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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-25 · Heft 43 (25.10.1907) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 511 (sequence 7)
Language
German
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511 Tod und Unsterblichkeit sich Vereinen! Bor der Front des stattlichen Schulhauses, das seinen Namen zwar nicht trägt, aber von seinem Geiste erfüllt ist, erhebe sich eine schlichte Büste, die den Kopf des Weisen zeigt. Sie halte den Schritt der Vorbeieilenden an und begrüße die Eintretenden. Kein Schnlknabe, der zur Lehranstalt wandelt, ist so arm und so aller Bildungsmittel entblößt, wie er war; darum sei er den Kindern ein Vorbild im Lebenskämpfe. Keiner der Jünglinge, der in diesen Räumen seine Fachbildung beschließt, mußte solche Mühe anweuden wie er, um Deutsch zu lernen; er hat es später nicht nötig, einem fremden Berufe die Stunden abzuringen zur Beschäftigung mit höheren Dingen, darum schaue er voll Ehrfurcht auf den unentwegten Kämpfer. Den Jünglingen und Lehrern ein Muster in edlem Maßhalten und stillem Entsagen, im Erkenneil alles Großen aus der Vergangenheit und der eigenen Zeit, in Heilighaltung der Religion, \:i Ehrung des Vaterlandes. In feinem Zeichen laßt uns siegen! Kaufmann und Staatsmann. Von Alfred Henry Lewis. Beit einigen Jahren besitzen wir in Amerika ein „Department of Commerce and Labor", etwa Ministerium für Handel und Gewerbe. In dieser neuen, in der Handelsgewerbeccke nun sitzt Oscar Salomon Straus, durch Mr. Roosevelt dorthin berufen. Das ist bemerkenswert und bedeutungsvoll, und wenn auch nur aus dem Grunde, weil er der erste Jude ist, dem der Präsident ein Portefeuille anvertraut. So ist es der Mühe wert, Herrn Straus genau kennen zu lernen. Irgendein kriegserfahrener Politiker, dessen Name mir entfallen ist, stellte einst als Leitsatz auf, daß zu einem erfolgreichen Kriege drei Dinge gehörten, nämlich: „Geld, Geld und abermals Geld." Und diese Grundwahrheit sollte nirgends besser bewiesen werden, als in unserer Revolution. Da hatten wir Soldaten, hatten Waffen in Hülle und Fülle: das Geld aber, die einen zu nähren, die andern zu laden, das war mehr als schwer aufzutreiben. So lag die Sache, da setzte der Jude ein, und es begannen vaterländische Gefühle in ihm wach zu werden. Um Robert Morris, den Geldgeber dieses Kampfes, finden wir eine Finanzgruppe geschart, deren Führer Namen wie Ben Levi, Ben Jacobs, Samuel Lyon, Jsaac Moses, Manuel Mordecai Noah, Hyam Salomon tragen und noch manchen Sohn Israels. Diese Männer waren nicht nur mit Rat und Tat bei der Revolution, sondern auch mit ihrem Hab und Gut. So gab allein Hyam Salomon 650 000 Dollar (rund 3120 000 Mark) und ruinierte sich finanziell völlig für die Sache der amerikanischen Freiheitsbestrebungen. Die Engländer mißtrauten seiner politischen Tätigkeit dermaßen, daß sie ihn gefangen nahmen und ins Prevot-Gefängnis in New Jork einsperrten. Später, als er starb, war er ganz arm und hinterließ eine Frau und vier Kinder. Noch auf dem Totenbette war ihm die Freiheit, die er England hatte abringen helfen, Herzenstrost und Herzensfreude. „Ich war reich", sagte er, „und sterbe arm! Aber ich sterbe glücklich! Habe ich es doch erlebt, daß die bürgerliche und die religiöse Freiheit in diesem Lande eine Stätte gefunden haben!" Die Regierung in Washington schuldet heute uoch den Saloinonschen Erben jene 650000 Dollar und die Zinsenmenge, die sich in 130 Jahren aufgetürmt hat. Darüber wird sich aber wohl niemand wundern. Da es für die Juden keine besondere Zählung in diesem Lande gibt, so beruht ein