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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-25 · Heft 43 (25.10.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 43. Berlin, 25. Oktober 1907. eitung desAudmtums. Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dp. Ludwig Philipxsorr. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/-9, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 81. Redakteurr Gustav Rarpeles. Der Vrrbsndstsg. Berlin, 22. Oktober, ie zweite Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden hat, wie wir bereits konstatieren durften, einen ausgezeichneten Verlauf genommen, und soweit sich das in diesem Moment feststellen läßt und nicht junkerlich-antisemitische Tendenzen in Frage kommen, auch eine „gute Presse" gefunden. Das war ja eigentlich auch gar nicht anders möglich; denn der Verband hat in seinen Resolutionen nur Selbstverständliches verlangt; Dinge, von denen man in einem streng konstitutionell regierten Staat nicht weiter zu reden nötig haben sollte. Man protestierte dagegen, daß Juden 'im Heere und in der Verwaltung, im Justiz- und höheren Schuldienst keine Anstellung finden, obwohl der Artikel 4 der preußischen Verfassung in jedem auch mit mittlerer Intelligenz Befruchteten verständlichem Deutsch sagt: „Die öffentlichen Aemter sind unter Einhaltung der von den Gesetzen festgestellten Bedingungen für alle dazu Befähigten gleich ugänglich." Der Verband verwahrte sich ferner gegen die Praxis, getauften Juden ohne weiteres die Stellungen zu geben, für die sich dieselben Leute nicht eigneten, solange sie noch nicht zum Christentum übergetreten waren. Man sagte mit vollem Recht, daß ein Staat die Pflicht habe, Charaktere durch sein Vorbild heran zu ziehen, während er durch die jetzt beliebte Praxis der Charakterlosigkeit Vorschub leiste und die Religion zu einem Handelsobjekt mache, gegen das man ohne viele Mühe fette Pfründen eintauschen könne. Gegen die Handhabung der Fremdenpolizei wurde ebenfalls Stellung genommen, denn Preußen weist Ausländer jüdischen Glaubens ohne Ansehen der Person und um ihres Glaubensbekenntnisies willen aus. Von der Schule hat man nicht viel öffentlich, jedoch in der Ausschußsitzung am Montag geredet. Aber man forderte doch: dem jüdischen Religionsunterricht die gleiche Förderung zuteil werden zu lasten, wie jeder christlichen Religionsgemeinschaft. Und die Resolutionen über den Religionsunterricht, die der Ausschuß gefaßt, werden sicher allgemeine Zustimmung in den beteiligten Kreisen finden. Dieses Mindestprogramm stand natürlich auf der Tagung zur Debatte. Es ist ungerecht, wenn man hier und da behauptet hat, der Ausschuß mache die Delegierten mundtot. Wenn sich in der öffentlichen Versammlung von unseren sonst so debattelustigen Glaubensgenossen niemand zum Worte gemeldet hat, so ist das eben das glänzendste Zeugnis für die Einstimmigkeit,' die im Kreise der Delegierten sowohl über die vorgeschlagenen Resolutionen, wie über die Geschäftsführung des Ausschuffes herrschte. Drei Referenten haben den Versuch unternommen. unsere Forderungen religions-wissens chaftlich, historisch und staatsrechtlich zu begründen. Die erste Aufgabe fiel dem hervorragenden Philosophen der Marburger Universität Professor Hermann Cohen zu; die zweite Frage löste der frühere Gefchichtsprofessor der Brüsseler Universität Dr. Martin Philippson, und die Beweisführung vom Standpunkt des Politikers gelang dem dritten Referenten der Tagung, dem Mainzer Rechtsanwalt Dr. Max Loeb, in durchschlagender Weise. Es kann nicht die Absicht sein, an dieser Stelle nochmals auf den Inhalt dieser Referate einzugehen, aber es muß doch gesagt werden, daß der würdige Verlauf der Versammlung allen denen, die skeptisch waren, gezeigt hat, daß das Recht aus seiten der Juden ist. Nur der, der seine Forderungen so gut begründen kann, durfte die Sprache führen, die beispielsweise Dr. Loeb beliebte, der mit Begeisterung von der großen politischen Zeit der siebziger Jahre schwärmte, die uns alle an der Seite der Männer fand, die von einem geeinigten großen Deutschland sangen. Dieses unser Vaterland darf uns nicht verstoßen, wenn wir ihm unsere Intelligenz, unsere Arbeitskraft und unsere Liebe entgegenbringen, denn im Wettbewerb mit den Völkern kann nur d i e Nation bestehen, die alle Kräfte eint, die berufen sind, die Staatsmaschine in Bewegung zu setzen. Das Christentum ist nicht die Religion und es bedingt sicher nicht eine höhere Befähigung oder eine sittlichere Reise, ganz abgesehen davon, daß die Verleugnung des Prinzips der Gleichheit aller vor dem Gesetze demoralisierend auf die Massen wirkt, die heute so wie so schon der Regierung den Rücken kehren und durch wilde Klassenkänipfe eine Zerklüftung herbeiführen, die weder der Nationalkraft noch dem Nationalwohlstand förderlich sind. Auch im Verkehr der Staatsgewalt mit den Bürgern sollte Treu und Glaube hoch gehalten werden, denn nichts lähmt die Spannkraft eines Volkes mehr als die Scheidung nach Religion, Stand und Rang. „Alle Menschen — gleich geboren — sind ein adelig Geschlecht!" Das sollte uns wieder zum Bewußtsein kommen und uns lehren zu fragen: „Was kannst du?" Dann wird die verheerende Wirkung der Frage: „Wer bist du?" aufhören und nicht einzelnen Geschlechtern die Leitung unseres Staates überlassen sein, krast angeborener Privilegien. Daß der Verband der Juden seine zweite Tagung in der alten Kaiserstadt am Main just in dem Moment eröffnete, in dem der neue preußische Kultusminister Dr. Ludwig Holle als Vertreter des Kaisers der Eröffnung des Senkenbergianums, einer Heimstätte freien Forschertums, beiwohnte, ist einer der Treppenwitze, die die Tagesgeschichte oft macht. Wir deuten diesen Zufall günstig, denn es kann dem Nachfolger Studts

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