Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Schriftrespektive Drucksachen des Bundes sollen fortan an die Vorsitzende des Vereins geschickt werden. Der Beitrag soll durch Nachnahme entnommen werden, wenn er bis Mitte März der Kassiererin nicht überwiesen worden ist. Die öffentliche Abendversammlung war so überfüllt, das Hunderte umkehren mußten. Frau H. Fürth sprach über die „Berufswahl unserer Töchter". Vor zwei Menschenaltern ist die Berufswahl der Töchter ein Unding gewesen, heute ist sie etwas Selbstverständliches- Früher vollzog sich die Tätigkeit der Frau im Rahmen der Hauswirtschaft, heute ist sie Lohnarbeit geworden. Die größeren Erfordernisse im Haushalt zwingen auch die Töchter zum Mitverdienen. Die Mädchen müssen aber vor allem deshalb einen Beruf ergreifen, weil die Möglichkeit der Eheschließung minder groß ist, als früher. Es betrifft dies hauptsächlich mittelständische Kreise. Aus ökonomischen und sittlichen Grünen ist der Beruf für unsere Töchter eine Notwendigkeit geworden. Für eine Reihe von Berufen taugt die Frau aus physischen Gründen nicht, für eine Reihe wird sie nicht zugelassen. So werden den jüdischen Lehrerinnen große Schwierigkeiten bereitet; in Frankfurt werden sie nur unter der Bedingung angestellt, daß sie sich mit den sogenannten technischen Fächern begnügen. Ueber die Tätigkeit der Frauen im geschäftlichen Beruf gehen die Meinungen auseinander, aber sicher ist, daß viele Mädchen Tüchtiges leisten. Bedauerlich ist es, daß manche Kreise die Mädchen, die sich zur Arbeit entschlossen haben, gesellschaftlich ächten. Für den jungen Kaufmann öffnen sich alle Pforten, für das Mädchen, das kaufmännisch tätig ist, schließen sie sich. Und doch wird gerade die Frau, die im Beruf steht, die beste Gattin werden; sie hat in ihrem Berus Disziplin gelernt, sie hat sich auch genug Gewandtheit angeeignet, um, wenn sie das für nötig erachtet, sich im Salon zu bewegen. Wir wollen unsere Töchter erziehen zu freudvoller Arbeit und zu arbeitsvoller Freude. (Lebhafter Beifall.) Von einer Diskussion wollte man anfangs Abstand nehmen, aber sie wurde stürmisch verlangt. Frau Fromberg-Frankfurt betonte die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Durchbildung der Mädchen. Fräulein Homburg-Karlsruhe teilte mit, daß in Baden für jüdische Lehrerinnen keine Ausnahmebedingungen bestehen. Frau Gutmann-Mannheim sagte, die Frau würde dann erst die Kameradin des Mannes, wenn sie im Beruf helfe. Rabbiner Dr. Zaulus-Aachen erklärte, daß man von heute auf morgen nicht mit dem Vorurteil gegen das jüdische Ladenmädchen rechnen könne. In der Diskussion sprachen noch Fräulein Heimbacher, Fräulein Wolf, Fräulein Pappenheim, Fräulein Werner. Es wurde auch die Wehrpflichtsfrage angeschnitten und ein Dienstjahr der Frau empfohlen. Frau Fromberg-Frankfurt erwidert, daß man von den Frauen ja die Mehrpflicht verlange, die sei schwieriger und kräfteraubender. Fräulein Sidonie Werner-Hamburg schließt die Tagung und gibt der Hoffnung Raum, daß ernste Arbeit geleistet worden sei, und daß die Bestrebungen des Bundes sich bei diesem zweiten Delegiertentage schon sichtbar geklärt. Der Bund sei wie das Meer, das weite, das Unerschöpfliche, das ewig ebbende, in das die Flüsse — die Vereine — so aufgehen mögen, daß man nicht mehr weiß, was ist Fluß, was ist Meer. Den Frankfurter Frauen dankt sie im Namen des Vorstandes und der Delegierten. Sie hätten der Tagung das glänzende Gewand geschaffen, in dem sie äußerlich geprangt. Auch die Männer Frankfurts hätten zur harmonischen Entwicklung des Ganzen bei. getragen. Die altehrwürdige Frankfurter Gemeinde hätte die jüdischen Frauen, die hier die gute jüdische Sache geführt, beglückwünscht und damit den jüdischen Frauenbund geehrt. Die Loge sei eine echte Ghawa, Mutter alles Lebendigen, und dadurch sei sie uns