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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-18 · Heft 42 (18.10.1907) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 504 (sequence 12)
Language
German
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nötig hatten. Täglich wurden Kisten- - Fässer, große Ballen vor seinem Hause abgeladen und zahlreiche Kistcheü- Fäßchew und kleine Ballen wieder aufgeladen und fortgeführt. Es gab^ für den bequem gewordenen, wohlhabenden, kleinen üntbrsetzten Mann keine größere Freude, als die, in seinem behaglichen, mit Pelz gefütterten, violetten Talar, die Jamurka auf dem Kopfe, mitten in seinem Gewölbe zu stehen, mit seineü pfiffigen Augen zuzusehen, wie Barom eifrig einpackte und Abrahamek die schweren Lasten keuchend fortwälzte. Dann dampfte er dazwischen seine lange türkische Pfeife mit ihrem krummen Tonkopf und strich ab und zu seinen roten Bart und beneidete niemanden auf Gottes weiter Erde, nicht den Sultan, nicht den Papst, ja nicht einmal den Kreishauptmann. Taube, seine Frau, war früh gealtert; groß, hager, mit ihrem krummen Rücken und dem Eulenschnabel zwischen den geröteten, blinzelnden Augen, schien sie eher seine Mutter als seine Gefährtin; trotzdem liebte er sie zärtlich, wie eben nur ein Jude seine Frau lieben kann, und behandelte sie wie ein verwöhntes kleines Kind. Jede Dame im Kreise, ja sogar die vornehme Venus in zobelbesetzter Kazabaika, zu deren Füßen die ganze adlige Jugend lag, konnte sie beneiden. Fast noch inniger als seine Frau liebte Godel Mund sein einziges Kind, seine Tochter Juditka, ein kleines, verwachsenes, rothaariges Mädel von achtzehn Jahren mit Füßen, die Kähnen glichen, und einem grünen, nnt Sommersprossen bedeckten Gesicht, und Taube wetteiferte mit ihm, sie zu verhätscheln, und diese elterliche Liebe umgab das stille, verdrießliche Geschöpf mit einer Art Sonnenglanz, der sich durch das ganze finstere, schmutzige Haus verbreitete. Die Köchin bewunderte sie, Abrahamek betete sie an, und Barom war sogar nahe daran, sich in sie zu verlieben, aber er fand sie endlich doch nicht ganz so hübsch wie die Damen, die aus Feenpalästen heraustraten, um seine kleine Stube an stillen, weihevollen Abenden zu bevölkern, und überdies war Juditka auch bereits verlobt mit einem wohlhabenden Branntweinpächter in der Gegend von Krakau, der sie nie gesehen hatte, -aber ebensowenig wie ein König, der nur eine ebenbürtige Braut sucht, nach ihrer Gestalt oder ihrem Gesichte fragte. Abrahamek Zuckerhut, der Simson, der mit Fässern spielte wie ein Kind mit Bällen, hatte dennoch vor dem jungen, schwächlichen Barom einen großen Respekt. Obwohl er Soldat gewesen war und zweimal im feindlichen Feuer gestanden hatte, lenkte ihn der Jüngling mit einem Wort, einem Blick, wie ein gut dressiertes Tier, und dies aus keinem anderen Grunde, als weil er fertig lesen und schreiben konnte und soviel literarische Bildung besaß. Nicht, weil Abrahamek selbst sich mit Literatur befaßt oder auch nur eine Ahnung von dem Dasein eines Goethe oder Schiller gehabt hätte, aber die Verse, die Barom bei jeder Gelegenheit anbrachte, klangen für ihn wie dunkle Zaubersprüche und versetzten ihn stets in andächtiges Staunen. Nicht selten, wenn Barom an dem kleinen Tische schrieb, hielt der Simson in einer schweren Arbeit inne und sah ihm aufmerksam zu. Dann schüttelte ex seinen großen Kopf mit den schwarzen Locken und dem prächtigen geteilten Bart, und seine gutmütigen braunen Augen lächelten. „Wenn ich hätte lesen können," sprach er mit