Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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506 nicht unbekannt geblieben sein, das; im Zentrum der Stadt 2500 jüdische Männer und Frauen tagten, die in Anwesenheit eines Vertreters des Regierungspräsidenten aus Wiesbaden das Primitivste verlangten, was ein allen seinen Pflichten nachkommender Staatsbürger begehren kann. Jahrzehnte hindurch hat sich die deutsche Jndenheit dem Wahne hingegeben : Recht müsse doch eines Tages Recht werden und die Frühlingssonne gleichmäßig über allen Erdenbewohnern scheinen. Diese Zeit ist Gott sei Dank dahin! Im Verbände der deutschen Juden haben wir endlich die Vertretung gefunden, die unsere Interessen mit aller Loyalität, aber mit dem Nachdruck, der sich aus einem gesetzlich verbrieften Recht herleitet, vertritt. Das Recht auf Parität, das unsere katholischen Mitbürger anstreben, muß endlich auch den Inden zugestanden werden. Und wir glauben: keine Zeit war für die Erfüllung unserer Forderung günstiger wie die gegenwärtige, wo im konservativ-liberalen Block der entschiedene Liberalismus Geltung gewinnen will. Und liberal sein heißt ja nichts anderes als tolerant sein, mit allen Vorurteilen brechen und eine neue Zeit mit den Idealen einer weltumspannenden Menschenliebe, die das Individuum vollwertet, herausführen. Mags Wahn sein, dann wirds Kampf werden; ist es aber Recht, dann muß es Gesetz werden. Andere Wege gibt es nicht! Darum ist es zu wenig den Verbandstag bloß eine iinposante Heerschau über das deutsche Judentum zu nennen. Er ist viel mehr, eine ethische und politische Notwendigkeit. Er hat unser jüdisches Bewußtsein gestärkt und unsere politische Ueberzeugung gefestigt. Mit Stolz dürfen wir fortan sagen, daß wir das, was uns an numerischer Kraft abgeht, zum großen Teil durch die Gerechtigkeit unserer Sache und durch die Gediegenheit unserer Arbeit ersetzen. Wenigstens dahin wird uns kein Mensch mehr bringen, daß wir mutlos oder richtiger würdelos alles Unrecht über uns ergehen lassen, daß wir unser Judentum und den Namen unseres Stammes, der zu den bedeutendsten in der Geschichte gehört, unerwidert werden schmähen lassen. Unsere Sache geben wir nicht auf, ebensowenig den Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit. Die deutschen Juden haben nunmehr gezeigt, daß sie fest entschlossen sind, den Kampf um ihre Gleichberechtigung in geschlossener Phalanx und mit der größten Energie auszunehmen. Das ist der Haupterfolg des Verbandstages! In diesem Sinne: Zu frischen;, frohen; Kainpf in; Verband der deutschen Inden Glück auf! rÄ« Dir Wochr. Berlin, 23. Oktober, ie Resolutionen, die der Verband deutscher Juden in seiner zweiten Tagung zu Frankfurt a. M. einstimmig angenommen, sind von der gesamten Presse einfach abgedruckt worden. Liberale Blätter haben wohl hier und da ein Wort der Zustimmung eingefügt. Nur zwei deutsche Blätter haben den Mut gefunden, dagegen zu schreiben und die Politik gegen die Juden zu verteidigen. Das eine Blatt ist natürlich die „Kreuzzeitung". Sie begleitet den Abdruck der Resolutionen mit folgenden; Satz: „Diese Forderungen kehren zwar immer wieder, sind aber auch heute noch nicht gerechtfertigt. Ein Recht auf Anstellung als Ossizier oder Beamter hat der einzelne Staatsbürger nicht; die persönliche Qualifikation muß zu der wissenschaftlichen hinzukommen, sonst darf und muß die anstellende Behörde den Bewerber abweisen. Da die allgemeine Volksstimmung den Inden nur in Ausnahmefällen die erforderliche Autorität einränmt, verbietet sich die Anstellung zahlreicher Juden als Offiziere und Verwaltungsbeamte durch das Staatsinteresse. Zum