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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-18 · Heft 42 (18.10.1907) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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Wenn er das Leben eines Großen uns vorgeführt, eines Wohltäters der Menschheit, eines Comenius, eines Pestalozzi, dann, schloß er wohl, in Demut sich verneigend, mit den Worten: „Hut ab vor diesem Manne!" Ich kann diese Zeilen, anknüpfend an den Ehrentag unseres Lehrers und Meisters, nicht würdiger schließen: „Hut ab vor diesem Manne!" Von Lenker?u Lenker. Bon Leopold v. Sacher-Masoch. II. as Stubenmädchen der Frau Kreishauptmannin, welche künstliche Blumen begehrte, machte Baroms Schwärmerei ein Ende. Er hiolte eine große Schachtel und öffnete den Deckel. Das schnippische Ding suchte und musterte und rümpfte das Rüschen. „Sie sind nicht übel, diese Blumen," sprach sie langsam, die Dame spielend, „aber nicht recht natürlich." „Wie sollen sie natürlich sein," wendete Barom gereizt ein, „sagt doch schon Schiller: Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen." In diesem Augenblick sah er einen Gaffenjungen, der seine Tasche mit Feigen gefüllt hatte und sachte zur Tür hinausschlüpfen wollte. „Halt!" rief er, stürzte hinter dem Ladentisch hervor und erwischte den Uebeltäter beim Ohr. „Gib her die Feigen, was Du gestohlen hast, Reach." „Ich habe nichts, ich bin kein Dieb", jammerte dieser und suchte sich loszumachen. „Umsonst, der schreckensbleiche Mund Macht schnell den Schuldbewußten kund." Barom nahm ihm die gestohlenen Feigen, beutelte ihn tüchtig und ließ ihn dann laufen. In der Tür stieß der kleine Gauner mit einer Person zusammen, welche für den poetischen Ladengehilfen eine ganz neue Erscheinung war, mit einer kleinen, dicken, blatternarbigen, frechen Person, welche durch die vorgebundene Schürze^als Köchin gekennzeichnet war. „Womit kann ich dienen?" fragte Barom zuvorkommend. Seine Höflichkeit entwaffnete die Eingetretene, sie musterte ihn wohlgefällig, nickte gnädig mit dem struppigen Kopfe, putzte sich die Nase mit der Schürze und verlangte ein Pfund Kaffee und einen Hut Zucker. Barom beeilte sich, den letzteren auf den Ladentisch zu stellen. „Das Fräulein ist wohl fremd hier," fuhr er liebenswürdig fort, „habe -wenigstens heute zum erstenmal das Vergnügen, Sie bei uns zu sehen." „Die Frau hat früher in der Krakauerstraße gewohnt," erwiderte die Köchin herablassend, „und jetzt dieses Haus gegenüber gekauft, sie hat ja Geld, sie kann es tun." „Die Gnädige bewohnt wohl den ersten Stock?" fragte Barom, während er mit klopfendem Herzen den Kaffee abwog. „Ja, wir sind im ersten Stock." „Und wie nennt sich Ihre Gnädige?" „Frau Genendel Kosches. Sie ist Witwe, seit mehreren Jahren schon." Barom wurde rot vor Freude. „Ich habe aber die Gnädige heute zum erstenmal am Fenster zu sehen das hohe Glück gehabt," sprach er, während er mit Kreide die Rechnung auf den Ladentisch schrieb. ' „Wir waren im Bade und sind erst gestern zurückgekommen." „Im Bade?" „Die Frau hat ja Geld, sie kann es tun." Die Köchin zog die Börse hervor. „Ich bitte sehr, liebes Fräulein — wie ist doch ihr gefälliger Name?" „Tulpe." „Fräulein Tulpe, ich bitte sehr, wir werden uns machen eine Ehre daraus, der gnädigen Frau Genendel Kosches ein Konto zu eröffnen. Eine schöne Dame, so romantisch reizend — es ist doch die Gnädige, die jetzt sitzt am Fenster in einer Kazabaika, was jede Gräfin könnte tragen." „Sie hat ja Geld, kann sie also tragen eine Kazabaika, wie ihr gefällt." „Gewiß, Fräulein Tulpe, und die feinen Herren werden bewundern die Gnädige und werden Schmeicheleien sagen der schönen Frau." „Warum sollen sie nicht?" „Die Gnädige hat gewiß schon — ich meine — es wird irgend wer — ein Verehrer wie man sagt." „Gewiß hat sie Verehrer, sie kann ja alles haben, was sie nur will." Tulpe wollte den Kaffee in ihre Schürze nehmen, aber Barom hielt sie mit edlem Eifer ab. „Ich werde alles senden sogleich. Abrahamek! - Wozu sollen Sie sich machen so viele Mühe, liebes Fräulein, — Abrahamek!" Der Riese erschien. „Tragen Sie das auf der Stelle zu Frau Kosches, gegenüber im ersten Stock." Barom öffnete Tulpe die Tür und verbeugte sich anmutig wie ein polnischer Edelmann. „Ich bitte, meinen Handkuß an die Gnädige." Die Köchin hüpfte mit einem glücklichen Lächeln über die schmutzige Straße hinüber, während Barom mit stummem Entzücken zu dem Fenster der reichen Witwe emporsah. Seine schönen, dunklen Augen leuchteten und seine Lippen murmelten „Den Blick nur dürft' ich schüchtern fragen. Und wohl verstand ich, was er sprach." Barom Hirschbein war sozusagen die Seele des Hauses Godel Mund, so jung er auch war. Er war Buchhalter Ladengehilfe, nach Umständen Reisender, Packer, Bevollmächtigter, Bedienter, ja Koch oder Kammerjungfcr; es gab nichts, was er nicht gewesen wäre. Das kleine, regenverwaschene Haus, in dem sich sein zugleich einförmiges und bewegtes Leben abspielte, war das Eigentum des Herrn Godel Mund. Im Erdgeschoß befand sich außer dem Gewölbe nur noch -ein finsteres Magazin und die Küche. Das erste Stockwerk — drei niedere, enge, bis zur Decke vollgepfropfte Zimmer — bewohnte Godel Mund mit seiner Frau und Tochter. Unter dem Dache, in einem Stübchen, das etwas größer war wie eine Hundebude und etwas kleiner wie eine Postkutsche, schlief Barom, während Abrahamek, der neue Simson, die Nacht über statt einer Katze in das Gewölbe gesperrt wurde. Sein Schnarchen vertrieb die Mäuse und versetzte die Diebe in Schrecken. Godel Mund war ein kleiner Kaufmann in der Kreisstadt, der mit allem Erdenklichen handelte, mit Sardellen und falschen Perlen, mit Puppen und Kehrbesen; aber Rothschild, umgeben von seinen Millionen, kann kein stärkeres Gefühl seiner Bedeutung haben, als er es besaß. Er versorgte nicht nur die feinsten Leute der Stadt, sondern noch zahlreiche kleinere Kaufleute, Krämer und Wirte mit allem, was sie

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