Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 501 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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501 Fromberg-Krankfurt stellte der Dienstbotenriot die Häusfrauennot gegenüber und klagte über die großen Ansprüche der Dienstmädchen Einig war die Versammlung in der Erkenntnis der Notwendigkeit der Organisation der Dienstmädchen, der Beseitigung der Gesindeordnung und der Einführung eines gesetzlich geregelten Arbeitsverhältnisses. Abends fand in der Frankfurt-Loge eine öffentliche Versammlung statt, die sehr stark besucht war. Frau Henriette May-Berlin sprach über „jüdische Vereinsorganisationen" und behandelte eingehend die Bestrebungen und Erfolge der hervorragenden Organisationen, des Hilfsvereins der deutschen Juden, der Alliance Israelite Universelle, der Jewish Golonisation Association, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Ganz besonders hob sie die Verdienste des Hilfsvereins der deutschen Juden hervor, dem die Einführung der Industrie in Galizien zu danken sei, der nach den russischen Pogroms die russische Hilfsaktion geleitet, das Unterstützungswesen organisiert und 119 russischen Waisenkindern eine neue Heimat geschaffen habe. Der Hilfsverein wisse auch, im Gegensatz zu anderen Vereinen, die Mitarbeit der Frauen zu schätzen. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund habe sich besonders um das Erziehungswesen verdient gemacht und zwei Erziehungshäuser ins Leben gerufen. In Neu-Isenburg habe der jüdische Frauenbund ein Heim für gefährdete jüdische Mädchen errichtet. Die Rednerin streifte dann noch die jüdische Bahnhofsmission als Forderung der Gegenwart, die Anstellung von Lehrerinnen ohne Unterschied der Konfession und bringt zum Schluß die Bitte an die männlichen Vertreter der Organisationen, Frauen mitraten und Mitwirken zu lassen. Herr Charles Hallgarten-Franksurt antwortet im Namen des Hilfsvereins und der Allianc e Isra&ite und gibt seiner Freude Ausdruck, daß energische, zielbewußte Frauen jetzt an allen Türen anklopfen, wo es gilt zu helfen und zu arbeiten. Er verspricht, für die Mitarbeit der Frau iy der Alliance eintreten zu wollen. Fräulein Pappenheim schließt hierauf die Versammlung mit den freudig bewegten Worten, daß der 7. Oktober 1907 einen Merkstein im jüdischen Frauenleben bedeuten werde. Am Vormittage des zweiten Delegiertentages sprach Fräulein Siöonie Werner-Hamburg über Mädchenhandel. Referentin betont, daß ein solches Thema nur mit zartester Vornehmheit öffentlich behandelt werden könne; nicht Sensationslust lasse hier das Gift sumpfiger Niederungen emporsteigen, sondern die Forderung. Stellung zu nehmen zu ernst-traurigen Dingen, die die Frauen, speziell die jüdischen Frauen, betreffen. Es bestehe ein vollkommen organisierter Handel mit weiblichen Menschen, an dem Juden aktiven und passiven Anteil nehmen; das müsse mit Trauer und Mitleid konstatiert werden. Man kann einen lokalen, nationalen und internationalen Mädchenhandel unterscheiden, der sich namentlich in Rußland, Galizien, Deutschland und der Schweiz ausgebreitet hat. Am schlimmsten ist die Läge in Galizien. Dort gebe es so viel Elend, Not und Laster zu bekämpfen, daß die jüdischen Frauen genug zu tun hätten, wenn sie dorthin Hilfe bringen wollten. Diese Hilfstätigkeit läge ihnen näher, als Weihnachtsbescherungen für Krieger und als die Bekleidung von Negerkindern. Die Mädchen, die dem Laster zum Opfer fallenseien mehr zu beklagen als zu verdammen, denn die Gesellschaft .mit -der doppelten Moral ist die Verbrecherin, die es duldet, daß Tausende von Frauen in den Schmutz getreten werden. Die Reglementierung der Prostitution leistet dem Mädchenhandel am meisten Vorschub. Wie kann man diesem beschämenden Uebel abhelfen, wie verhindert man, daß jüdische Frauen sich verkaufen? Wie steuert man der Not der jüdischen Bevölkerung, damit sie nicht gezwungen ist, ihre Töchter der modernen Sklaverei preiszugeben? Wie kann man das sittliche Niveau des jüdischen Volkes so heben, daß die Mädchenhändler von der Bildfläche verschwinden? Vor allem in Galizien müßte energisch mit der Arbeit eingesetzt werden. Das jüdische Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels hat dieses Ziel ins Auge gefaßt. Die Rednerin stellte den Antrag, die Versammlung möge der Aufforderung des