zweiten Punkt der Resolution muß leider daran erinnert werden, daß die aus dem Osten einwandernden Juden des Anarchismus mit Recht verdächtig sind und nur deshalb in größerer Zahl ansgewiesen werden. Wegen seines Glaubensbekenntnisses ist noch kein Jude aus Preußen ausgewiesen worden. De»; dritten Punkt steht Artikel 14 der preußischen Verfassung entgegen." Wir begreifen es sehr wohl, daß die Resolutionen der „Kreuzzeitung" und ihren Anhängern recht unbequem sein müssen — aber eine so nichtssagende und jämmerliche Antwort hätten wir ihr doch nicht zugetraut. Das sind die Argumente der gewöhnlichsten antisemitischen Volksversammlungen aus der Radauperiode, nicht die eines ernsthaften Politikers. Gewiß hat der einzelne kein Recht auf Anstellung — aber eine ganze Volksklasse, die prinzipiell von gewissen Berufen ausgeschlossen wird, ist doch kein einzelner! Da steckt eben ein bestimmtes System dahinter, das sich feig hinter eine „allgemeine Volksstiinmung" verkriecht, die in solchen Fällen noch gar nicht erprobt und aufgerufen w;;rde. Ergötzlich ist es übrigens, daß das Junkerblatt plötzlich auf die „allgemeine Volksstimmung" sich berufen möchte, die es doch sonst so verachtet. Und ebenso wahr wie das erste ist das zweite Argument, das gegen die Einwanderung der Juden aus dem Osten. Mit einer Kühnheit, die ihresgleichen sucht, behauptet das Blatt, „daß bje aus dem Osten einwandernden Juden des Anarchismus mit Recht verdächtig sind und nur deshalb in größerer Zahl ausgewiesen werden. Wegen seines Glaubensbekenntnisses ist noch kein Jude aus Preußen ausgewiesen worden." Es ist doch gar nicht so lange her, als die Gepflogenheit eines Regierungspräsidenten öffentlich bekannt wurde, wonach Ausländer ohne Rücksicht auf ihre politische Ueberzeugung lediglich deshalb ausgewiesen werden, weil sie Juden sind. Und so wie in jenen; Regierungsbezirk ist es anderswo auch. Es sollte der „Kreuzzeitung" wohl schwer fallen, nachzuweisen, daß das Gros der aus den Ostmarken ausgewiesenen Juden auch nur die geringsten Beziehungen zum Anarchismus hat. Daß aber nicht nur die Juden aus dem Osten, sondern alle Juden, gleichviel woher sie kommen, nicht naturalisiert werden, weiß jeder sehr genau, der die Verhältnisse einigermaßen kennt. Die „Kreuzzeitung" selbst vielleicht am besten. Was endlich den dritten Punkt der Resolution anbetrifft, so hüpft das Junkerblatt mit einem einzigen Verlegenheitssatz darüber hinweg. Artikel 14 der preußischen Verfassung lautet nämlich folgendermaßen: „Die christliche Religion wird bei denjenigen Einrichtungen des i Staates, welche mit der Religionsübung in; Zusammenhang stehen, unbeschadet der im Artikel 12 gewährleisteten Religionsfreiheit zum Grunde gelegt." Wie merkwürdig, daß sich die „Kreuzzeitung" in diesen; Falle auf den Buchstaben der Verfassung beruft, während sie, wenn es ihr anders paßt, sich über den Buchstaben.hinwegzusetzen und auf den Geist zu berufen sucht. Wie eS ihr eben paßt! Aber Rechtsanwalt Loeb hat in seiner glänzenden Rede auf dem Verbandstage darauf schon im voraus die treffende Antwort gegeben, indem er sagte: „Das Judentum brauche keine Alimentation, es könne aber verlangen, daß, solange das Geld jüdischer Steuerzahler für andere KultuSzwecke Verwendung findet, auch ihm gleiche und gleichmäßige Berücksichtigung zuteil werde. Dadurch werde auch verhindert, daß man Religion mit Christentum identifiziere und einseitig Bekenner einer bestimmten Konfession bevorzuge. Der Kamps für die Gleichberechtigung der Juden bedeute den Kampf für die Gleichberechtigung aller, für die Ausgleichung der inneren Gegensätze, für das Glück des Vaterlandes."