Schätzungsversuch auf schwacher Grundlage. Die Forscher auf dem Gebiet der Bevölkernugsverteilung berechnen die Gesamtzahl der auf der Erde lebenden Israeliten aus 11Hz Millionen. Von diesen leben anderthalb Millionen in Amerika und von diesen 600 000 Israeliten in New Äjork, dem augenblicklichen Wohnsitz von Straus. Oscar Salomon Straus ist am 23. Dezember 1850 iu Otterburg in der Rheinpfalz geboren. Seine Familie zählt Schafzüchter, Gutsbesitzer und Kaufleute zu den Ihren, die mit den Gütern dieser Welt reich gesegnet sind. Sein Vater, Lazarus Straus, war von einem Freiheitsdrang beseelt, den man für seine Zeit und sein Milieu romantisch nennen kann. Diese Bestrebungen brachten ihn bei der deutschen Regierung in revolutionären Ruf. Straus, der ältere, entkam mit dein nackten Leben und war froh darüber. So gelangte er 1852 in dieses Land. Hatte aber die Negierung Straus sein Leben in Sicherheit bringen lassen, da ihr der Wunsch durchaus fern lag, ihn einzukerkern, so griff sie bei seinem Vermögen tun so fester zu, und er kam in das Land der Freiheit und des Mutes, ohne einen Pfennig im Vermögen zu haben. Er ließ sich als Kaufmann in einer engen Straße von Talbottom, einer kleinen Stadt in Georgia, nieder und begann bald wieder in finanziellem Sinne Atem zu schöpfen. Die Straus' sind von hochadligem Geschlecht. Sie gehören dem Stamme Levi an, der der Sohn Jakobs und Leas war. Und das allein ist schon ällerfeinste Abstammung. Ein Ahne der Familie, Jakob den Lazarus, bekleidete zur Zeit Bonapartes eine hohe Stellung. Napoleon war ein großer Eroberer, noch größer war seine Eitelkeit, am hervorstechendsten sein Verstand, und als einen Bestandteil dieser seiner Charakterseite berief er ein großes Sauhedrin jüdischer Notabeln. Das war 1807 in Paris, uitd Jakob ben Lazarus erscheint in ihm unter den hervorragendsten Gestalten. Der Vater unseres Straus, der als erster seiner Familie nach Amerika kam, erwies sich selbst in jeder Hinsicht als so hoher Abkunft würdig. Sein religiöser Standpunkt war umfassend und freisinnig, und dies bewies er dadurch, daß er seinen Sohn Oscar — der jetzt im Kabinett sitzt — in eine Sonntagsschule der Baptisten schickte. Es gab nämlich keine jüdische Gemeinde in Talbottom, und der ältere Straus schickte seine Familie trotz seiner starken jüdischen Religiosität in eine christliche Schule. Als Knabe hielt Oskar Salomon Straus seinen Einzug in New Hork. Wie alle seines Volkes bewegte auch ihn znnächst die Sorge um Erziehung und Bildung. Zuerst Gymnasium, dann die Columbia - Universität, das war sein Erziehungsgang, was die Wissenschaften anbetrifft. Er war von jeher sehr in seine Bücher vertieft und es wird schwer halten, zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean jemanden zu finden, der belesener ist als Minister Straus und dessen Schulbildung besser fundiert ist. Um ihn kennen, aber auch gut kennen zu lernen, muß man ihn in seiner Bibliothek aufsuchen. Der erste Eindruck, den man erhält, ist eine starke patriotische Note. Bilder und Büsten von Washington, Jeffersvn, Lincoln und vielen andern, deren Namen bei Gründung und Aufbau der amerikanischen Nation als erste genannt werden, schmücken in fast überreicher Menge den Saal. Und unter den Büchern da wird man nicht ein lesenswertes vermissen, das über die Geschichte Amerikas, aber auch über die Geschichte und Literatur der Juden erschienen ist. Wie ich schon bemerkte, besuchte Straus als Knabe eine christliche Sonnlagsschule und später als junger Mann eine christliche Hochschule, in der er seine Haupterziehung erhielt.

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