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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-25 · Heft 43 (25.10.1907) · p. Seite 507

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 507 (sequence 3)
Language
German
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507 Mit den Tiraden des zweiten Blattes, der „Deutschen Tageszeitung" natürlich, brauchen wir uns nicht weiter zu befassen. Das Blatt hat nämlich die Rede von Hermann Lohn gar nicht verstanden, und was es über die Beteiligung der Juden an der deutschen Nationalpolitik nach 1870 schreibt, ist grundfalsch, wie jeder weiß, der diese Zeit miterlebt hat. Wenn etwas die Wahrheit und Gerechtigkeit der Sache, die der Verband mit seinen Resolutionen so mannhaft vertreten, zu beweisen imstande ist. so sind es die lendenlahmen Ausreden, hinter die sich die Gegner dieser Sache verstecken müssen, wenn sie das sichere Unrecht gegen das sonnenklare Recht verteidigen wollen. & Herr Stöcker ist alt geworden und veröffentlicht seine Memoiren. Sie sind, wie man sich denken kann, sehr interessant. Zuweilen allerdings interessanter durch das, was sie verschweigen oder erraten lassen, als durch das, was sie erzählen. Ein Kapitel behandelt den Zusammenstoß des Hofpredigers a. D. mit dem Fürsten Bismarck im Jahre 1880 wegen seines antisemitischen Angriffs auf Bleichröder. Stöcker erzählt, daß deswegen sowohl der Kanzler wie der Kultusminister Bericht eingefordert hatten und gibt den Wortlaut seines in dieser Angelegenheit an den Kaiser gerichteten Rechtfertigungsschreibens wieder; alsdann fährt er fort: - „Fürst Bismarck hat, wie ich später in den Tagen der Walderseeversammlung erfuhr, von zwei Ministern gefordert, sie sollten mich aus Berlin ausweisen wie alle Sozialdemokraten, natürlich geschah dies nicht. Die Blätter des Reichskanzlers haben dies immer geleugnet; aber ein Minister hat mir erzählt, er habe dem Reichskanzler offen erklärt, er könne das nicht; ich sei schon als Militärgeistlicher als einer der königstreuesten Männer bekannt gewesen. Darauf sei es unterblieben. Nachher sei dann durch ein kaiserliches Schreiben die Sache, offenbar Bismarck zuliebe, getadelt. Der Kanzler aber sei, so erzählte mir der Oberkirchenratspräsident, bei dieser Gelegenheit über die Aussprache bei S. M. dem Kaiser so in Zorn und Wut geraten, daß er dieselbe nicht habe hören wollen." Diese Darstellung, bemerkt die „Liberale Korrespondenz" hierzu, beweist jedenfalls, mag sie auch sehr subjektiv zugunsten des Erzählers gefärbt sein, daß Fürst Bismarck nach anfänglichem Gewährenlaffen die Gefährlichkeit der von Stöcker betriebenen Judenhetze sehr bald erkannt hat, und daß er, wenn nicht starke Kräfte gegen ihn gewirkt hätten, mit dem „teuren Gottesmann" sehr bald kurzen Prozeß gemacht hätte. ft Um die Ansichten der verschiedenen Dumakandidaten über die russische Judenfrage zu hören, hatten Vertreter des Verbandes zur Erlangung der Gleichberechtigung der Juden Unterredungen mit dem General Subotitsch, dem Geistlichen Petrow und mit dem Exminister der Dolksaufklärung, Grafen Tolstoi. Tolstoi hat sich dafür ausgesprochen, daß er nicht nur die Rechte der russischen Juden verteidigen, sondern daß er selbst die Regelung der Judenfrage bei jeder Gelegenheit anregen werde. Nach seiner Meinung darf die Judenfrage nicht stillschweigend übergangen werden. Sie müsse schon bei der ersten Tätigkeit der dritten Duma behandelt werden. Die Rechtlosigkeit der Juden sei nicht nur für die Juden allein schrecklich. Sie verursache viel Schaden im ganzen Staate. Tolstoi versprach schließlich einen energischen Anteil an den Arbeiten der Kommissionen zu nehmen, welche mit der Judensrage sich beschäftigen werden. General Subotitsch erklärte zwar, daß er nicht