatte. Der Amerikaner beantragte beim Hafengericht seine Prise als solche anerkannt und ausgelöst zu sehen. Der englische Geschäftsträger, ein Lord X., intervenierte. Er hielt den Vertrag, den England mit den Berberstaaten geschlossen hatte, dem Bey unter seine hochfürstliche Nase. Er kam zum Schluß, daß des Beys Häfen nicht benutzt werden dürften, um in ihnen englische Schiffe als Prisen erklären zu lassen, sobald sie in einem Kriege zwischen England „und einer andern christlichen Nation" gekapert seien. Darauf vollführte der amerikanische Beauftragte eine glänzende Tat. Er gestand Kraft und Gültigkeit des zwischen England und dem Bey geschloffenen Vertrages zu, aber er bestritt seine Anwendbarkeit auf den vorliegenden Streitfall. Zum Beweise zog er die Verfassung der Vereinigten Staaten heraus. Er bewies dem Bey, daß bei ihm zu Hause auf Grund dieser Urkunde Jude und Heide, Türke und Hindu, Chinese und Christ, alle auf derselben Rechtsgrundlage ständen- Wie aber dürfte Amerika dann eine christliche Nation genannt werden, da es doch gleiche Privilegien jedermann zugestand, ohne nach seinem religiösen Bekenntnis sich zu erkundigen. Der Bey sah, worauf es ankam und hakte da ein. Er sah und hakte um so lieber ein, als er durch die Prisenerklärung in dem beantragten Prozesse 20 Prozent der Prise für sich beanspruchen durfte. Der Brite wurde verurteilt und zahlte, der Bey bekam das Seine, und wir, wir behielten nunmehr unfern Platz als ein Volk außerhalb religiöser Schranken, als eine „nich tchristliche Nation". Das, was ich eben erzählte, ist schon lange, lange her, aber es ist noch wahr, und es fand seine Bestätigung durch die letzte bemerkenswerte Ernennung eines Fremden zum amerikanischen Minister. Was das Dezernat für Handel und Gewerbe anbetrifft, was für eine Stelle es als Teil der Regierung einnimmt, und welche Macht sein Minister ausübt, welche Pflichten er hat, lasse ich Oscar Straus selbst berichten. Als wir vor nicht langer Zeit diese Frage aufrollten, äußerte er sich wie folgt: „Das „llureau ok 6orporation" hat die direkte Oberaufsicht über die großen vergesellschafteten Unternehmungen unseres Landes. Es darf ihre Geheimnisse erforschen, ihre Bücher prüfen und das Schlechte ans Licht der Oeffentlichkeit bringen. Seine Machtsphäre ist unumschränkt und unbestritten. Doch ist es nicht etwa dazu bestimmt, die Gebäude des Handels niederzureißen, nur da darf es dies, muß es aber auch, wo sie das Gesetz verletzen und die Bedingungen des freien Wettbewerbes vernichten. Bis auf diesen Fall ist seine Aufgabe durchweg aufbauend; es hilft bei der Ausbildung des Erwerbslebens auf Grundlage der Billigkeit und des für alle gleichmäßig bestehenden Gesetzes. Die einzige Aufgabe, die ich mir gestellt habe, ist, allen in gleicher Weise die Tür des freien Wettbewerbes zu öffnen." Das ist das Motto von Strauß und es klingt in seiner wahren Rechtschaffenheit überein mit dem Ruf, den Oscar- Straus genießt, und der der eines braven, überlegten und geraden Mannes ist. Cochin und die weißen und lchwar?rn Inden von Indien. Von Ernst von Hesse - Wartegg. II. ei meinen Wanderungen durch die engen Straßen, von denen nun die Rede sein soll, sah ich nichts als Juden, Männer mit langen bärtigen Gesichtern und charakteristischen scharfgebogenen Nasen, ähnlich gekleidet wie ihre Glaubensgenossen in Jerusalem; in den Türen, auf den Treppenstufen, an den Fenstern Mädchen und Frauen und Kinder, die neugierig dem europäischen Wanderer nachblickten, alle von demselben Typus wie in Palästina, in bunter Kleidung, mit reichem Goldschmuck an Hals und Armen, die Gesichtsfarbe von ähnlicher Weiße wie bei Europäern. Am Ende des belebtesten Gäßchens steht eine Synagoge, überhöht von einem Turme, und jenseits liegt ein zweites Judenviertel, anscheinend etwas ärmlicher als das erste, mit Bewohnern, deren Gesichtsfarbe eine Schattierung dunkler ist, wie Mulatten im Vergleich zu Weißen. Wie kamen diese vielen Juden hierher nach Cochin? Tatsächlich befand ich mich in einer der ältesten Judengemeinden der Erde. Denn sie wurde schon zur Zeit König Salomos gegründet! Der Tradition nach wanderten ihre Vorfahren nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Titus hierher aus. Sie wurden von den Fürsten Süd-Indiens mit Wohlwollen ausgenommen. erhielten wertvolle Vorrechte und gründeten in verschiedenen Städten kleine Kolonien, von denen jene am Cranganoro die bedeutendste war. Durch Fleiß und Sparsamkeit erwarben sie sich im Laufe der ersten Jahrhunderte ansehnliche Vermögen, ja ihr Einfluß war im fünften Jahrhundert so groß geworden, daß ihnen einer der Könige von Malabar ein eigenes Fürstentum, Anjuvanam, mit den ganzen Einkünften desselben abtrat und ihren Führer Joseph Rabban zum Fürsten erhob. Als ich unter Leitung des Rabbiners die Synagoge der „weißen Juden" besuchte, zeigte er mir die kostbaren uralten Bronzetafeln aus jener Zeit, welche diese Tatsache registrieren. In deutscher Uebersetzung lauteten die Inschriften folgendermaßen: „Heil! Wohlstand! Das folgende Geschenk wurde von ihm gemacht, welcher den Namen „König der Könige" angenommen hat, von Seiner Majestät dem König, dem glorreichen Bhaskara Ravi Burma von Malabar, zur Zeit, als er über viele hunderttausende von Plätzen regierte, in dem sechsunddreißigsten Jahre Unseres Lebens und im zweiten Jahre Unserer Regierung, an dem Tage, an welchem wir uns gnädigst in Murigakoli aufhielten: Wir haben dem Joseph Rabban die Ortschaft Anjuvanam (Cranganore) gegeben, mit all ihren Einkünften und ihm die folgenden Vorrechte verliehen: Er soll sich aller Ehrungen erfreuen, er darf auf Elefanten urld Kamelen reiten und sich uns in Zeremoniell nähern; er darf seine Titel durch Herolde verkünden lassen und sich einer Lampe bei Tage bedienen; er darf sich ein Tuch ausbreiten lassen, um darauf zu gehen, und Musikinstrumente spielen lassen; er darf sich eines Traghimmels, eines Ehrenschirmes, eines Tragstuhle-