einem Seufzer, „ich wäre gewiß Korporal geworden. Sie aber, Herr Hirschbein, Sie könnten es sogar zum Feldwebel bringen." Wenn aber Barom sogar dem Simson Abrahamek Respekt einflößte, wie sollte er nicht die hübschen kleinen Frauen und Mädchen der Kreisstadt zur Bewunderung hinreißen? Er war geradezu ihr Ideal, zu dem sie andächtig mit ihren Körben und Täschenl hinpilgerten>- äbev nicht etwa seiner Bildung wegen ---denn gebildet waren die Professoren des Gymnasiums auch, und die jüngeren Beamten hatten sogar einen literarischen Klub gegründet — auch nicht seines vorteilhaften Aeußeren wegen — denn es gab unter den Husaren ein paar bildschöne Offiziere —, aber weit und breit war kein junger Mann zu gleicher Zeit so erfüllt von dem Trieb nach dem Edeln, von Begeisterung für Poesie und so gut gewachsen und so hübsch. Wenn er am Sabbat in seinen glänzenden Stiefeln, seinem fast bis zur Erde reichenden Talar von schwarzem Atlas, den Streimel von Wardxrpelz auf die schwarzen Locken gedrückt, durch die Straßen ging, da blickte jedes weibliche Auge gern auf ihn; die Edelfrau bemerkte ihn ebensogut als das Bauernmädchen, die reiche Jüdin nicht minder wie die arme Dorfgeheriu. Barom war ein echter, unverfälschter polnischer Jude, der nicht nach Esbukett, sondern nach Knoblauch roch, aber ein schöner Jude, der Bräutigam des hohen Liedes oder David, der Bathseba betört. Er hatte eine kleine gebogene Nase, einen reizenden vollen Mund mit prächtigen Zähnen, der durch keinen Bart entstellt war, große dunkle Augen voll Schwärmerei, und eine gelbe, aber gesunde, kräftige Hautfarbe, die ihm sehr wohl ließ. (Fortsetzung folgt.) -X*- Literarische Mitteilungen. Im Verlage von Georg Reimer-Berlin (W. 35, Lützowstraße 107—108) erscheint am 22. Oktober der erste Band der „Geschichte der jüdischen Philosophie", nach Problemen dargestellt von Dr. D. Neu mark, Professor der Religionsphilosophie am Üedrevv Union College in Cincinnati (620 und XXIV Seiten, Preis 15 Mark). Dies Buch ist der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zur Einweihung des neuerrichteten Lehrhauses gewidmet. Sprechlaal. Geehrter Herr Redakteur! ^n dem Artikel „Neuorthodoxie" der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (Nr. 39, S. 461), den ich etwas verspätet zu Gesicht bekommen habe, wird aus dem Gutachten des Herrn Oberrabbiner Dr. Wolf Feilchenfeld über das Badische Gebetbuch die Behauptung aufgeführt: „Die Gebete, daß Gottesfurcht sich über alle Menschen verbreiten solle usw. waren den drei höchsten Festtagen Vorbehalten." Diese Aeußerung setzt mich in Erstaunen und dürfte nur ein Beweis sein, daß Eifer blind macht. Denn in dem täglichen Olenu-Gebet ist doch wahrlich deutlich genug die Hoffnung ausgesprochen, daß alle Metrschen den Einen Gott anerkennen werden, daß ihm sich jedes Knie beugen werde. Und in dem sabbat- und feiertäglichen Nischmüt-Gebet, heißt es da nicht: „Und all e Herzen sollen dich ehrfürchten?" Prof. Dr. Kalischer. * mit einem gefälschten Empfehlungsbrief des Bürgermeisters in Zell bei. Würzburg sucht ein fingierter. „Tselchanowski Begeld aus Odessa" Privatpersonen und Vereine auf; angebend, sein Vater wäre durch Pogrome getötet und er unterstütze seine in Zell wohnende Mutter und Kinder. Alles dies ist unwahr. Dieser Mann, zirka 26 Jahre alt ist, identisch mit Ludwig Fischer aus Prag, der zwei verstümmelte Finger an der linken Hand hat. Nürnberg, 7. Oktober 1907. Martin Lebrecht. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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