die Rolle ines Verteidigers der russischen Juden von der Tribüne der Duma übernehmen könne. Er sei wenig mit den Ausnahmegesetzen und überhaupt mit der Lage der Juden vertraut. Wenn an ihn einige konkrete Fragen gestellt werden sollten, würde er nicht imstande sein, sie zu beantworten. Jedoch ist seine Anschauung über die Judenfrage klar: Die Gleichberechtigung ist notwendig! Die Rechtlosigkeit der Juden sei eine Schande für die russische Nation. Der populär russische Geistliche Petrow, Mitglied der zweiten Duma, äußerte sich über die Judenfrage wie folgt: „Die „jüdische Frage" ist in der Tat keine „jüdische", sondern eine rein russische Frage; schon Wladimir Ssolowjew nannte sie eine „christliche". Diese Frage ist eine der fürchterlichsten Fragen des gegenwärtigen russischen Lebens. Mir scheint es, daß es überhaupt überflüssig ist, zu beweisen, wie empörend und schändlich alle diese Pogrome, Vergewaltigungen und Mißhandlungen für das russische Volk sind. Man kann sich schwer etwas Beleidigenderes vorstellen, welches für das Christentum ganz unwürdig ist. als diesen tierischen Ausbruch der sogenannten „nationalen" Gefühle der schwarzen Hundertschaften. Die Pflicht eines jeden Russen ist es, laut urrd entschlossen gegen die Handlungen der Pogromleute zu protestieren. Jeder Deputierte muß vor allem bei seinem Erscheinen auf der Tribüne der schwarzen Hundertschaft laut zurufen: „Schämet euch, fürchtet euch vor euch selbst, sehet, was ihr aus dem russischen Volk gemacht habt!" Ich trete für die völlige Gleichstellung der Juden mit der kernrussischen Bevölkerung ein, denn ich betrachte es als eine tiefe Ungerechtigkeit, die Juden gesetzlichen Beschränkungen zu unterwerfen." * Das deutsch e Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns folgendes Gespräch mit einem rumänischen Konsul über die Juden zur Verfügung: Herr Nabon, Direktor der Alliance-Schule in Smyrna, hat an den Präsidenten der Alliance Israelite Universelle nachstehenden Bericht geschickt: „Smyrna, 8. Oktober 1907. Heute habe ich zum erstenmal den rumänischen Konsul Herrn Kenn besucht. Es geschah zur Regelung einer Paßangelegenheit für einen Zögling aus Or Jehuda. Bei dieser Gelegenheit tat Herr Keun Aeußerungen über unsere Glaubensgenossen, die bei einem rumänischen Konsul erstaunlich sind und die ich deshalb wiedergebe. lAllerdings ist Herr Keun, wie ich vorausschicken muß, nicht Rumäne von Geburt.) Nachdem die Paßangelegenheit erledigt war, die mich zu ihm geführt hatte, erzählte mir Herr Keun von den sehr herzlichen Beziehungen, die zwischen ihm und meinem verstorbenen Amtsvorgänger Herrn Pariente bestanden hatten. Er fügte hinzu: „Ich stehe mit den Israeliten von Smyrna seit sehr langer Zeit in Verbindung. Die Umwandlung, die Sie bei ihnen durch Ihre Schulen bewirkt haben, ist eine vollständige. Sie haben aus einer Bevölkerung, die nur zu niedriger und herabwürdigender Beschäftigung geeignet war, eine Bevölkerung gemach t, die auf die angesehensten Stellungen Anspruch .erheben darf und sie auch erlangt. Niemals ha^ ein Werk so tiefgreifende und andauernde Wirkungen gehabt wie die, die den Anstrengungen der Alliance Israälite Universelle zu danken sind. Ich kenne sehr genau die verschiedenen Bevölkerungsteile der Stadt. Ich habe konstatiert, daß d ie j ü dis che Bevölkerung die ehrenhafteste, fleißigste, klügste und sauberste ist." Dieses Urteil wird auch von Herrn Guiffray geteilt, einem französischen Katholiken, Direktor der Kaianlagen und der .Straßenbahnen von Smyrna. Herr Keun, der neben seinem Kousulatsamt ein großes Kommissionsgeschäft betreibt, und Herr Guiffray haben eine Anzahl jüdische Angestellte, denen sie das günstigste Zeugnis geben. Nabon."

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