Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Mußestunde bei wissenschaftlicher Belehrung und künstlerischer Unterhaltung verschaffen will, ist nun wohl schon bekannt nnd darf aus Erfolge zurückblicken. Die Jüdische Tohnbee-Halle ist ein Kulturfaktor im Leben der armen Juden geworden, denen fie eine Summe von Bildung. Belehrung und Unterhaltung bietet, die ihnen sonst völlig verschlossen wäre. Die Verwaltung der Toynbee-Halle ladet darum auch ganz besonders die Aermsten der jüdischen Bevölkerung Berlins zum Besuche ein. e. Guesen, 12. Oktober. In Nummer 34 dieses Blattes wurde davon Mitteilung gemacht, daß bei dem im August d. I. in unserer Nähe stattgehabten furchtbarem Eisenbahnunglück auch drei Personen der Familie Churgin aus Kiew in Rußland getötet, aber von der Eisenbahn deren richtiger Name nicht ermittelt worden ist, und daß nur durch das energische, menschenfreundliche Eingreifen unseres ersten Vorstehers, Herrn Stadtrat Gimkiewicz, der die Angelegenheit in die Hand nahm, dies, sowie die Kenntnisgabe an die Verwandten der Getöteten gelungen ist. Infolgedessen wurde eine Beschwerde an den Eisenbahnminister gerichtet. Hieraus ist an Herrn Stadtrat Gimkiewicz die Antwort ergangen, daß die Eisenbahnbeamten irrtümlich den Namen Abramowicz für Churgin festgestellt hätten, wodurch die Angehörigen nicht ermittelt werden konnten. Gleichzeitig wird in dem Schreiben Herrn Stadtrat Gimkiewicz für die bewiesenen außerordentlichen Bemühungen um die Ermittlung der Dank der Eisenbahnverwaltung ausgesprochen. d. Oppeln, 14. Oktober. Am Mittwoch abend versammelten sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Oppeln, um mit ihrem scheidenden Rabbiner Dr. Baeck noch einen gemütlichen Abendzu verleben. Die Gäste wurden von Herrn Goldfeld begrüßt. Die Reihe der Toaste eröffnete Justizrat Cohn namens der Shnagogen-Gemeinde. Mit warmen Worten hob er die außerordentlichen Verdienste des Scheidenden als Kanzelredner und Lehrer hervor. Er pries seine Liebe, sein Verständnis sür die Eigenart eines jeden Gemeindemitgliedes, die Freundschaft, mit der er jedem einzelnen zur Seite stand. Zum Andenken an die Gemeinde überreichte der Redner dem Scheidenden ein Paar dreiarmige silberne Leuchter. Sanitätsrat Dr. Schlesinger dankte im Namen des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur dem bisherigen Vorsitzenden für die ungemein anregenden Vorträge und sür die Hebung des Vereins und überreichte namens des Vereins ein Abschiedsgeschenk in der Gestalt eines wertvollen wissenschaftlichen Werkes. Es folgten dann noch Danksagungen seitens des Rechtsanwalts Salinger im Namen des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und des Lehrers Spier namens dev Gemeindebeamten. Justizrat Jungmann toastete auf die Gemahlin des Scheidenden. In längerer Rede erwiderte Rabbiner Dr. Baeck. Er führte aus, wie schwer ihm der Abschied von Oppeln und seiner Gemeinde falle; habe er doch hier sein Heim gegründet und im Verkehr mit seinen Mitbürgern jedes Standes und jeder Konfession seine volle Befriedigung gefunden. Das Hoch des Scheidenden galt der Gemeinde und der Stadt Oppeln. ---- Königshittte, 3. Oktober. Der Hauptlehrer Isidor Waller von der jüdischen Volksschule IV verließ am 1. d. M. Stadt und Schule, um nach fast 48jähriger Lehrtätigkeit, von der 38 Jahre der genannten Volksschule galten, sein otium eum dignitate in Breslau zu genießen. Deshalb veranstaltete der Magistrat zu Ehren des Scheidenden einen Kommers, der von etwa 180 Teilnehmern besucht war. Den Magistrat vertraten Oberbürgermeister Stolle, der Dezernent Stadtrat Klautzsch und Stadtrat Stern, die Schuldeputation Professor Böhm, die Regierung die Kreisschulinspektoren Schwarze und Dr. Schwierczyna. Ferner waren viele Stadtverordnete und Mitglieder der Synagogen- und politischen Gemeinde Königshütte, in der großen Mehrzahl aber die Rektoren und Lehrer der städtischen Schulen erschienen. Königshütte sieht in dem Hauptlehrer Walter einen Mann scheiden, der zu den besten Bürgern der Stadt von ihren ersten Anfängen her, als der Ort uoch nicht die städtische Verfassung hatte, gehört hat. x Leipzig, 12. Oktober. Der Deutschnationale tzandlungsgehilsen-Verband, dessen antisemitische Tendenz hinlänglich bekannt ist, scheut sich nicht, auch auf dem Brühl, dem Sitze des Leipziger Pelzwarenhandels, in dem zwischen Christen und Juden bisher die vollste Eintracht herrschte, Zwietracht zu säen. Vor