jüdischen Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels folgen und die Damen Pappenheim-Frankfurt, May-Berlin und Werner-Hamburg in das Komitee entsenden. Ferner möge der jüdische Frauenbund dem deutschnationalen Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels beitreten. Der Frauenbund soll die Bahnhofsünd Kchiffsaufficht für jüdische Frauen, Mädchen und Kinder in den Großstädten und Grenzstädten, sowie die Gründung von Auskunftsstellen in Angriff nehmen. Die galizische Frauenfrage möge durch eine besondere Sektion des Frauenbundes bearbeitet werden. Weiter wäre eine Verbindung mit den jüdischen Frauenvereinen in Galizien anzubahnen. Endlich soll der jüdische Frauenbund eine „Vereinigung jüdischer Freundinnen" anstreben. Die Rednerin fordert zum Schluß auf, nicht nur Töchter zur Keuschheit und Enthaltsamkeit zu erziehen, sondern auch die Söhne. Ein solch erzogenes Geschlecht wird nicht zu beraten brauchen über so schwere Konflikte. Dem Mann sei heute sittlich, was ihm nützlich erscheine, und die Frauen haben nur zu lange die Schicklichkeit als Absperrungsmauer betrachtet für alle Regungen persönlicher Freiheit. Die Goethesche Anschauung, „nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte", müsse eine Verschmelzung erfahren. Mit einem Appell an die jüdischen Mütter, die goldene Zeit zu schaffen, in der die Frau ihrer persönlichen Freiheit, der Mann der Sitte nach leben kann, schloß die Vortragende. (Lebhafter Beifall.) In der darauf folgenden Debatte fanden sämtliche Vorschläge die Zustimmung der Versammlung. Der Vortrag wird dem Druck übergeben. Fräulein Banet-Berlin wünscht in Palästina eine Haushaltungsschule für galizische Mädchen. Es wird ihr erwidert, daß unsere jüdischen Haushaltungsschulen in Deutschland leer ständen, daß die Mädchen, die durch uns erzogen werden, ihrer Heimat nicht zu entfremden seien und am besten nach beendeter Lehrzeit zur Kulturförderung ins eigene Land, Galizien, zurück zu schicken seien. Frau Dr. Seligmann-Frankfurt spricht über Bildung von Jugend - gruppen: In unserer Zeit, da junge Mädchen von den Bestrebungen erfüllt find, die uns beschäftigen, ist es am Platz, unsere Töchter zu wirklichem Schaffen anzuregen. Die Mädchen wollen keine Luxusmädchen mehr sein. Die Erziehung der jüdischen Mädchen zum Judentum müsse eine der wichtigsten Ausgaben des jüdischen Frauenbundes sein. Nur dadurch werden wir es erreichen, daß unsere Töchter spezifisch jüdische Aufgaben finden; sie haben bisher die jüdischen Interessen nicht kennen und achten gelernt. Arbeitsgebiete wären: Stundengeben an musikalisch Begabte, Ueberwachung von * Schulaufgaben, Beschäftigung im Kleiderdepot, Zuschneidekurse für arme jüdische Frauen usw. Die sehr interessanten Ausführungen der Rednerin werden mit Beifall ausgenommen. Auch dieses Referat wird dem Druck übergeben. Nach einem von den Frankfurter Frauen den Delegierten gegebenen Frühstück, bei dem Frau Dr. Seligmann, ebenso wie am Tage vorher, Frau Clem. Kramer und Frau Fromberg, Frau Fürth- Frankfurt und Frau Guttmann-Mannheim ganz reizende Tischreden hielten, findet eine geschlossene Delegiertenversammlung statt. Ergebnis: 1. Es sollen Propagandazentralen mit Zweigkomitees in Dresden, Leipzig, Berlin. München, Breslau gebildet werden. 2. Es sind Ortsgruppen zu bilden, die als Auskunftsstellen dienen sollen. 3. Ein Vereinsorgan ist anzustreben, inzwischen aber sollen mindestens viermal im Jahr gedruckte Mitteilungen über die Tätigkeit des Bundes bekannt gemacht werden. 4. Wanderrednerinnen sind ausMschicken. 5. Das Fürsorgeheim des Bundes in Neu-Isenburg unterstehe dem Bundesvorstand und einem Lokalkomitee. Statuten sollen erst nach gewonnenen Erfahrungen ausgefertigt werden. 6. Der Antrag Neumüller-Frankfurt zur Bildung einer statistischen Kommission zur Bearbeitung jüdischer Frauenangelegenheiten wird angenommen. 7. Der Antrag Werner-Hamburg, in die Sektion zur Behandlung der galizischen Frauenfrage nicht Einzelpersonen, sondern Vereine aufzunehmen wird angenommen. Es melden sich: Die weibliche Fürsorge-Frankfurt a. M., der Israelitisch-Humanitäre Frauenverein Hamburg, das Russen-Fürsorgekomitee Hannover. Auch Offenbach tritt auf Wunsch bei. Frau Fromberg-Frankfurt wird aus Aufforderung des Vereins Frauenbildnng und Frauenstudium als Delegierte des jüdischen Frauenbundes nach Kassel entsandt.