Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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512 Und trotzdem wird ihm niemand einen Abfall oder auch nur Absonderung von seinem Glauben Nachweisen. Er ist Jude und stolz, Jude zu sein. Und er weiß gute und kluge Worte über das Judentum zu sprechen, die seine Stellung hinreichend präzisieren. So kürzlich: „John D. Rockefeller oder.Andrew Carnegie ist jeder für sich reicher, als alle reichen Juden Amerikas zusammengcnommen. Der Jude ist, mag die Welt urteilen, wie sie will, ein von geistigen Interessen beseelter Mensch. Er gibt viel weg und stiftet viel und deshalb wird sein Reichtum vielfach übertrieben dargestellt. Vor allen Dingen soll er „der Kaufmann" sein; aber die ihn so beurteilen, gleiten darüber hinweg, daß er in seiner Berufswahl nicht frei war. Europa verjagte ihn aus der Landwirtschaft. Das Handwerk und die Industrie wurden ihm verschlossen. Meine Familie bestand aus Landbebauern. In Rußland gibt es einen Landstrich, in dem die Juden Handwerker und erfolgreiche Landwirte sind. Verfolgt aber, wie sie waren, gehemmt im Erwerb des zum Unterhalt Nötigen, eingeengt durch Gesetze, die man gegen sie erließ, ihrer Habe beraubt, wurden die Juden geradezu gezwungen, sich den Umständen anzupassen und die wenigen sich bietenden Eriverbszweige zu ergreifen. Weit davon entfernt, der Schacherer von Geburt zu sein, ist er vielmehr der am idealsten denkende Mensch, der lebt. Sie, die jahrhundertelang gehetzt, geplündert und hingemordet wurden, gaben weder ihre Traditionen noch ihre Ideale auf. Wäre er der Materialist, den man ihn immer heißt, er würde längst bezahlt und sich den Frieden erkauft haben. Wenn er sich der griechisch-katholischen Kirche anschließen wollte, würde er in Rußland sicher sein. Aber lieber als er das täte, ginge er in die Hölle. Deshalb halte ich ihn für einen Spiritualisten und Idealisten viel eher, als für materiell und praktisch veranlagt. Sollte ich für eine Familie wählen, die leben sollte, ich ließe sie Härte und Verfolgung erdulden. Sollte aber diese Familie aussterben, ich gäbe ihr Vergnügen und Ueppigkeit. Und so der Jude. Man hat ihm sein Bürgerrecht abgestritten, hat ihm sein Eigentum ffortgenommen, hat ihn gefoltert, gemordet, er ist zäher und langlebiger geworden. Seine Feinde haben ihn gestärkt, haben ihn für den Kampf ums Dasein ausgerüstet, und jetzt ficht er ihn aus, mag ihn das Geschick auch in den fernsten Winkel der Erde verschlagen." Als Straus das „College" verließ, wurde er zum Anwaltsstande zugelassen. Seine Praxis als Rechtsanwalt bedeutet keinen Rekord, sein Geld — er ist nur in bescheidener Grenze, nicht sehr reich zu nennen — erwarb er als Glasindustrieller und als Kaufmann mit seinen Brüdern Nathan und Isidor zusammen, unter der Firma: R. H. Mach & Co. Wenn er es auch versteht, Geld zu erwerben, Erworbenes zu halten, so würde ich doch nicht sagen, daß er eine kühne, angeborene Neigung für den Kampf um Markt und Preis besäße. Er ist, wie er den Juden, ohne an sich zu denken, beschrieb, in den Hauptzügen seines Wesens Idealist. Ich glaube, er ist gern allein, er liebt die Erker, die Bücher. Von Gestalt unbedeutend und schwächlich, mit einer großen vorgebauten Stirn, macht er nicht den Eindruck eines Menschen, der, sei es durch Körperkraft, sei es durch die Vortrefflichkeit seines Geschmacks, für die heftigen Kanipfgebiete der Existenz geeignet wäre. Er ist praktisch. Aber er muß sich überwinden, der Praxis zu dienen. Er würde lieber träumen. Wir lesen ja von Juden allüberall — von Heine in der Poesie und Literatur, von Mendelssohn in der Musik, Josef Israels in der Kunst, von Montefiore in der tätigen Menschenliebe, von Namen über Namen in der Wissenschaft, Philosophie und der höheren Politik. Mit allen diesen würde Oscar Straus aufs glücklichste harmonieren. Daß er so mitten im Getriebe der Welt steht, beruht nur auf seinem Pflichtgefühl, nicht etwa aus