kurzem beschlossen die Leipziger Pelzwarenhändler, die englische Arbeitszeit einzusühren; flugs benutzte der Deutschnationale Handlungsgehilfen- Verband öiese Gelegenheit, eine Versammlung einzuberufen, zu der Chefs und Angestellte eingeladen wurden. Den meisten Besuchern der Versammlung mochte unbekannt sein, daß der Verein auf antisemitischem Boden steht; als dies in der Diskussion festgestellt wurde, verließen nach großen Tumulten fast sämtliche Angehörige der Pelzwarenbranche den Saal. Nur die Führer des Verbandes (die mit dem Pelzwarenhandel nichts zu schaffen haben) und einige Verbandsmitglieder, die in hiesigen Pelzwarengeschästen tätig find, blieben zurück. Das Auftreten des Verbandes wird fast in der gesamten Branche verurteilt. — Bremen, 11. Oktober. Infolge der erhöhten Bedeutung, die die jüdische Emigration nach dem Hafen Galveston gewonnen und des voraussichtlichen weiteren Anwachsens dieser Emigration in der nächsten Zukunft, begaben sich der Präsident der „3to", Israel Zangwill und der Ehrensekretär Clement I. Salaman, hierher und hatten zusammen mit den Vertretern des „Hilfsvereins der Deutschen Juden", Rabbiner Dr. Rosenak-Bremen und Generalsekretär Dr. Bernhard Kahn-Berlin, eine eingehende Besprechung mit Generaldirektor Dr. Wiegand vom „Norddeutschen Lloyd" über die Möglichkeit, die infolge der vermehrten Auswanderung notwendigen Einrichtungen in den Bremer Logierhäusern und auf den Schiffen zu verbessern. Generaldirektor Dr. Wiegand war außerordentlich entgegenkommend und besprach persönlich alle Einzelheiten. In Begleitung der genannten Herren inspizierte er auch die Logierhäuser in allen ihren Einrichtungen, und versprach alle vorgebrachten Wünsche gern zu erfüllen. Die Verhandlungen führten denn auch zu förmlichen Abmachungen, deren wesentlichste Punkte folgende sind: Es steht dem Komitee frei, jederzeit einen von ihm ausgewählten, vom Lloyd bestätigten Beamten als Vertrauensmann der Komiteepassagiere mit dem Galveston-Transport nach Galveston zu senden. Der Lloyd gewährt diesem Begleiter freie Hin- und Rückfahrt und Verpflegung. An Stelle der bisher ausschließlich üblichen Konserven soll sobald als möglich eine rituell jüdische Küche unter Rabbinatsaufsicht von Dr. Rosenak eingeführt werden. Es sollen die Kapitäne und die Besatzung an ihre Pflicht, den Passagieren gute Behandlung angedeihen zu lassen, aufmerksam gemacht werden, und von Zeit zu Zeit soll ihnen diese Pflicht erneut in Erinnerung gebracht werden. Es wird ein Logierhaus ausschließlich sür jüdische Passagiere bereit gestellt, und dafür gesorgt, daß alle jüdischen Passagiere, soweit Platz in dem bereitgestellten Logierhaus vorhanden ist, auch dort untergebracht werden. Das Logierhaus wird enthalten: einen Betsaal, einen Lesesaal, einen Raum zur Aufbewahrung der dem Komitee gehörigen Kleidungsstücke usw. Es muß dem Komitee das Recht eingeräumt werden, die Einrichtungen des Logierhauses in fortwährendem Einvernehmen mit dem „Norddeutschen Lloyd" ständig zu überwachen. Das Komitee wird seine Wünsche über Einrichtung, Beherbergung und die Einzelheiten der Verpflegung der Verwaltung der Auswandererhallen bekannt geben, die ihrerseits dieselben, soweit irgendwie möglich, nach besten Kräften berücksichtigen, wie überhaupt bestrebt sein wird, den Wünschen der Komitees wie auch der Auswanderung in jeder Weise gerecht zu werden. Bei der Art der Verpflegung, deren rituelle Beaufsichtigung wie bisher Herrn Dr. Rosenak unterstehen muß, ist auf die rituellen Gebräuche und das religiöse Empfinden der jüdischen Emigranten, namentlich an Sabbaten und jüdischen Festtagen, gemäß den Wünschen des Komitees besondere Rücksicht zu nehmen, wie überhaupt dafür Sorge getragen werden muß, daß eine Atmosphäre geschaffen wird, die den humanitären und jüdischen Ansprüchen voll gerecht wird. v. Frankfurt a. M., 14. Oktober. Diese Woche gehört dem Verbände deutscher Juden, dessen Verhandlungen hier allgemeines Interesse und die wärmste Teilnahme fanden. Die Ausnahme machte der altbewährten Gastfreundschaft der Frankfurter Gemeinde alle Ehre. Es ging alles vorzüglich und klappte so, daß nur eine Stimme des Lobes bei allen Delegierten herrscht. Die Säle waren vorzüglich gewählt. Die Verhandlungen gingen in einer Ordnung vor sich, wie man sie bei so großen Kongressen nur selten findet. Besonders muß aber hier die geschickte und taktvolle Leitung des Vorsitzenden. Herrn Justiz rat Lach mann,