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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-25 · Heft 43 (25.10.1907) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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510 bin, sondern Herr Moritz Mannheimer, der würdige Senior unserer Repräsentaritenversammlung, den die meisten nur als den großen Wohltäter kennen, in dem aber die Näherstehenden die geistige Regsamkeit und das lebhafte Interesse für die Vergangenheit bewundern. Wer den stattlichen, zweckmäßigen und schönen Bau der Knabenschule durchwandert, sich an der praktischen Einrichtung der Klassen-, Seminar- und Konferenzziinmer, an der Behaglichkeit der Wohnraume, der Pracht der Aula erfreut hat, der steigt bei der Besichtigung des Gebäudes zum Schluß auf einen tnrmartigen Anbau und empfängt dort staunend einen großartigen und unerwarteten Anblick: Die ganze Stadt umslutet ihn wie ein Meer, und das Geräusch der Wagen und Menschen, das er hört, könnte man mit dem Brausen der Wogen vergleichen. Es ist ein lauschiger Platz, eben wie eine Insel im weiten Ozean. Von Kirchen und Palästen, von Steinmassen und Plätzen, die trotz des Herbstes noch grün leuchten, zieht sich das Auge unwillkürlich in die Nähe zurück; nebeneinander ist der Sophienkirchhof und der alle jüdische Begräbnisplatz. Ein Wahrzeichen der Toleranz gerade für eine jüdische Schule. Eine Mahnung, daß wie die Toten beider Glaubensbekenntnisse friedlich nebeneinander ruhen, auch die Lebenden sich nicht in Haß verhärten sollen, daß die jüdische Schule kein Ort ist, der Abneigung gegen Andersgläubige hegt oder gar zum Kampfe wider sie auffordert. Zu dieser friedlichen Gesinnung aber mahnt besonders ein pietätvoller Blick auf Moses Mendelssohns Grab. Er regt zu guten Vorsätzen an und stillen Gedanken, aber er schwellt auch das Herz mit Freude über das Gewordene. Als Mendelssohn nach Berlin kam, war von Erziehung jüdischer Kinder kaunr die Rede. Gab es überhaupt jüdische Schulmeister, so waren es Bettler oder Unwissende, erbarmungslose Peiniger der anvertrauten Herde. Verderbtes Hebräisch und elender Jargon, schlechte Manieren und unwürdiges Betragen, das waren die Gaben, die sie besaßen und die sie anderen übermitteln konnten. Von dem Grabe schweift der Blick zurück in das Haus, in den: wir weilen. Eine jüdische Schule deutscher Art. Eine Schule, die Knaben zu deutschen Juden ausbildet, eine Lehrerbildungsanstalt, die jüdische Jünglinge zu deutschen Lehrern umfvrmt, die in nichts, weder in Kenntnissen noch in Betragen, weder in sittlich gefesteter Art, noch in milder Anschauung hinter ihren christlichen Berufsgenossen zurückstehen und sie vielleicht nur in vielseitiger Kenntnis überragen. Ein solches Resultat ist zum Teil Mendelssohns Verdienst. Er war der erste wirklich deutsche Jude, der Sprache und Wissen der Deutschen in sich aufnahm und weiterbildete, dabei die Sitten der Väter treu übte und ihren Glauben vertiefte, ein edler, hoch denkender, innig fühlender Mensch, ein Mann, der vor den Großen nicht bebte und gegen die Kleinen sich nicht hochmütig zeigte. Mendelssohns Name und Andenken ist nicht vergessen, aber kein Stein erhebt sich in Berlin für ihn. Herrscher und Generäle haben ihre prunkenden Denksäulen, Künstler und Schriftsteller stehen auf kahlen Plätzen und in grünen Hainen. Und so gern wir uns vor Goethes und Schillers edlen Häuptern neigen, so verehrend wir die Musikgewaltigen betrachten, deren Melodien uns entzücken und erheben, was bedeuten sie — so ließe sich doch fragen — gerade für Berlin? Gewiß sind wir eher Deutsche als Berliner und beschränken uns nicht, wenn wir den Zoll der Dankbarkeit entrichten, auf die, die