jüdischen Frauen so nahe verwandt. Die Rednerin dankt weiter für die gastliche Aufnahme in den Räumen der Loge, für die Begrüßung und gibt die Versicherung, daß die Loge stets auf den jüdischen Frauenbund werde rechnen können, wenn es gelte Menschenliebe, Eintracht, Wohltätigkeit in die breitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung zu tragen. Tiefbewegten Herzens spricht Rednerin im Namen de? versammelten jüdischen Frauen der Leiterin des Bundes, dieser hochstehenden, ernstsittlichen, mit dem Judentum so fest verwachsenen Frau, Fräulein Bertha Pappenheim, den Dank aus. „Als Vorbild wollen wir alle ihr Streben, ihr Handeln mit in unsere Heimarbeit nehmen; Kultur mit ihr treiben, aber keinen Üuttus, dsnn das wäre nicht in ihrem Sinne." Am folgenden Tage fand noch unter zahlreicher Beteiligung die Besichtigung des Fürsorgeheims des Bundes statt. In Augenschein genommen wurden noch verschiedene charitative Anstalten Frankfurts. 8. W Lum Jubiläum des Srnrinardirektors Sr. hotzmann. Von Arthur Galliner. ^ubiläumsredner sind keine Geschichtsschreiber und Fest- >^7 artikel keine historischen Urkunden. Aber der Mann, dem die folgenden Zeilen gelten, würde es uns, seinen Schülern, wenig Dank wiffen, wenn wir — Rücksicht nehmend auf den besonderen Anlaß — die Wahrheit verkürzen und unverdiente Lobreden ihm halten wollten. Wer je seinen heiligen Zorn gesehen, den elementaren Ausbruch seiner sittlichen Entrüstung bei einer Unwahrheit, einer moralischen Schwäche, der empfindet für immer eine heilige Scheu, ihm etwas zu sagen, zu schreiben, was nicht der innersten Ueberzeugung entspräche. Wer Holzmann kennen lernen will, muß ihn in der Schule gesehen, wer ihn verstehen will, muß ihn als Lehrer — erlebt haben. Denn die Schule ist seine Welt, der höchste Genuß sind ihm die leuchtenden Augen der Kinder. Jede Stunde, von Holzmann erteilt, wird seinen Schülern zum unvergeßlichen Erlebnis, jede Stunde ist ein vollendetes Kunstwerk. Wenn — nach Schopenhauer — die spezifische Begabung des Künstlers darin besteht, daß er bei der Auffassung der Dinge „sich selber loswerden, daß er reines Subjekt des Erkennens" werden kann, dann ist Holzmann ein Künstler seines Faches im höchsten Sinne. Im Zustand reinen Erkennens, wo ihm sein Wille und dessen Zwecke entrückt sind, scheint er sein reiches Wiffen, seine Gedankenwelt, seine Lebensanschauung gewonnen zu haben. Darum wirkt alles, was er sagt, mit der zwingenden Gewalt unbedingter Wahrhaftigkeit. Aber seine Individualität, die bei der Auffaffung der Dinge ausgeschaltet schien, tritt in ihre Rechte, sobald es gilt, mitzuteilen, darzustellen. Und darin ist er nun einzig, unvergleichlich. Er schaut alles, was er sagt, er umgreift es förmlich mit Händen, er bildet Gestalten vor unseren Augen, und siehe, sie stehen da in scharfumriffener Plastik, in ewiger Schönheit. Ja, er ist ein Künstler Ich habe viele Lehrer gesehen, gehört; keiner ist wie er. Er ist der Meister. Und wunderbar! Es gibt für ihn nichts Unbedeutendes, keinen toten Stoff, alles wird Leben in seinen Händen, in seinem Geiste. Mit derselben Begeisterung, mit der er die. großen Dichter und Denker, die edlen Menschenfreunde uns erstehen ließ, behandelt er grammatische Themata; er entwickelt die Bildung der Adverbia mit demselben Eifer wie den Gedankengehalt von „Nathan dem Weisen". Ja, sein „Nathan"! Wenn er ihn liest mit tränenfeuchtem Auge, dann schwindet alle Strenge aus seinem Antlitz, es wird mild und weich, und man meint das Urbild des Nathan reden zu hören, den auch von ihm so hoch verehrten Moses Mendelssohn. Darin aber liegt das große Geheimnis seiner Kraft, das Faszinierende seines Unterrichts, daß er verkörpert, was er spricht, daß er lebt, was er lehrt. Ihm ist die Schule — nach seinen eigenen Worten — „heiliges Erdreich". Das erklärt alles.