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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-18 · Heft 42 (18.10.1907) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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mit der höchsten Anerkennung hervorgehoben werden. Der Kern der ganzen Tagung war die Rede von Prof. Cohen. Sie rief tiefe Bewegung hervor und wird noch lange nachhaltig wirken. Das war ein großes Bekenntnis des modernen Judentums! Auch die anderen Reden des Herrn Prof. Philippson" und Rechtsanwalt Loeb fanden den wärmsten Beifall. — Am Abend hatte die' Frankfurter Gemeinde die Verbandsdelegierten zu einem solennen Diner in den herrlichen Räumen der Frankfurt-Loge eingeladen, dessen Verlauf ein glänzender war. Speisen und Weine waren vorzüglich. Zahlreiche Tischreden würzten die Unterhaltung. Rechtsanwalt Dr. Blau, dessen Tätigkeit nicht genug gerühmt werden kann, leitete diese. Es sprachen Justizrat Lachmann, Dr. Blau, Justizrat Horowitz, Prof. Geiger, Rabbiner Dr. Horowitz, Prof. Philippson, Justizrat Geiger und verschiedene andere. Erst gegen 11 Uhr trennten sich die Teilnehmer mit dem frohen Bewußtsein, ein schönes und erhebendes Fest gefeiert zu haben, dessen Anregungen noch lange in den Gemütern nachwirken und hoffentlich Früchte tragen werden. Gesterretch-Nnssrn. V Wien, 14. Oktober. Der galizische Wahlreform- Entwurf beschäftigt natürlich auch die jüdischen Kreise sehr intensiv. Die bisherige. Vertretung der Juden im galizischen Landtage ist qualitativ und quantitativ gleich Null: drei Handelskammervertreter und ein einziger Vertreter der Stadt Stryj, obwohl die Juden auf 23 Mandate Anspruch haben. Und dies mit Rücksicht auf das bloße > Zahlenverhältnis zur Gesamtbevölkerung (11 Prozent). Was die Steuerleistung anbelangt, ist das Mißverhältnis noch größer. Lemberg hat unter 44 528 Juden 6511 Steuerträger (darunter zahlen 370 über 1000 Kronen, 240 über 500 Kronen. 90 über 400 Kronen), dagegen unter 159 877 christlichen Einwohnern 9649 Steuerträger (davon zahlen nur 288 über 1000 Kronen, 265 über 500, 90 über 400). Wenn man die Leistung der Kleinbesteuerten gleichmäßig auf durchschnittlich 100 Kronen annimmt, so beträgt die Steuerleistung der Juden Lembergs 1 107 100 Kronen gegen 1 357 100 Kronen der Christen. Im Verhältnis zur Seelenzahl ist demnach die Steuerleistung der Juden eine dreifach größere als die der übrigen Einwohner. Dasselbe Verhältnis weist die Statistik in Krakau und Przemhsl auf. Demgemäß müßte natürlich auch die Vertretung im Landtag eine andere sein. — Ich habe neulich über das neue jüdische Gymnasium in Budapest berichtet. Wie ich höre, sind Schwierigkeiten aufgetaucht, und zwar nicht seitens des Unterrichtsministeriums, sondern seitens der Erben eines der Stifter. Für das Gymnasium hat der verstorbene Anton von Freystädtler zirka 1500 000 Kronen hinterlassen mit der Bedingung, daß das Gymnasium seinen Namen führe. Da dieser Betrag indes für die Errichtung und Erhaltung des Gymnasiums nicht genügt, so hat die Gemeinde beschlossen, die ähnlichen Legate Alexander Wahrmanns und Salömon Taubs — zusammen eine Million Kronen — mit der Freystädtlerschen Stiftung zu vereinigen. Die Erben Wahrmanns haben nun gegen diese Vereinigung der Stiftungen, beziehungsweise dagegen protestiert, daß das Gymnasium nur nach Freystädtler benannt werde. Man hofft indes, daß diese Schwierigkeiten ehestens behoben werden, und dann soll sofort an die Errichtung des Gymnasiums geschritten werden, zu dessen Erhaltung die Gemeinde ihrerseits 10 000 Kronen jährlich beitragen will; auch rechnet sie auf eine ministerielle Subvention. * Von -gh und Lern. Am 10. d. M. ist hier der Rentier Siegrnund Salier, ein Schwager der sel. Professoren Steinthal und Lazarus, im 80. Lebensjahre gestorben. Er war ein schlichter, echt religiöser und wahrhaft wohltätiger Mann, dessen Andenken in Ehren fortleben wird. — Der Verein für Arbeitsnachweis, gegründet von den Berliner Logen U. O. B. B., hat durch seine Vermittlung im Monat September 219 Personen in Stellung gebracht, und außerdem noch 42 Personen vorübergehend Beschäftigung nachgewiesen. — Im antisemitischen Kyffhäuserbunde in Berlin sind jetzt 27 „Vereine deutscher Studenten" vereinigt, die etwa 1200 aktive Mitglieder und 2800 Alte Herren zählen. Der stärkste Verein ist der Berliner, der etwa 800 aktive Mitglieder zählt und an dessen Kneipabenden die