aus der Hauptstadt stamme« oder kürzer und länger in ihren Mauern geweilt haben. Aber auch das Berlinische verlangt sein Recht. Als man sich vor wenigen Jahrzehnten rüstete, Lessings Standbild im Tiergarten zu errichten, da dachten die Freisinnigen und Gebildeten gewiß in erster Linie an den Forscher, den kühnen Kämpfer und den Dichter Nathans des Weisen, der ganz Deutschland augehört. Aber manche sahen mit Recht auch auf den, der monatelang ein Berlinisches Blatt redigiert, oft und lange in Berlin sich aufgehalten, eines der wenigen guten und herzerquickenden preußischen Dramen geschrieben, und zwar in einem Berliner Häuschen, von dem man damals nicht glaubte, daß es der pietätlosen Spekulationswut zum Opfer fallen würde. Schon in jenen Jahren wurde die Frage laut, nicht bloß aus dem Munde jüdischer Betrachter: Wo ist für Mendelssohn die Stätte bereitet? Er war sein Freund und ein Deutscher gleichviel. Er förderte die Deutschen wie die Juden. Ein leuchtender Morgenstern, wie Goethe ihn genannt hat. Jahre und Jahrzehntelang war er eine Sehenswürdigkeit Berlins, ja eine Berühmtheit, sein Haus war und blieb der Sammelpunkt der besten Gesellschaft, ein Stelldichein für alle Fremden von Bedeutung, für alle bedeutenden Fremden, die nach Berlin kamen. Aber erscholl diese Frage in jenen frohbewegten Tagen zum erstenmal? Nein! Zweimal schon war sie aufgeworfen worden. Als bald nach dem Tode Mendelssohns die Klage um seinen Verlust gleich groß war mit Erkenntnis von seiner Bedeutung, bildete sich ein Komitee, um ihm, freilich in Gemeinschaft mit Sulzer und Lambert, ein Denkmal zu errichten. Diese Nachbarschaft erdrückte ihn; die Ungunst der Zeiten, die Abneigung der Großen trat dazu, — der Gedanke wurde nicht verwirklicht. Als das herrliche Denkmal Friedrichs des Großen erbaut wurde, da war es gewiß nicht des Künstlers Schuld allein, daß Mendelssohns Bild unter den Begleitern und Zeitgenossen des großen Königs fehlte. Aber es fehlt damit ein wichtiger Zeuge einer bedeutungsvollen Zeit. Soll eine Bildsäule für Mendelssohn nicht bereitet werden? Sollten wirklich religiöse Bedenken ausschlaggebend sein und den Plan zu hindern vermögen? Vielleicht aber antwortet man, sein Bild steht in Dessau, seinem Geburtsort. Dawider könnte man die Gegenfrage erheben: Was bedeutet für den großen Mann der Geburtsort? Nicht Dessau machtenicht dort erwuchs Mendelssohn zum Weltweisen, den wir verehren. Der wackere Mann, dem er sein Leben dankte und dem er zeitlebens Pietät^ wahrte, sah mit Bewunderung, wenn nicht mit Entsetzen die Entwicklung seines Sohnes, und die Glaubensgenossen des früh aus der Vaterstadt Entwichenen erblickten in ihm nur den Fremden, wenn nicht den Abtrünnigen. Was Mendelssohn wurde, ward er in Berlin und zum Teil durch Berlin. Von hier aus wirkte sein mächtiges Wort, und hier wo seine Asche ruht, möge sein mildes Antlitz über die Menschen der Gegenwart erstrahlen und in die Zukunft schauen. Kein Trutzdenkmal! Nicht aus dem Gefühl der Entrüstung geboren: Ihr habt es nicht gewollt! Ihr wäret vor 125 Jahren zu schwach, den von euch selbst gefaßten Plan auszuführen, ihr bereitetet ihm bei Lessing keine Stätte und entferntet ihn von dein Ehrenplatz zu Füßen des großen Königs, — darum wollen wir es errichten euch zum Hohne! Nicht also! Das wäre unserer nicht würdig und in Mendelssohns Augen eine Schande! Eine schlichte Bildsäule für uns und die anderen! Ein Dankeszoll, den wir errichten, nachdem wir solange die Pflicht verabsäumt haben, ihn zu bezahlen. Eine Ehre für den, durch dessen Vorwürtseilen wir die Höhe erklimmen konnten, auf der wir stehen. In der Nähe des Grabes, damit

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