Freude am Tohuwabohu oder aus Ehrgeiz, beim Pöbel Erfolge zu erringen. OScar Straus treibt ein strenges Pflichtgefühl, die Stunde zu nutzen, sogut er kann, und dieses Gefühl vergönnt ihm nicht das Alleinsein, das Träumen im Alkoven, zu dem sein innerster Wunsch ihn drängen mag. Er schätzt jede Stunde seines Lebens als ein Etwas von unersetzbarem Werte ein; unermüdlich lebt er dieser Ueberzeugung, indem er mit Thoreau sagt, daß, wer Zeit tötet, die Ewigkeit beleidigt. Und so kommt es, daß man' ihn sich abplackend und schwitzend in einem Bureau des Ministeriums findet, unter solchen Verhältnissen von Tatsachen und Personen, die jemandem, deffen Geist nach feinerer Kost, wie Kunst und Literatur, verlangt, wenig geben können. Die Äuch nicht eben die Phantasie beleben und das Innenleben bereichern. Als er das „College" verlassen hatte und in das Geschäft eingetreten war, wurde Oscar Straus, der — wie oben bemerkt — ein öffentliches Pflichtgefühl besitzt, eines der originellsten und treibendsten Mitglieder der „Civic Federation" (bürgerlichen Vereinigung). Ich kann nichts Sicheres über diese „Civic Federation" aussagen, da ich sogut wie nichts über diese Vereinigung von Altruisten weiß. Die vom Tatsächlichen losgelöste, zugrunde liegende Absicht war zweifellos gut, und wenn es dieser Organisation auch nicht gelllngen ist, ihre reinen und sanften Ziele zu erreichen, so soll man den Grund für dieses Scheitern lieber in dem verbrecherischen, dem Normalen abgekehrten Willen der Menschen suchen, als in irgendeiner Unlauterkeit des hohen reformatorischen Beweggrundes auf seiten dieser Vereinigung. Oscar Straus war erst siebenunddreißig Jahre alt, als jemand seinen Namen Cleveland, der damals Präsident war, nannte, als den richtigen Mann für einen Gesandten nach der Türkei. Cleveland zögerte. Der Mann, der ihn empfohlen hatte, war Henry Ward Beecher, ein überlegter, menschenkundiger Politiker. Ihm entging das Zögern nicht, und so schrieb er in dieser Angelegenheit einen Brief. Dieser Brief verdient es, abgedruckt zu werden, wegen der Gedanken, die er enthält. Er lautet: Brooklyn, 12. Februar 1887. Lieber Präsident! Einige unserer besten Bürger hegen den Wunsch, Oscar Straus zum Geschäftsträger in der Türkei ernannt zu sehen. Was seine Eignung anbetrifft, so herrscht darüber eine Meinung, daß er eine Persönlichkeit und hervorragend begabt ist. Aber ich bin durch eine andere Tatsache interessiert, das ist die, daß er Jude ist. Das bitter kränkende Vorurteil, das in vielen Teilen Europas gegen Juden herrscht, soll in Amerika keinen Stützpunkt finden. Darum sähe ich seine Ernennung so gern, weil er Jude ist. Es wäre eine geeignete Anerkennung für dieses bemerkenswerte Volk, das regen Anteil am Aufblühen Amerikas genommen hat und dessen Begabung. Sittlichkeit und große Freigebigkeit bei allen öffentlichen Bestrebungen für das Wohl des Staates eine solche Anerkennung verdienen und aus der Hand der Regierung auch erhalten sollten. Ist es also nicht Pflicht, in dieser stillen, aber wirksamen Weise den Geist der amerikanischen Regierung kundzugeben, die unter ihrer Obhut Angehörige aller zivilisierten Nationen zählt und die diese alle als Bürger behandelt, ohne sich durch Rücksichten auf Staatsangehörigkeit, Religion oder Rasse leiten zu lassen. Wir schicken Dünen nach Dänemark, Deutsche nach Deutschland. Wir stoßen niemanden zurück, weil er Franzose ist. Warum sollen wir nicht diesen Bestrebungen der Gerechtigkeit ein sie krönendes Zeugnis vom Geiste unseres Volkes ausstellen, indem wir einen Juden nach der Türkei schicken? Die Unwissenheit und der Aberglaube des mittelalterlichen Europas mag die Vorurteile dieses finstern Zeitalters entschuldigen. Wie aber moderne Christen sich von modernen Juden abwenden können, das verstehe ich nicht. Das Christentum selbst zog seine Nahrung aus dem Judentum, die Quellen unserer Religion fließen im Alten Testament. Das Christentum ist ein sort *