antisemitischen Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg, Lattmanu, Böhme, Schack usw. liebe Gäste sind. — Der Arzt Dr. W. Mattersdorf in Dresden, von dem jüngst die Rede war, gehört nicht mehr dem Judentum an. — Am 1. d. M. feierte der Rentner Henry Kaß, Vorsitzender des Shnagogen-Vorstandes in Paderborn, unter allseitiger Teilnahme seiner Gemeinde den 80. Geburtstag Gleichzeitig wurde ihm der Kronenorden IV. Klasse verliehen. Dem Synagogendiener der jüdischen Gemeinde in Köln, Herrn Jakob Abraham, ist für seine 50 jährigen treuen Dienste das all gemeine Ehrenzeichen verliehen worden. Herr Abraham ist am 1. April d. I. in den wohlverdienten Ruhestand getreten. — Der Großherzoglich badische Oberrat der Israeliten hat in der soeben ausgegebenen Nummer 6 seines Verordnungsblattes, das mit Trauerrand erschienen, einen feierlichen Trauergottesdienst für alle Syna gogen des Landes auf den 6. d. M. angeordnet. Den Kantoren der Landgemeinden ist eine Predigt beigegeben, in der die Verdienste des Entschlafenen gewürdigt und in der Gott angefleht wird. Trost den Trauernden und seinen Segen dem neuen Regenten zu verleihen. — Anläßlich der Trauerfeier für den verstorbenen Grobherzog in der Schloßkirche war seitens des Oberstkammerherrenamt dem Oberrat der Israeliten mitgeteilt worden, daß die drei geistlichen Mitglieder seines Kollegiums, die Konferenzrabbiner von Mannheim, Karlsruhe und Freiburg, auf der unteren Tribüne rechts der Kanzel Platz zu nehmen und im Traueranzug bei den Staatsbeamten einherzuschreiten hätten. — In Pilsen wurde Dr. Golinsky, der mehrere Jahre zweiter Rabbiner in Chemnitz war, zum Rabbiner gewählt. — In Prag stiftete der kaiserliche Rat Moritz Hahn über 200000Kronen anläßlich seines 70. Geburtstages. 100 000 Kronen erhielt die „Kaiser Franz Josef-Stiftung", 16 000 Kronen der „Frauenverein zur Erziehung armer israelitischer Waisenmädchen", je 10 000 Kronen „Israelitischer Nächstenliebeverein", „Prager Israelitisches Knabenwaisenhaus" usw. usw. — Die minderjährige Tochter Brucha (Rosa) des Baligroder Einwohners Salomon Kaczka wurde anfangs September v. I. von dem Gemeindebeamten Josef Kodello, mit dem sie ein Liebesverhältnis unterhielt, zur Flucht aus dem Elternhause beredet und am 29. September 1906 im Kloster der Felizianerinnen zu Krakau getauft. Josef Kodello wurde in strafgerichtliche Untersuchung gezogen und vom Kreisgerichte Sanok zu einer vierzehntägigen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Oberste Gerichtshof als Kassationshof hat die gegen dieses Urteil ergriffene Nichtigkeitserklärung zurückgewiesen. — Dem Vernehmen nach soll in Wilna ein zweites jüdisches Gymnasium errichtet werden. — Der Direktor und die Dekane des Polytechnischen Instituts von Kiew haben ihre Abschiedsgesuche eingereicht. Der Grund ist darin zu suchen, daß durch eine Regierungsmaßregel eine Bestimmung des Instituts wieder in Kraft gesetzt worden war, derzufolge die Zahl der jüdischen Studenten nicht mehr als 15 Prozent der Zuhörerzahl betragen darf. Diese Bestimmung war in letzter Zeit nicht mehr beachtet worden. — Der Herausgeber der „Moskowskija Wjedomosti", Wlademir Gringmuth, einer der schlimmsten russischen Antisemiten, ist gestorben. — In Kowno ist auf Grund einer aus Petersburg vom Ministerium des Innern erhaltenen Verordnung eine separate jüdische Wahlkurie eingerichtet worden. Aehnliche Nachrichten sind auch aus Rostow und Jekaterinoslaw eingelaufen. Durch diese „Wahlgeometrie" haben die Juden jede Aussicht aus die Durchsetzung eigener Kandidaten verloren. — In Odessa fand wieder ein Pogrom auf der belebten Preobrashenskaja-Straße statt. 300 Tumultuanten zerstörten Läden, Konditoreien, Werkstätten, Buchhandlungen und verwundeten die Passanten. Mit lautem Hurra wurde jede Pferdebahn begrüßt; alle Juden wurden zum Aussteigen gezwungen und durchgeprügelt. Im jüdischen Gymnasium wurden alle Fenster eingeschlagen. Sobald Mangel an Juden eintrat, wurden Christen geprügelt. Die Zahl der schwerverwundeten Juden beträgt dreißig, die der leichtverwundeten ist sehr zahlreich. Da die Uebersälle von Passanten in den Straßen durch Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes fortdauern, versammelten sich die Mitglieder des Börsenkomitees und beschlossen, an den Premierminister Stolhpin die telegraphische Bitte zu richten, die strengsten Maßnahmen zur

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